Was haben wir uns für Gedanken gemacht. Ob wir ein rollstuhlgerechtes Auto brauchen – oder einen hohen SUV, in dem man nicht zu tief sitzt und in den man leicht einsteigen kann. Doch als wir Gerhard Finke, 100, gebürtiger Brandenburger, bei seinem Lieblingsitaliener in Berlin-Charlottenburg abholen, er aufsteht, mit Stock sehr zügig zum Auto geht und auf die Frage nach seinem Malerei-Studium über den Geniebegriff von Joseph Beuys zu sprechen beginnt, sind unsere Ängste verflogen. Herr Finke lebt in seiner eigenen Wohnung und geht jeden Tag zum Italiener essen. Heute wird er zwei Frauen treffen, die über hundert sind und in einer Seniorenresidenz wohnen. Frau Maltusch, 104. Frau Müller, 102. Wir haben sie für dieses Gespräch zusammengeführt. Die drei werden Kuchen essen und über das Leben reden. Herr Finke fragt uns, wie er die beiden ansprechen soll. Gnädige Frau? Madame? In Deutschland gibt es im Moment 17.000 Menschen, die hundert sind oder älter. So viele wie nie zuvor. Noch sind Hundertjährige eine Ausnahme. In ein paar Jahrzehnten aber wird das anders sein, die Lebenserwartung steigt und steigt. Dieses Gespräch ist also auch ein Blick in unsere Zukunft.

DIE ZEIT: Wir haben gelesen, dass man eine offizielle Urkunde vom Bundespräsidenten bekommt, wenn man hundert wird. Bringt die eigentlich jemand persönlich vorbei?

Frieda Müller: Nö, die kam mit der Post. Der Präsident kann ja nicht zu allen kommen. Wenn ich ehrlich sein soll: Ich weiß gar nicht, wo die ist. Ich nehme an, dass meine Tochter die hat.

ZEIT: Haben Sie Ihre Urkunde noch, Frau Maltusch?

Jutta Maltusch: Na, was meinen Sie denn! Solche Ehrenurkunden werde ich doch nicht wegschmeißen.

Gerhard Finke: Bei meiner war ein hochmoralischer Segensspruch dabei, den hat irgendein Referent geschrieben. Irgendwas mit Dankbarkeit. Ich war von diesem Brimborium, das man zu meinem 100. Geburtstag gemacht hat, eher irritiert.

ZEIT: Warum?

Finke: Ich wollte das nicht. Hundert werden ist kein Verdienst. Ich bin nicht gefragt worden, ob ich auf die Welt komme. Ich werde nicht gefragt, wann ich gehe. Aber man wird gefeiert, nur weil man hundert ist!

Müller: Na ja. War mal was anderes.

Maltusch: Die Leute brauchen das Außerordentliche. Es werden ja nicht so viele hundert. Mir war das schnuppe.

Finke: Genau. Die Leute brauchen die Hundert. Nicht wir.

Maltusch: Dann wird wieder gefragt: Was haben Sie dafür gemacht, dass Sie so alt geworden sind?

Finke: Und es gibt kein Rezept! Es gibt kein Geheimnis fürs ewige Leben. Brauchen Sie gar nicht nach zu fragen.

ZEIT: Wir fragen trotzdem: Wie sind Sie so alt geworden, Frau Müller?

Müller: Ich habe gelebt und meinen Haushalt gemacht. Ich hatte keine richtig schwere Arbeit. Gibt ja Menschen, die im Bergwerk gearbeitet haben, auch Frauen. Ich glaube: Es hängt schlicht von der Gesundheit ab.

ZEIT: Helmut Schmidt, der Herausgeber der ZEIT, wurde 96. Obwohl er nicht gerade gesund gelebt und sehr, sehr viel geraucht hat.

Müller: Furchtbar.

Finke: Manchmal halten solche Süchte einen ja auch am Leben.

ZEIT: Sprechen Sie da aus Erfahrung?

Finke: Nee. Ich bin viel zu trocken und zu märkisch, um Süchte zu haben. Ich bin so ein sachlicher Typ.

Maltusch: Hier stehen Teller, aber kein Kuchen. Wo ist denn der Kuchen?

ZEIT: Der kommt gleich noch.

Maltusch: Kommt gleich. Aha.