Was schwer zu verstehen ist, klingt natürlich beschwörend-geheimnisvoll und wird durch Ehrfurchtszeichen verstärkt: Während des rasend schnell genuschelten Stufengebets gelingt es dem (knienden) Messdiener mühelos, zum jeweils genau richtigen Zeitpunkt das Messgewand des Priesters anzuheben, damit dieser sich leichter verbeugen kann.

So routiniert sind dann doch vielleicht nur die Piusbrüder. In Berlin bieten verschiedene Vereinigungen eine tridentinische Messe an, auch das Erzbistum. Aber täglich zweimal, das schaffen nur die Brüder, jene konservativ-aufmüpfige Truppe, die sich unter dem exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre formte und die die modernen Lehren des Konzils sowie die neue Liturgie ablehnt.Ist es denn möglich, die alte Messe ohne das an sie drangehängte Menschenbild zu haben? Muss ein Individuum, das auf Knien Latein anhört, gleich ein unmündiger Mensch sein, der die Religionsfreiheit ablehnt, die Gewissensfreiheit nicht genießt und sich sonst gern sagen lässt, was er tun soll?

Bei den Piusbrüdern findet im kleinen, aber prunkvollen Kirchlein Sankt Petrus in Berlin-Steglitz täglich das heilige Messopfer statt. Messen an Werktagen, Pardon, "Ferialtagen" sind auch im alten Ritus vergleichsweise schmucklos. Das levitierte Hochamt mit Chor, Diakon und Subdiakon gibt es eben nur sonn- und feiertags. Sonst ist Stillmesse angesagt. In Rekordzeit jagt der Priester seit 18.30 Uhr still durchs ordinarium missae, tatsächlich ohne sich je für längere Zeit zum Publikum umzudrehen. Die Messe ist nicht nur still, sondern auch atemlos. Aus dem journalistischen Mitschreiben wird dabei eher ein journalistischer Liveticker.

18.37 Uhr: Alle bekreuzigen sich mehrfach. Das muss dann wohl das Evangelium sein. Still vorgetragen natürlich. Predigt? Gibt’s nicht. Gehört ja nach alter Auffassung eh nicht zur Messe.

18.41 Uhr: Ist der jetzt schon beim Vaterunser? Ist das hier ein Rennen?

18.45 Uhr: Ah, er wäscht sich die Hände, das Lavabo, prima, da sind wir. Er trocknet sie kunstvoll ab. Nach jeder Geste schweben die Hände des Priesters ein paar Sekunden lang in der Luft, wie die eines Konzertpianisten über dem Flügel. Elegant. Berechnend.

18.50 Uhr: Canon Missae! Hochgebet! Wichtig! Auch der zweite Priester lugt jetzt kniend aus seinem Beichtstuhl hervor. Der zelebrierende hält die Hostie hoch über den Kopf. Da ist sie nun, die sogenannte große Elevation. Mit Daumen und Zeigefinger darf der Priester nun außer dem Leib Christi nichts mehr anfassen. Führt zu komischer Handhaltung. Muss man das lange üben? Der Messdiener schellt mit seinen Altarschellen. Daraufhin ist es stiller als still.

18.52 Uhr: Auf einmal ein Confiteor, ein Schuldbekenntnis. Wo kommt das jetzt her?

18.53 Uhr: "Domine, non sum dignus, ut intres sub tecum meum …" Aha. "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach". Das kennt man auch aus der neuen Messe, aber da sagt man es nur einmal. Im alten Ritus: dreimal. Nun, warum nicht.

18.54 Uhr: Jetzt der Akt, das Kommunizieren an sich, der Empfang der Hostie auf Knien in der ersten Bank. Man kann es toll finden. Man kann es obszön finden. Es ist jedenfalls die einzige wirkliche Gemeindebeteiligung, das Knien und Mundöffnen.

Ein Gemälde in der Apsis über dem Hochaltar in diesem Berliner Piuskirchlein zeigt das Opferlamm wehrlos auf einer hellenistisch anmutenden, säulengestützten Schlachtbank liegend. Neben ihm kniet der heilige Petrus. Zum Opfercharakter der alten Messe hat der Liturgieliebhaber und Schriftsteller Martin Mosebach geschrieben, sie sei ein "Fest mit wilder und erschreckender Schönheit, der Schönheit des siebenfach gehörnten, siebenäugigen Lammes, in dessen Blut die Kleider der Menschen weißgewaschen werden". Würde jemand das ernsthaft von der allerorten üblichen neuen katholischen Messe behaupten? Sie ist doch eher ein soziales Ereignis.

