Auf gemeinsamen Pressekonferenzen sagt er "Angela", sie indessen sagt "Emmanuel Macron" und hält Distanz. Bisher. Mal sehen, ob sich das am Donnerstag dieser Woche geändert hat, wenn der deutsch-französische Ministerrat in Paris zum Gipfeltreffen zusammenkommt. Verstehen kann man die Bundeskanzlerin. Hatte sie nicht zuvor schon einen Nicolas und einen François, und wurde sie nicht von beiden enttäuscht? Allerdings hat sie es jetzt mit einem jungenhaften Typen zu tun, der die Welt dadurch verblüfft, dass er so ziemlich alles richtig macht und vor niemandem Angst zu haben scheint, nicht vor wütenden Arbeitern, denen er im Wahlkampf offenherzig erklärte, dass er ihre Firma nicht retten kann, und nicht vor Wladimir Putin, den er kürzlich während einer Pressekonferenz im Schloss von Versailles gekonnt in den Senkel stellte.

Nur leider kann es mit der neuen Prächtigkeit nicht ewig so weitergehen. Diese Woche meldete sich jene Wirklichkeit zurück, die sich in Zahlen ausdrückt, die unerbittliche Realität der Einnahmen und Ausgaben. Und gleich gab es Gewackel: Weil das vom Vorgänger geerbte Budget böse Lücken aufweist, kündigte der Premierminister an, die versprochenen Steuersenkungen auf das Jahr 2019 zu verschieben. Woraufhin die Geschäftswelt so lange protestierte, bis der Präsident nachbesserte; nun geht es doch schon 2018 los. Allerdings hatte Macron versprochen, den Haushalt zu sanieren. Schwierig. Auf einmal ist nicht mehr alles eitel Sonnenschein bei Hofe.

In einem Monolog von Schillers Wallenstein heißt es: "Leicht beieinander wohnen die Gedanken / Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." Sylvain Fort kennt diese Zeilen, der 45-Jährige ist Experte für Friedrich Schiller, dessen Jugendwerke er übersetzt hat. Fort residiert im obersten Geschoss des Élysée-Palastes und ist Macrons "Berater für Reden und mémoire". Für was? Gedächtnis, Erinnerung? Was mit mémoire gemeint ist, erschließt sich aus den Auftritten des Chefs. Der ruft als Redner nicht bloß historische Ereignisse auf, wie von seinen Vorgängern bekannt, sondern diskutiert über den Sinn der französischen Geschichte. Er pflegt die Erinnerung, etwa indem er entschied, die sterblichen Überreste Simone Veils zusammen mit denen ihres Ehemanns Antoine ins Panthéon zu überführen – das Politikerpaar, das die Schoah überlebt hatte, sollte unzertrennlich bleiben. Es ruht nun neben Voltaire, Hugo, Zola. Eine Geste, wie die Franzosen sie lieben.

Mémoire hat noch einen weiteren Sinn. Im Élysée denkt man allen Ernstes bereits an die Nachwelt. In Macrons Reden finden sich Formulierungen, die auf die Schulbücher späterer Generationen zielen, etwa der Schlusssatz jener Ansprache, die er vor den Abgeordneten von Nationalversammlung und Senat vorige Woche im Schloss von Versailles hielt: Sein Ziel sei es, "dem Menschen, endlich, ein Land zu erbauen, das seiner würdig ist". Wow.

Macron hat verinnerlicht, dass der Präsident eine Institution ist, die strahlen soll. Es ist mitnichten bloß ein Bonmot, dass der Präsident der Republik an die Stelle des Königs getreten sei, vielmehr enthält dies eine korrekte Beschreibung der politischen Gefühlswelt Frankreichs. Das Land hat eine jahrhundertealte Geschichte, in die jeder zurückblickt, der über Politik spricht – und jeder spricht in Frankreich über Politik. Besonders über jenen Politiker, der die Nation verkörpern soll.

