Wie unbegreiflich! Welch ein Zusammenspiel!", rufen ein ums andre Mal in Ionescos Kahler Sängerin der Mann und die Frau, je mehr ihnen klar wird, dass sie sich seit Langem kennen, ja dass sie gar des Nachts im selben Bett liegen, weil sie offenbar verheiratet sind – und auch noch miteinander!

Gerhard Polt, die Well-Brüder (einst Biermösl Blosn) und die Toten Hosen schätzen sich seit drei Jahrzehnten, waren schon in Wackersdorf beim Protest vereint, später dann haben die "Hosen" gegen Bayern und München geätzt (was auch immer mit Fußball zu tun hatte – der übliche Blödsinn halt), es gab Stunk und Zoff und Truthahngebalz.

Jetzt harfen und trompeten, schuhplatteln und drehleiern die drei Well-Brüder, dass es eine Art hat, in der Jugendstil-Schatulle der Münchner Kammerspiele, und dann hauen ihnen die Toten Hosen von Düsseldorf Keyboard, Bass, Drums und Gitarren um die Ohrwaschel, dass der Masse in Parkett und Galerie Hören und Sehen vergeht und es schon einen Gerhard Polt braucht, der den Orkan droben wie drunten dämpft.

Polt gibt den ausgebufften Impresario aus der Volkstumsszene, der "diese interessanten Newcomer" mit lukrativen Tourneeverträgen umwirbt ("Bei mir ist auch immer viel Werbung dabei, gell, finanzmäßig is da oiso jede Menge drin"); ein abgebrühter Stimmungshändler, der – als alle eingeseift sind – in seinen grauenvollen Triumphtanz "Emambwele" ausbricht: das Schwergewicht als Elfe, jodelnd, krähend, stampfend – und der Saal tobt. Tobt auch bei den Tophits der Toten Hosen, bei Laune der Natur, Wannsee, Mädchen aus Rottweil und Gegenwind der Zeit; tobt bei den drei Well-Brüdern, wenn Stofferl wieder seinen Händel bläst, seinen Mozart flötet in rasenden Trillern; wenn Karl beim Bauchtanz seine Bierwampe vorschnellen lässt und Michi einen schottischen Highlander trippelt. Eine Wucht im Wortsinn.

Sie schätzen einander, kein Zweifel, sie musizieren zusammen (ob den Alte Kameraden- Marsch, einen Forty-Cent-Rap zum Milchpreis oder Tage wie diese- Hits), sie begleiten unplugged ländliche Protest-Gstanzl und städtische Nazi-Schweinereien, und doch ist mehr und mehr zu spüren, dass der fabelhafte Campino und seine "Hosen" die feinstimmigen Wells an die Wand drücken. Was auch daran liegt, dass die "Hosen"-Fans von Haus aus auf Jubelkrakeel und Ekstase gebürstet sind, extra anreisen, gern vorglühen und dann auch wedeln, mitklatschen und hüpfen wollen.

Die Kammerspiele mutieren darüber zum Hexenkessel: Die Luft dampft, die Mädels kreischen und kartätschen die Hände, die Texte gehen unter. Die vier Girlies vor mir, hinreißend tätowiert, Selfies schießend und Bierflaschen kippend, schleuderten kreiselnd ihre Jäckchen, dass man in Deckung ging, hopsten und besprangen die Polster, während Campino im Gegenwind der Zeit von Baseballschlägern, Sauerkraut und Hitlergruß zu singen versuchte. Welch ein Zusammenspiel! Wie sehr begreiflich im Aufeinanderprall der Welten!