17 Uhr

"Jetzt fahren sie die Wasserwerfer auf. Guck mal, der Strahl. Voll auf die Leute gerichtet. Heftig. Und wieso raucht’s denn da jetzt in der Menge? Muss das denn alles sein." Pause, Gucken. "Krass, da von der Seite, da kommen immer mehr Polizisten. Die rennen ja richtig. Oh Gott, stell dir mal vor, du müsstest mitten in so einen Konflikt reinrennen. Ganz schönes Tempo haben die. Fit sind sie ja bei der Polizei, das muss man ihnen lassen."
Auf der Plaza der Elbphilharmonie, 37 Meter über dem Wasser, stehen zwei Frauen nebeneinander, blicken auf den Baumwall und die Landungsbrücken. Es riecht nach Rauch, der Wind trägt Schreie, das Geräusch von Hubschrauberrotoren und Sirenen durch die Luft. Gleich beginnt das Konzert mit den Staatsgästen im Großen Saal, es gibt Wein und Laugengebäck.

"Wir bitten Unbeteiligte darum, Bereiche mit Ausschreitungen zu verlassen & Straftätern damit die Unterstützung zu entziehen"
Tweet der Polizei

"Und das machen die wenige Meter von der Polizei entfernt?!"
Eine Anwohnerin in der Wohlwillstraße staunt. Autonome haben aus Baustellenabsperrungen eine Barriere gebaut – ganz in der Nähe der Wohnung von Innensenator Andy Grote, die von mehreren Dutzend Polizisten bewacht wird.

"Aufgrund diverser Anfragen: Es wurde weder der Notstand noch der Katastrophenfall ausgerufen!"
Tweet der Polizei

18 Uhr

"Olaf, du Klobürste!"
Im Karoviertel zeigt sich der Frust gegen Bürgermeister Olaf Scholz. Unter dem Transparent haben Anwohner Sessel auf die Straße gestellt und sitzen entspannt in der Sonne.

"Lasst unsere Kollegen im Schulterblatt in Ruhe!! Wir kommen zum Helfen!!!"
Tweet der Feuerwehr

"Ich habe die Auseinandersetzungen auf St. Pauli beobachtet. Es kam mir merkwürdig vor, wie viele Leute auf der Straße waren und einfach zugeschaut haben. Dann wollte ich zur Elbphilharmonie fahren, um zu schauen, ob es dort Probleme bei der Abfahrt der Staatschefs gab. Aber jeder Weg dorthin war von Polizei oder Protestgruppen versperrt. Ich habe vor dem Gipfel mit Aktivisten aus der Roten Flora geredet, die mir erklärt hatten, sie beantworten Gewalt mit Gewalt. Nachdem die Polizei mehrfach Wasserwerfer eingesetzt hatte, war mir klar, dass Freitagnacht hässlich werden würde. Ich habe dann entschieden, die Ereignisse aus sicherer Distanz über Polizeimeldungen, soziale Medien und meine Quellen vor Ort zu beobachten."
Melissa Eddy, Berlin-Korrespondentin der "New York Times"

20 Uhr

"Wir bitten friedliche Protestler, sich deutlich von Straftätern zu distanzieren & Örtlichkeiten von Ausschreitungen zu verlassen"
Tweet der Polizei

"Ich war einmal kurz auf der Straße am Freitag tagsüber, aber da war es wie ausgestorben. Kein Auto, kaum Menschen. Meine Schwester wohnt auch bei mir im Haus, sie saß mit ihrem Mann abends vor der Tür, die haben noch mitbekommen, dass ein Mülleimer gebrannt hat und auf der Straße mit diesen Randalierern gestritten wurde. Ein Nachbar soll einen Brand gelöscht haben. Ich habe da längst geschlafen. Ich wollte nicht zwischen die Fronten geraten oder von der Polizei oder diesen Vermummten überrannt werden. Ich war ziemlich geschockt, als ich die Bilder am nächsten Tag gesehen habe. In der Wohnung habe ich nicht mitbekommen, was draußen passiert ist."
Anwohnerin Pferdemarkt, Anfang 30

"Nimm das, das ist mit Zitrone, schmier es dir ins Gesicht. Das nehmen wir in der Türkei auch immer gegen Tränengas der Polizei."
Fatih vom City Friseur am Neuen Kamp hält eine Flasche mit einem zitronig riechenden Pflegeprodukt in der Hand. Er sorgt sich um die Umstehenden, die beim Einsatz der Polizei am Neuen Pferdemarkt Tränengas abbekommen haben.

"Komm wir trinken auf uns – auf uns – und auf nie wieder Krieg. Fuck – nie wieder Krieg!"
Der Hamburger Rapper Jomo tritt auf dem Spielbudenplatz auf. Das Publikum grölt zurück: "Nie wieder Krieg!" Hier feiern einige Hundert Menschen unter dem Motto Gay 20 eine bunte Party.

"Bitte seien Sie doch so nett, die Fahrbahn freizugeben, damit wir unsere Fahrt fortsetzen können."
Der Fahrer des Wasserwerfers wiederholt seine Bitte wieder und wieder. Stets freundlich. Ihm kommen Hunderte Radfahrer entgegen, die seit 17 Uhr in einer bunten Fahrradkolonne unter dem Motto "Colourful Mass" durch die Stadt fahren, und gerade durch ihre schiere Masse einen Polizeikonvoi aufhalten.

"Wie heißt du?"
Ein Freiwilliger vom Anwaltlichen Notdienst schreit einem Autonomen hinterher, den zwei Polizisten in einen Polizeibus sperren. Der Notdienst will den Namen der Festgenommenen wissen, um später in der Gefangenensammelstelle zu ihm gelangen zu können.

"Ich stand auf der Verkehrsinsel am Neuen Pferdemarkt, es flogen Flaschen in Richtung der Polizei, die sind den Werfern nachgerannt und wieder zurück, ein heilloses Durcheinander. Danach hat sich die Polizei zurückgezogen. Das waren auch wirklich wenige, vielleicht eine halbe Hundertschaft, es wirkte so, als könnten sie das mengenmäßig kaum bewältigen. Etwas später kam ein Riesenmob, etwa hundert Vermummte – extremer Flaschenbewurf, der Wasserwerfer stand ungeschickt hinter einer Ecke und konnte die Vermummten nicht treffen. Ich stand zwischen den Hecken an der Beckstraße, vor mir Leute aus dem schwarzen Block, Polizisten kamen total aufgepeitscht auf uns zugerannt und haben wild rumgeknüppelt, die waren wie auf Drogen. Sie haben ein paar Personen festgenommen und sich dann zurückgezogen. Die Leute sind dann sofort wieder auf die Straße. Irgendwann sind einige das Baugerüst bei dem Kauf-Dich-Glücklich-Laden am Schulterblatt 1 hochgeklettert. Das war der Moment, wo ich mich gefragt habe: Warum umstellt die Polizei nicht das Haus, damit die Leute da nicht hochkommen? Das war ja das Haus, von dem nachher Sachen runtergeschmissen wurden."
Anna, Studentin und Gängeviertel-Aktivistin