Just deswegen hat es das Volk so gehasst, dass der zappelige Nicolas Sarkozy das Amt "entweihte", wie es damals hieß, und dass François Hollande es der Lächerlichkeit preisgab. Alles an Macrons Verhalten zeigt, dass er diese Wunde heilen will. Vertraulichkeiten mit Journalisten verbietet er sich, plappert nicht in jedes Mikro und zeigt, dass er seinen Charles de Gaulle gelesen hat; der hatte schon als 34-Jähriger in einem Aufsatz, Pflichtlektüre an Eliteschulen, geschrieben: "Es gibt kein Ansehen ohne Geheimnis, denn man bewundert nicht, was man zu gut kennt." Macron gibt insbesondere seine Entscheidungsprozesse nicht preis, wie aus seiner Umgebung zu erfahren ist.

Pariser Journalisten missfällt das natürlich. Sie werden, anders als früher, oft mit nichtssagenden Kommuniqués abgespeist und fühlen sich vergackeiert. Das übliche Interview am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, wurde gar mit der Begründung abgesagt, die Gedanken des Präsidenten seien "zu komplex" für so was, berichtete die Tageszeitung Le Monde . Man kann es auch übertreiben.

Geradezu symbolisch überladen ist das offizielle Foto des Staatschefs. Da lehnt sich ein eiskalt lächelnder junger Mann an den Schreibtischrand, abgestützt auf seine muskulösen Fäuste. Auf dem Tisch sind gleich zwei iPhones zu erkennen, natürlich auch Bücher (über deren Symbolik Lästermäuler alles Mögliche verbreiten: War André Gide nicht schwul? Ist Stendhals Rot und Schwarz nicht die Geschichte eines jungen Mannes, der einem Älteren die Frau ausspannt? Und so weiter). Da steht auch eine Uhr. Macron als Meister der Zeit. In der Tat hat er sich schon mehrmals über angekündigte Uhrzeiten hinweggesetzt, etwa von wichtigen Erklärungen. Machttheater.

Dem Volk gefällt’s. Kaum im Amt, flog Macron, der Ungediente, zu den französischen Truppen in Mali und wirkte dort wie am rechten Platz. Und als er sich vergangene Woche von einem Hubschrauber auf ein Atom-U-Boot abseilen ließ, sah das ziemlich unerschrocken aus. Cool auch, dass er Donald Trumps rechte Hand wie in einem Schraubstock arretierte, als dieser ihn vor einigen Wochen zur Begrüßung aus dem Gleichgewicht bringen wollte. Überhaupt Trump: Während des G20-Gipfels in Hamburg saß Macron mehrmals neben dem Amerikaner und eröffnete ihm unbekümmert, im Dezember werde Paris zu einem neuerlichen Klimagipfel laden.

Chuzpe hat er. Allerdings ist Merkel nicht leicht zu beeindrucken. Schon gar nicht von einem Präsidenten, der wie seine Vorgänger ankündigt, er wolle Frankreich und Europa von Grund auf reformieren, auch für das deutsch-französische Verhältnis trage er sich mit neuen Ideen. Deshalb ist im Élysée zu hören, dass es man jetzt anders halten und erst einmal zeigen wolle, dass Frankreich zu Reformen imstande sei. Diese Reihenfolge hatte Macron im Wahlkampf angekündigt. Bis Ende Oktober die neue Bundesregierung zustande gekommen ist, will er den Deutschen etwas vorweisen können.

Nicht nur der Stil ist also neu, sondern auch die Methode. Frankreich will nicht mehr zum Jagen getragen werden, sondern aus eigener Kraft loslegen. Nicht zuletzt deswegen zwingt der Präsident seinen Premier, dem laufenden Haushalt schon mal 4,5 Milliarden Euro abzuzwacken, später mehr. Sogar die Entwicklungshilfe soll empfindlich gekürzt werden.