Wir müssen uns treu bleiben, beschwören die Europäer nach jedem islamistischen Terroranschlag aufs Neue und verweisen auf die westlichen Werte. Sich durch den Terror nicht erschüttern zu lassen gilt als erste Bürgerpflicht. Jedes Nachdenken über uns selbst liefe Gefahr, als ein Zugeständnis an die Extremisten aufgefasst zu werden. Statt uns an die eigene Nase zu fassen, sollen die Muslime für den richtigen Islam demonstrieren und sollen euroislamische Imame ausgebildet werden. Dass es zum islamischen Terrorismus gekommen ist, hat gemäß dieser Sichtweise vor allem etwas mit radikaler Propaganda zu tun.

Aber könnte nicht auch eine schwer erträgliche Realität Menschen radikalisieren?

Auf internationaler Ebene gipfelt die Politik der Realitätsverleugnung gerade darin, den Golfstaat Katar als die Wurzel allen Übels zu betrachten. Dass in Wahrheit die Saudis die Hauptverantwortlichen für die Verbreitung eines radikalen Islams sind, weiß inzwischen zwar jeder. Aber niemand ist bereit, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Katars Problem ist allein die Tatsache, dass der dortige Satellitensender Al-Dschasira zeigt, wie Saudi-Arabien und Ägypten die Muslimbrüder verfolgen.

Wer den Terror vor allem für ein ideologisches Problem hält, nimmt die dahinterstehenden realen Probleme nicht ernst, ja scheint bestreiten zu wollen, dass es jenseits der falschen Weltsicht überhaupt echte Probleme gibt. Damit begibt man sich auf dieselbe Argumentationsebene wie die Propagandisten des Terrors. Diese denken ebenfalls, dass man einer widrigen Realität am besten mit schönen Bildern und dem wahren Glauben begegnet. Was dann jenseits dieser Bilder in der Realität passiert, erscheint sekundär.

Der IS hat die Bevölkerung von Mossul auf brutale Weise als Schutzschilde genutzt, und die irakische Armee und die amerikanische Luftwaffe haben darauf wenig Rücksicht genommen. Beide Seiten haben unschuldige Menschen für ihre Ziele geopfert. Ähnliches gilt für den Jemen, wo Zehntausende an Cholera erkrankt sind, Resultat des von Saudi-Arabien angezettelten Krieges mit neuesten westlichen Waffen. Und es gilt für Erdoğans Zerstörung kurdischer Städte in der Osttürkei unter dem Vorwand des Kampfes gegen die PKK. Deradikalisierungszentren helfen nicht gegen die Wut, die hier geschaffen wird.

Wann hat Europa sich zuletzt für die Arbeitsbedingungen all jener Pakistaner und Bangladescher interessiert, die in Katar die Stadien für die Fußballweltmeisterschaft 2022 bauen? Wer berichtet über die berechtigten Proteste im marokkanischen Rif-Gebirge, die vom Staat unterdrückt werden? Die Demonstrationen hatten begonnen, nachdem ein Fischverkäufer seine von der Polizei beschlagnahmte Ware aus einem Mülltransporter retten wollte und dabei zu Tode gequetscht worden war.

Hier liegen die Ursachen von Flucht und Terror – nicht in einer falschen Islamauslegung, sondern in Raffgier, Reformunfähigkeit, krasser Verteilungsungerechtigkeit und Ausgrenzung auf allen Ebenen, sowohl in der islamischen Welt wie inzwischen auch in vielen westlichen Gesellschaften. Es sind vor allem muslimische Einwanderer, die in Europa an den Rand gedrängt werden.

Doch Hauptsache, wir lassen uns in unserer prächtigen Lebensart nicht anfechten! Diese Selbstgefälligkeit vernebelt den gesunden Menschenverstand und verunmöglicht die Einsicht, dass es mehr braucht als ein paar radikalisierte Prediger, um junge Menschen zu Mord und Selbstmord zu treiben. Während man den gegenwärtigen Dschihadisten das Wasser abzugraben vorgibt, ist die Produktion der zukünftigen in den genannten Orten bereits in vollem Gang.

Die bittersüße Botschaft, die uns der Terror vermitteln würde, wenn wir ihn ernst nähmen, kennen wir aber dank des berühmten Verses von Rainer Maria Rilke schon lange: "Du musst dein Leben ändern!"

Ob wir das wollen und dazu in der Lage sind? Eine ernsthafte Terrorbekämpfung bräuchte als erstes Zeit; was heißt, dass uns der Terror noch Jahre und Jahrzehnte begleiten wird und kein Fall für Legislaturperioden und Wahlkämpfe ist. Gegen korrupte Herrschaftsstrukturen muss eine entschiedene Haltung eingenommen werden. Keine freilich, welche jede Zusammenarbeit verweigert, aber doch eine, die die Korruption nicht auch noch vergoldet. Eine WM in Katar darf, ganz unabhängig von der gegenwärtigen Krise, deshalb nicht stattfinden.

Zudem muss der aggressive Agrarexport nach Afrika so bald wie möglich unterbunden, das heißt die europäische Agrarlobby in die Schranken gewiesen werden.

Und im Westen muss der Staat wieder in die Lage versetzt werden, nicht nur die Knappheit zu verwalten, sondern die soziale Lage großflächig zu gestalten. Punktuelle Integrationsbemühungen für sogenannte Problemviertel reichen nicht. Das betrifft auch die Bildungspolitik. Wer möchte, dass die Leute ordentlich Deutsch sprechen, muss nicht nur ein bisschen mehr tun, sondern erheblich viel mehr – etwa Lehrer ausbilden und einstellen.

All dies wird nicht möglich und finanzierbar sein, wenn nicht zugleich unser Anspruchsdenken radikal hinterfragt wird. Was brauchen wir wirklich? Viel weniger, als wir haben! Was brauchen die anderen wirklich? Viel mehr, als sie haben! Alles das ist teurer und unbequemer als die Herumdokterei an Begriffen wie Islam und Integration; aber es ist das Einzige, was uns und dem Islam gegen den Terror helfen wird.