Riechen Sie das auch? Das ist die kleine Unannehmlichkeit vorweg. Bad Homburg begrüßt Sie mit den Worten "Champagnerluft und Tradition". Demnach müsste die Stadt ja Luftkurort sein – ist sie aber nicht, hier heilen die Quellen. Und auch aus denen sprudelt bloß Wasser. Der Slogan spielt darauf an, dass Bad Homburg einige der reichsten Deutschen zu seinen Bürgern zählt.

Um nicht aufzufallen, mieten Sie am Ortseingang, im Autohaus Bach, einen Lamborghini, wahlweise in Schwarz oder Gelb. Damit besuchen Sie Dornholzhausen, den Stadtteil der Reichen. Sie werden merken, dass die sanften Taunushänge wenig mit Glamour-Hügeln wie Beverly Hills gemein haben. Die teuren Autos stehen zwar auf den Bürgersteigen, aber sonst wird der Prunk hinter unvorstellbar hohen Hecken oder im Mischwald versteckt – und eine Ruhe ist auf den Straßen, so etwas haben Sie noch nicht erlebt. Vielleicht wehen ab und an sonnenbebrillte Damen mit Englischen Bulldoggen an Ihnen vorbei, aber sonst tut sich nicht viel.

Die Reserviertheit der Herrschaften überträgt sich aufs Personal. Falls Sie den Tipp mit dem Luxusauto ignoriert haben sollten, werden Gärtner oder Haushälterinnen Sie mit sachten Handbewegungen zum Weitergehen animieren.

Zurück im Stadtkern, stellen Sie das Auto nahe der Ritter-von-Marx-Brücke ab und laufen die Louisenstraße hinunter. Die örtliche Einkaufsmeile ist hübsch mit ihren barocken Fassaden, aber auch endlos lang. Wenn es Ihnen langweilig wird nach der x-ten Optiker- und Juwelier-Auslage, biegen Sie nach links ab in den Kurpark. Zwischen den Heilbrunnen blickt Ihnen traurig ein bronzener Hölderlin entgegen. Der Dichter lebte hier eine Weile und besuchte jeden Tag seine Geliebte in Frankfurt.

Wenige Meter dahinter schaut ein wohlbekannter Backenbartträger auf Sie herab, Kaiser Wilhelm I., der im Bad Homburger Schloss seine Sommerferien verbrachte. Ein Stück weiter, zwischen Seedammbad und Taunus Therme, tauchen zwei Monolithen am Straßenrand auf, die an ein düsteres Kapitel der Stadtgeschichte erinnern. Bei einem ihrer letzten Anschläge tötete die RAF an dieser Stelle den Manager Alfred Herrhausen in seinem Dienstwagen mit einer Sprengfalle.

Im Kurpark finden Sie auch die Spielbank, in der man Ihnen ab 14.30 Uhr Einlass gewährt (für 2,50 Euro). Gedämpfte Schritte auf rotem Teppich, das Kullern der Elfenbeinkugel im Roulettekessel – und Personenkult. Alles schreit nach Dostojewski; sogar die Bar hat man nach ihm benannt. Tatsächlich ist erwiesen, dass er seinen Roman Der Spieler vor 150 Jahren in Bad Homburg geschrieben hat und natürlich in der Stadt war, um genau das zu tun: zocken. Vorlage für das im Roman beschriebene "Roulettenburg" könnte allerdings auch Wiesbaden gewesen sein, mit dem sich Bad Homburg seit Jahrzehnten eine hesseninterne Schlacht um das Erbe des russischen Schriftstellers liefert. Sie sehen, der Kurpark ist seit je ein von allen guten und bösen Geistern heimgesuchter Grünstreifen.

Was ist sonst geblieben vom Glanz deutscher Kurstädte? Die Antwort ist leicht: Es sind die Patienten. Überall sitzen sie, sprechen über Arthrose, Borreliose und Viskose (Kompressionsstrümpfe). Wenn Sie sich an der Kaiser-Friedrich-Promenade in eine Kurhotelbar setzen, können Sie eine ungehemmt lustvolle Krankenfrivolität beobachten. Mitunter mischen sich reiche Hügelbewohner unter die Kranken und verkünden, wie wenig Gesundheitsvorsorge zählt, wenn nur die Vermögensvorsorge stimmt. Wenn Sie skurrile Figuren mögen, sind Sie hier gut aufgehoben. Und werden bald glauben, dass Dostojewski seinen psychologischen Feinblick in dieser Stadt perfektioniert haben muss.

Seitdem hat sich hier wenig verändert, und das ist nicht erschreckend, sondern beglückend, weil Sie in Bad Homburg merken, dass trotz Reichtum oder Krankheit das Leben weitergeht, weitersprudelt. Sollten Sie sich also einmal unpässlich fühlen (und nicht spielsüchtig sein), geben Sie der Stadt eine Chance. Nirgendwo ist man luxuriöser krank als hier.