Ein bisschen Wehmut schwingt mit. Am Wochenende war Doris Bures noch in New York. Die 53-jährige Präsidentin des Nationalrates traf UN-Generalsekretär António Guterres und restituierte ein Buch aus der Parlamentsbibliothek an die Nachfahren eines Holocaust-Überlebenden. Währenddessen wurden in Wien die Umzugskartons aus ihrem Büro über den Ring in die Container vor der Hofburg getragen. Drei Jahre lang wird das Parlament wegen Renovierung ausgelagert. Der Prunk weicht Zweckmäßigkeit.

Dass Doris Bures an diesem Donnerstag nach der letzten Sitzung des Nationalrates das baufällige Gebäude zusperrt, hatten nicht viele erwartet. Es ist nicht lange her, da war die mächtigste Politikerin der Republik angezählt: Sie galt als Vertraute ihres Jugendfreundes, des gestürzten SPÖ-Bundeskanzlers Werner Faymann. Seinem Nachfolger Christian Kern hatte sie, als der noch ÖBB-Chef war, einmal attestiert, für die Politik ungeeignet zu sein.

Dann wurde eine Sedisvakanz zu ihrem Glücksfall: Als Österreich im vergangenen Jahr keinen Bundespräsidenten hatte, übernahm das Parlamentspräsidium mit Bures an der Spitze die Aufgaben. Sie unterschrieb Gesetze, akkreditierte Botschafter und verlieh Ehrenzeichen. Sie tat das still, nützte die Monate nicht zur Selbstdarstellung – und niemand vermisste das Staatsoberhaupt. Der Wind drehte sich zu ihren Gunsten. Bei der Nationalratswahl kandidiert sie auf Platz zwei der Wiener Landesliste der SPÖ hinter Christian Kern – das ist mehr als nur eine symbolische Geste, es zeigt ihr politisches Gewicht.

Am letzten Plenartag im alten Parlamentsgebäude hält sie eine Rede und mahnt mehr Respekt in der Politik ein: "Ich wünsche mir, dass wir alle trotz Wahlkampf nicht vergessen, dass wir eine wichtige Vorbildwirkung haben", sagt sie vorab. "Wir müssen beim demokratischen Wettstreit auf mehr Anstand und Fairness achten. Andernfalls entsteht in der Bevölkerung das Gefühl, die Politiker werden mit ihr so umgehen, wie sie auch miteinander umgehen", sagt Bures. Das sei der Nährboden für autoritäre Parteien.

In der Kindheit gab es nicht viel, nur die Partei war immer da

Es sind seltene Momente, in denen Doris Bures konkret wird. Meist ist sie schwer zu fassen, auch im direkten Gespräch. Sie lacht, ist freundlich, und doch wirkt vieles einstudiert. Penibel ist sie darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Ein Wahlkampf werde nie im Streichelzoo geführt, meinte sie einmal in einem Interview – der Satz wurde von einem Berater vorab aufgeschrieben und abgetestet.

In der SPÖ hat Doris Bures bei vielen keinen guten Ruf. Hart, rücksichtslos, mitunter brutal sei sie, erzählen viele in der Partei – Attribute, die Männer in ein gutes Licht rücken würden, sind bei ihr despektierlich gemeint. An ihr scheiden sich unter den Genossen die Geister. Viele sind an ihr gescheitert. "Egal wie viel man arbeitet, sie arbeitet mehr, das ist frustrierend", erzählt einer. Offen traut sich keiner, Schlechtes über sie zu sagen.

Bures’ Karriere ist eine klassische Aufsteigergeschichte und untrennbar mit der SPÖ verwoben. Sie wuchs als viertes von sechs Kindern am Stadtrand in Wien-Liesing auf. Der Vater war Werkzeugmacher und verließ die Familie, als seine Tochter sechs Jahre alt war. Die Mutter arbeitete als Krankenschwester. Es gab nicht viel, aber die Partei war immer da. Die Kinder gingen zu den Roten Falken und liefen beim Aufmarsch am 1. Mai mit. Im Jahr 1978 schloss sich Doris Bures im Teenageralter der Anti-Atom-Bewegung an. Damals mit dabei: der Liesinger Chef der Sozialistischen Jugend (SJ) Werner Faymann.

Mit 15 Jahren begann sie eine Lehre als Zahnarztassistentin, wechselte aber bald als Schreibkraft in die SJ. Dort lernte sie Alfred Gusenbauer kennen, der sie in das Bundessekretariat der Jugendorganisation holte. 1990 zog sie in den Nationalrat ein und war in der SPÖ-nahen Mietervereinigung tätig – dort werkte zuvor Werner Faymann. Über ihn lernte sie Wolfgang Jansky kennen, ihren früheren langjährigen Lebensgefährten, mit dem sie eine Tochter hat. Jansky wurde Geschäftsführer der Wiener Gratiszeitung Heute – ein Blatt, das viele Inserate aus SPÖ-Ministerien bekommt. Das Magazin Profil nannte die Jugendfreunde einmal "Liesinger Mafia". Ein Begriff, mit dem Bures wenig anfangen kann. "Die Mafia gibt es in Sizilien", sagt sie, wird etwas lauter und fixiert ihr Gegenüber mit stechendem Blick. Man bekommt ein leichtes Gefühl davon, wie es sein muss, harte Verhandlungen mit ihr zu führen.