Es ist zu seinem Mantra geworden. Nahezu täglich fordert Außenminister und ÖVP-Kanzlerkandidat Sebastian Kurz: Die Mittelmeer-Route, über die Monat für Monat Zehntausende Migranten aus Schwarzafrika nach Europa drängen, müsse ein für alle Mal geschlossen werden. Das sagt sich leicht und klingt – vor allem wenn ein Wahltermin vor der Tür steht – verlockend. Leider vergisst der Minister regelmäßig hinzuzufügen, wie er dieses Ziel zu erreichen gedenkt.

Das Wetter vor der nordafrikanischen Küste lädt derzeit geradezu ein, sich in den überfüllten Schlauchbooten und hölzernen Kähnen, welche skrupellose Schleuser bereitstellen, aufs offene Meer zu wagen. In den Gewässern vor Libyen kreuzt eine private und staatliche Rettungsflottille. Bis zu 4.000 Menschen fischen die Helfer täglich aus dem Wasser. Dennoch ertrinken immer wieder Hunderte. Über den Wellen kreisen Überwachungsdrohnen. Dadurch können die Mitarbeiter von Frontex, der EU-Agentur für Grenzschutz, in ihrer Warschauer Zentrale das Drama im Mittelmeer in Echtzeit verfolgen. Nichts scheint den Menschenstrom stoppen zu können. Hält der Exodus aus Afrika im gegenwärtigen Tempo an, schätzt die Migrationsbehörde der Vereinten Nationen, könnten bis Ende des Jahres 230.000 afrikanische Flüchtlinge die Reise nach Italien geschafft haben. Und im nordafrikanischen Hinterland warten weitere Millionen auf ihre Chance.

"Wir locken diese Menschen in den Tod, weil ihre einzige Chance, nach Europa zu kommen, darin besteht, irgendwelchen Gangstern einen Haufen Geld für einen Platz auf einem lecken Boot zu zahlen", meint der Wirtschaftsprofessor Paul Collier von der Universität Oxford, einer der führenden Migrationsexperten. Seit Jahren predigt er, die Europäer müssten ihre Politik ändern. "Jeder, der mit dem Boot kommt, sollte automatisch zurückgeschickt werden. Erst wenn das durchgesetzt ist, werden die Leute aufhören, es zu versuchen." Klingt plausibel, die große Mehrheit der Migranten stammt längst nicht mehr aus autoritären Staaten wie Eritrea oder dem Sudan, sondern aus Ländern wie der Elfenbeinküste, Senegal, Ghana oder Sierra Leone, also nach herkömmlicher Anschauung demokratisch verfassten Staaten. Sie flüchten nicht vor Repression, sondern wollen der Armut in ihrer Heimat entkommen und haben daher kaum je eine Chance, Asyl in der EU zu erhalten. Daher wäre es logisch, sie zurückzuschicken. Bloß weigern sich in der Regel die Herkunftsländer trickreich, ihre emigrierten Bürger wieder aufzunehmen – nicht zuletzt, weil Migration selbst zu einem Wirtschaftsfaktor geworden ist. 34 Milliarden Euro, schätzt die Weltbank, seien allein 2015 aus dem goldenen Westen nach Afrika zurück geflossen. Und selbst wenn die Abschiebepraxis funktionieren sollte, entgehen Migranten leicht einer Rückführung, indem sie ihre Personaldokumente vernichten und ihre Herkunft verschleiern. Die Mittelmeer-Route ist zu einer Einbahnstraße geworden. Doch wie soll sie blockiert werden?

