Was unausweichliche Nähe heißt, ist in den meisten westlichen Häusern längst vergessen, hier aber führt sie Regie. Das Elternpaar, das sich den Augen der Großeltern kaum entzieht, das Zimmer, in dem die erwachsene Tochter mit ihrem Freund liegt, während die Mutter in den Schränken räumt: kein Entkommen. Der andere Mensch ist dauernd zum Greifen nah. Die Bilder des Films Meine glückliche Familie, dieser georgisch-französischen Co-Produktion des Duos Nana & Simon, die auf der Berlinale aufmerken ließ, bringt in die Vorstellungskraft zurück, was auch im Westen üblich war: Dichte. Und es gelingt diesem Film, die Angst von einer Szene zur nächsten wachsen zu lassen, anlasslos: die Angst vor Gewalt, der alltäglichen, in der das Recht auf körperliche Unversehrtheit keine Chance hätte.

Von Anfang an: Eine Frau bahnt sich den Weg durch hupende Lieferwagen, um am Kiosk das Anzeigenblatt zu kaufen, sie sucht eine Wohnung. Ihr Blick ist nach innen gekehrt, was ihr begegnet, gleitet an ihrer Mimik ab. Die Wohnung, die sie dann anmietet, sieht so heruntergekommen aus, dass man die Frau bemitleidet, bevor man Gründe für ihre Suche kennt. Mit einer Ruhe, die die Kamera über fast zwei Stunden hinweg nie aufgeben wird, betrachtet sie abgeblätterte Wände, zugige Fenster, stellt fest: Licht ist kaputt. Was muss der Frau zugestoßen sein, dass sie hier einziehen will? Was ist ihr zu nah gekommen?

Der Modus der Kamera ist die unfreiwillige Nähe

Dann eine gemütliche, helle Familienwohnung, Bücher, Bilder, Vorhänge, Kissen, ein großer Tisch, an dem sich die Generationen versammeln, die Großeltern, zwei erwachsene Kinder mit ihren Gefährten, die Eltern: der bärtige Soso, seine Frau Manana – sie ist es, die Wohnungssuchende. So eng, so dicht ist das familiäre Leben in dieser Etagenwohnung, dass die Kamera für ihre Einstellungen kaum Abstand einnehmen kann, ihr Modus ist die unfreiwillige Nähe, was sie aufnimmt, ist unvermeidlicher Lärm. Hier wird gefeiert. Weingläser, Kuchen, Zigaretten, ein paar Männer singen zur Gitarre, ein Stimmengewirr brabbelt und kakelt dazu, die Großmutter zetert unaufhörlich, und auf dem Balkon steht bald, wie erstarrt und stumm, die Frau, deren Geburtstag das sein soll: Manana. An diesem Tag sagt sie, die 52-jährige Lehrerin, Mutter, Frau, Tochter, dass sie jetzt gehen wird. Ausziehen. Fortan werden alle sie fragen: Warum? Sie nennt keinen Grund. Sie packt. Und zieht alleine um in die elende Wohnung, die nun wie ein Sehnsuchtsort wirkt: Sie ist ruhig. Die Tür bleibt zu. Niemand spricht. Nur die Blätter vor dem offenen Fenster füllen den Raum mit ihrem Rauschen.

Die lange Individualisierungsgeschichte, die in den Wohlstandsgesellschaften seit 200 Jahren für immer mehr Wohnraum gesorgt hat, für das Recht auf geschützte Körpergrenzen und gleichzeitig für millionenfache Vereinzelung, trägt sich in dieser georgischen Familie im Zeitraffer zu. Wenn Manana in ihrer neuen Wohnung endlich allein am Fenster sitzt, ein aufgeschlagenes Buch vor sich, die Haare gelöst, zum Klang von Chopin, dann spielen diese Bilder routiniert die klassischen Sehnsuchtsmotive der Romantik durch, von Caspar David Friedrichs Frau am Fenster hin zu Virginia Woolfs revolutionärer Idee des eigenen Zimmers, a room of one’s own.

Doch dieser Film wäre nicht so ergreifend, hätte er daran genug. Mananas Mann Soso ist die Freundlichkeit selbst, zurückhaltend zugewandt. Und doch, das erfährt man, hat er seiner Frau vor langer Zeit Schreckliches angetan. Eines Tages aber sitzt auch er an ihrem Fenster. Und die Ruhe, die nun zwischen Mann und Frau entsteht, öffnet, gänzlich unerwartbar, eine andere Welt, in der ein Mensch spricht und der andere zuhört, antwortet, geduldig, umsichtig, Satz für Satz, bis die Frau fragen kann: "Und wer bist du?" Was für ein radikaler Entwurf: ein Raum für zwei.