Die alte Messe ist kein soziales Ereignis, sie ist das große Schweigen. Dabei ist vorne am Altar doch einiges los. Man sieht und hört es nur nicht. Das kann man jeweils gut oder schlecht finden. Aber zu behaupten – und genau das hat Benedikt XVI. stets getan –, die beiden Messen seien zwei Seiten der selben Medaille, mithin nur verschiedene Interpretationen des gleichen Stücks, das ist nicht haltbar. In der Literaturwissenschaft würde man sagen, da haben zwei Autoren zwar den gleichen Stoff bearbeitet, aber herausgekommen sind doch zwei ganz unterschiedliche Werke.

19.00 Uhr: Schlusssegen. Das war es, wir packen zusammen. War er das? Ja? Nein? Auf einmal aus dem Nichts: ein Ave-Maria auf Deutsch. Zwei. Drei. Wird das ein ausgewachsener Rosenkranz? Warum?

19.03 Uhr: Der Priester spricht plötzlich leise Deutsch, das versteht man auch nicht. Man erhebt sich. Er sagt: "… für die Kirche der Sündigen … heiligstes Herz Jesu, erbarme dich unser … gegen den Satan …" Zustimmung in den Bänken.

19.07 Uhr: Finis! Nein, doch nicht, alle wieder runter.

19.08 Uhr: Abzug Priester, der Messdiener macht sofort das Licht aus. Das reiht sich in die heilsgeschichtliche Bildsprache herrlich ein: Messe vorbei, jetzt ist wieder zappenduster.

19.10 Uhr: Alle zücken ihre Portemonnaies und werfen beim Rausgehen ordentlich in den Klingelbeutel.

Ja, die alte Messe ist der neuen in Sachen Ästhetik überlegen. Die Eleganz der Choreografie, so verrätselt sie auch sein mag, verfängt. Das Byzantinisch-Hofzeremoniellartige, dieses Verbeugen und Verneigen, hat etwas zutiefst Historisches. Es gibt in der alten Liturgie tausend Zeichen, die man deuten kann. Aber ihre symbolüberladene Schönheit ist vor allem eines: unnahbar. Sie ist ein kühles Kunstwerk, sie verdammt ihre Besucher zum bloßen Zuschauen, sie nötigt sie in die Ehrfurcht, mit ästhetischer Gewalt.

Genau das stellte zu Zeiten des Tridentinischen Konzils vor 450 Jahren sicher kein Problem dar. Es waren just die protestantischen Bilderstürmer über Europa gefegt. Aber im 21. Jahrhundert, in einem demokratischen Staatswesen, dem Ehrbezeugungen unangenehm sind, absolute Macht fremd und Partizipation alles ist, da wirkt die alte Messe – eine Ironie der Geschichte – wie ein Saboteur der bestehenden Ordnung.

Vielleicht ist das Problem, das viele Katholiken mit der alten Messe haben, gar nicht so sehr ein liturgisches oder ästhetisches, sondern doch ein ideologisches. Denn die Messe ist an sich ja ein einziges großes Zeichen, eine Allegorie, die auf, wie sie selbst sagen würde, "das Kommen unseres Herrn Jesus Christus" verweist. Ja, was kommt denn da? Unbedingter Gehorsam?

In einer Republik ist das Individuum, wenn auch in seiner anonymen Mehrzahl namens Volk, Gott. Von ihm geht alle Staatsgewalt aus. Das Menschen- und Gesellschaftsbild, das der alten Messe zugrunde liegt, ist konträr. Es ist wahrhaft monarchistisch, geschöpf- und untertanenartig. Das Reich Gottes, wenn es denn kommt, wird keine parlamentarische Demokratie sein. Daran erinnert einen die alte Messe doch sehr deutlich.

Das Konzil von Trient, welches für diese Messe letztverantwortlich ist, hatte einen Zweck: die Gegenreformation zu forcieren, die Reihen zu schließen, zum Return auszuholen. Es hat die christlichen Messtraditionen von der Antike her kommend in einem einzigen Messbuch zusammengeführt. Das Konzil war antiprotestantisch, es glaubte nicht und konnte nicht glauben an das Individuum und sein Gewissen oder sein Mitspracherecht. Dieser Glaube ist in Form einer heiligen Messe sehr schön anzusehen. Aber er ist nicht mehr wahr.

19.12 Uhr: Der Messdiener kommt zurück und legt eine schützende grüne Decke auf den Hochaltar. Er platziert sie so, dass er sie effektvoll symmetrisch ausrollen kann. Er wischt souverän und elegant Staub vom Deckchen, der da nicht ist. Das Deckchen trägt sicher einen tollen lateinischen Namen.

19.14 Uhr: Er geht in die Sakristei, deren Tür wunderbar krachend ins Schloss fällt. Die Show ist fertig. The show must go on. Das Lamm ist tot, es lebe das Lamm.

* Gegeben zu Berlin, bei Sankt Peter, am 10. Juli, im Jahr des Herrn 2017