Eine gängige Antwort lautet: Die reichen Nationen müssten die Fluchtursachen beseitigen. Doch das wird sich nach den Versäumnissen der vergangenen Jahrzehnte nicht so leicht erreichen lassen. Afrika laboriert an einer Bevölkerungsexplosion, die gegenwärtig 1,2 Milliarden Afrikaner wachsen jährlich um drei Prozent. Das Wirtschaftswachstum kann mit der Zunahme der Menschen, die auf dem Kontinent leben, nicht mithalten. Die Massen ballen sich in den Metropolen, die sich immer mehr in riesige Slums verwandeln. Zudem krallen sich die korrupten Eliten den Löwenanteil der Entwicklungshilfe, die in ihre Länder fließt. Bevölkerungswachstum und Perspektivlosigkeit sind das Reservoir, aus dem sich die Mittelmeer-Route speist. Hoher Aufwand und langer Atem werden benötigt, um dieses explosive Gemisch aus der Welt zu schaffen. Nicht einmal mittelfristig lässt sich aber damit der Migrantenstrom eindämmen.

Es bleiben nur wenig Optionen, um die Forderung, die Sebastian Kurz in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes gerückt hat, zu verwirklichen. Und keine davon dürfte mehrheitsfähig sein. Die Flüchtlingskarawane, die 2015 aus dem Nahen Osten über den Balkan nach Österreich und Deutschland zog, konnte durch eine doppelte Strategie zum Stehen gebracht werden. Zum einen produzierten martialische Grenzbefestigungen die "hässlichen Bilder", die Kurz prophezeit hatte, zum anderen verhindert ein Abkommen zwischen der Türkei und der EU, dass die Menschenschmuggler weiterhin ungestört ihrem Geschäft nachgehen können.

Beide Möglichkeiten stehen im Fall der Mittelmeer-Route aber nicht zur Verfügung. Die Menschen in ihren Seelenverkäufern dem Schicksal zu überlassen und auf die Macht der hässlichen Bilder von Ertrunkenen zu vertrauen verbietet jede humanitäre Norm. Und von einem gescheiterten Staat wie Libyen zu erwarten, er könne die Schleuserkriminalität unter Kontrolle bringen, ist weltfremd. Das konnte Diktator Muammar al-Gaddafi, der sich dafür von Italien mit vielen Millionen Euro belohnen ließ. Als ihn die Jets der Nato von der Macht bombten, öffneten sie zugleich die Mittelmeer-Route.

Jetzt kontrollieren rivalisierende Regierungen und Milizen die 1.770 Kilometer lange Küstenlinie. Mit einigen können vielleicht Abkommen geschlossen werden, wodurch aber höchstens die Schleuser gezwungen werden, ihre Aktivitäten zu verlagern. Letztlich wird der EU selbst die Aufgabe überlassen bleiben, die Schlupflöcher zu schließen.

Die Mittelmeerroute

IOM © ZEIT-Grafik

Natürlich klingt die militärische Option utopisch, aber sie ist in letzter Konsequenz das Mittel der Wahl, wenn die Forderung nach einer Schließung der Mittelmeer-Route verwirklicht werden soll. Die Union kann sich auf die vitalen Interessen ihres Staatenbundes berufen, der unter der Bürde der Migrationskrise zu zerbrechen droht. Unter einem Prätext kann sie dem Hilferuf einer libyschen Fraktion Folge leisten und Truppen entsenden, die den Wüstenstaat de facto in ein temporäres Protektorat der Europäer verwandeln. Unter dem Schutz der EU-Soldaten können auch die Wartezonen eingerichtet werden, in denen alle jene Migranten Aufnahme finden, die einerseits weiterhin aus dem Meer gerettet werden und anderseits nicht aus Europa in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden können. Der Begriff Internierungslager wäre nicht zulässig. Die Camps haben einen Ausgang: Er führt in Richtung Heimat.

Gewiss, auch diese Operation würde Europa nicht von dem Migrationsdruck befreien, aber sie kaufte Zeit, in der die flankierende Aufbauhilfe in Afrika beginnen könnte, zu greifen. In der Zwischenzeit müssten die Europäer ein wenig von ihrer moralischen Anhöhe herabsteigen und all jenen ein Stück entgegenkommen, denen sie so gerne mit Sanktionen drohen. Aber das europäische Projekt wäre endlich in der Wirklichkeit der Geopolitik angekommen.

Sebastian Kurz sollte das hinzufügen, wenn er wieder fordert, die Mittelmeer-Route müsse endlich geschlossen werden. Geht, aber hat seinen Preis.