Mit wem soll man bloß anfangen: mit der Frau, die am Rande Schwerins eine Web-2.0-Firma gegründet hat, aber dafür erst mal ihr Dorf ans schnelle Internet anschließen lassen musste? Mit dem Koch, der entschieden hat, in seiner Heimatstadt Erfurt, der Kapitale der Bratwurst, nach Jahren in der Fremde junge, frische Sternegastronomie anzubieten? Oder mit dem Abiturienten, der in einer Magdeburger Wohnung wie ein König lebt, weil die Miete fast nichts kostet – und der ein Leben führt, das sich in Düsseldorf nicht mal Ärzte leisten könnten?

Es ist eigentlich egal, jede dieser Geschichten erzählt vom Aufbruch, vom Osten. Es sind die Geschichten, die hier in den vergangenen fünf Wochen ihren Platz fanden: Wochen, in denen die ZEIT im Osten untersucht hat, wie glücklich die Hauptstädte der neuen Länder sind. Wir haben die Bewohner dieser Städte einfach gefragt: Was ist Ihr Glück, was läuft gut bei Ihnen, was schlecht?

Das Ergebnis hat uns selbst überrascht, und es gibt ein Wort, das uns jetzt, ganz am Ende, eingefallen ist. Es lautet: Gleichzeitigkeit.

Dass wir unsere Serie überhaupt begonnen haben, lag an einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Die Wissenschaftler dort hatten behauptet, dass die Ostdeutschen glücklich seien wie nie. Und inzwischen fast so glücklich wie die Westdeutschen. Auch andere Studien, die es immer wieder gab in der jüngeren Vergangenheit, behaupteten ein neues Zufriedenheitsgefühl Ost: Die Ostdeutschen gehen inzwischen, nur als Beispiel, lieber zur Arbeit als die Westdeutschen. Sie geben mehr Geld für Urlaub aus. Sie greifen deutlich seltener zu Süßigkeiten als Westdeutsche (das ist ja nun wirklich ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Ossis glücklicher sind, finden Sie nicht?).

Also, es geht den Ostdeutschen gut. Vielleicht kam der Aufschwung zehn, 15 Jahre später als einst von Helmut Kohl versprochen, vielleicht waren die Entbehrungen zwischenzeitlich härter, als alle je dachten, aber jetzt läuft es. Jetzt kann man sagen: Es macht glücklich, im Osten zu leben.

Damit zur Gleichzeitigkeit.

Diese Glücksstudien können doch nicht wahr sein, dachten wir, die Journalisten, die sich für die ZEIT im Osten in den vergangenen zwei Jahren besonders intensiv mit Pegida und der AfD auseinandergesetzt haben. So viel Glückseligkeit, dachten wir, ist uns ja nun nicht begegnet in dieser Zeit. Haben wir nicht eher gelernt, wie schlecht gelaunt viele Ostdeutsche sind? Wir wollten wissen, wie das zusammenpasst: dieses plötzliche Glücklichsein, wo doch gerade noch alle so wütend schienen.

Dann ist uns klar geworden, dass es sich offenbar gar nicht um gegensätzliche Gefühle handelt. Das eine Gefühl folgt vielmehr aus dem anderen, und beide sind zusammen da. Nach dem Pegida-Schock, nach den AfD-Jahren, nach dem Gefühlschaos, in das der Osten sich in den vergangenen Jahren gestürzt hat – ist eine neue Zeit angebrochen. Eine Zeit, in der die vielen Zufriedenen nicht mehr wollen, dass aus ihren Orten nur schlechte Laune ausgesandt wird. Pegida ist noch nicht ganz gestern, aber wir schauen schon mal in Richtung morgen. Das ist die Gleichzeitigkeit, in der der Osten gerade lebt. Wenn vieles gleichzeitig passiert, heißt das übrigens schon mal eines: dass eben vieles passiert. Darin unterscheiden sich Erfurt oder Magdeburg oder Dresden von mancher saturierter Stadt anderswo. Gleichzeitigkeit macht eine Stadt erst so richtig interessant. Was also ist der Osten 2017? Eine nicht ganz einfache, eine launische, eine wechselhafte Persönlichkeit, die in den letzten zwei Jahren entdeckt hat, dass sie ganz schön wütend sein kann. Aber auch gelernt hat, dass Wut irre anstrengend ist.

Die Sandwich-Phase zwischen Wut und Glück, in der der Osten sich gerade befindet, brachte in der Serie eine Frau auf den Punkt, die noch nicht lange hier lebt. Marion Ackermann, Chefin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. "Meine Beobachtung: Eine neue Zeit bricht an", sagte Ackermann, "ich sehe Parallelen zur Post-Apartheit in Südafrika, auch wenn das ein sehr extremes Beispiel ist." Selbst wenn der Vergleich historisch, wie sie sagt, gewagt ist – was sie beobachtet hat, ist klug: Da beginnt die Aufarbeitung ostdeutscher Traumata und Probleme der DDR- und vor allem Post-DDR-Zeit in einer Ehrlichkeit und Offenheit und Schonungslosigkeit, die man bisher nicht kannte. Die Pegida-Zeit hat viele das Reden gelehrt, die vorher schwiegen. Die Standpunkte sind ausgetauscht. Es setzt – gleichzeitig – auch die Reflexion der beinahe genialen Aufbauleistung ein, die die Ostdeutschen nach 1990 vollbracht haben. "Ich wüsste nicht, dass ich jemals zuvor die Chance gehabt hätte, Skeptikern oder Zweiflern so direkt und so offen zu begegnen", sagte Ackermann. Ständig gerate sie in Debatten, die sie aus dem Westen nicht kenne. Kaum irgendwo werde so grundsätzlich diskutiert.