In dieser Geschichte geht es um Donald Trump, um Marine Le Pen und um die Zukunft der Demokratie. Dies muss vorweggeschickt werden, denn sie beginnt mit Manfred. Manfred war, Anfang der achtziger Jahre, in der Grundschule in meiner Klasse, wir waren befreundet, obwohl er mir manchmal die Wurst vom Pausenbrot geklaut hat und ich ihm aus Gründen der körperlichen Unterlegenheit nicht viel entgegenzusetzen hatte. Ich wechselte dann auf das Gymnasium, habe studiert und lebe jetzt in Berlin. Ich wollte weg. Manfred ist geblieben.

Wie es so kommt, haben Manfred und ich uns irgendwann aus den Augen verloren, aber an einem Samstagnachmittag im Mai sitzen wir in der Nähe unserer alten Schule auf einer Bierbank in der Sonne und reden. Wie es ihm so ergangen sei, will ich wissen. "Passt schon", sagt Manfred. Und dann kramt er Fotos seiner drei Kinder aus seinem Portemonnaie und erzählt, dass er Landmaschinen verkaufe. Die Arbeit sei in Ordnung, er habe ein Haus gebaut, den Kindern gehe es gut. "Ist das deiner?", frage ich und deute auf einen schweren Mercedes, der auf einer Wiese neben uns parkt. Manfred nickt. "Nagelneu. Und wie geht’s selbst?" – "Passt auch", antworte ich, und dabei wird mir klar, dass Manfred mir in allen drei Kategorien überlegen ist, die wir in unserem Gespräch gestreift haben: Kinder (ich habe nur zwei), Haus (ich lebe in einer Wohnung) und Auto (ich fahre einen in die Jahre gekommenen Volvo).

Seit mehr als zehn Jahren war ich nicht mehr in meiner Heimat, warum auch? Es ist nicht viel los in den Hügeln des oberpfälzischen Jura, im nordöstlichsten Zipfel Bayerns. Doch nun haben mich die Präsidentschaftswahlen in Frankreich und den USA dorthin zurückgebracht.

Wenige Tage nach dem Wahlsieg Donald Trumps hat der damalige Chefredakteur der New York Times auf der Suche nach einer Erklärung für das vermeintlich Unerklärliche die These aufgestellt, die großen amerikanischen Zeitungen hätten sich zu wenig um die Sorgen und Nöte der Menschen in der Provinz gekümmert, die besonders häufig für Trump gestimmt haben. Deshalb habe man in New York, Boston oder San Francisco nicht mitbekommen, dass das Landleben längst seinen Zauber verloren habe. Denn Studien zeigten: Die amerikanische Landbevölkerung stirbt früher, verdient weniger, lässt sich früher scheiden und ist in größerem Umfang auf staatliche Unterstützung angewiesen als die Bewohner der großen Städte. Oder anders gesagt: Das Dorf ist das neue Ghetto.

Der französische Soziologe Didier Eribon hat ein ganzes Buch über die Verwahrlosung der Provinz und die Folgen für die Politik geschrieben. Es handelt davon, wie Eribon dem Arbeitermilieu von Reims entkommt und in Paris als Intellektueller Karriere macht. Als er seine Heimatstadt nach jahrzehntelanger Abwesenheit wieder besucht, um seinen verstorbenen Vater zu Grabe zu tragen, findet er eine Sozialhölle vor, in der die Verlierer der Globalisierung ihre Ohnmachtsgefühle in Alkohol ertränken und Marine Le Pen wählen.

Rückkehr nach Reims heißt das Buch, und es ist inzwischen ein weltweiter Bestseller, weil es ein Erklärungsmuster anbietet für den Erfolg der Populisten – in den USA, in Großbritannien, in Frankreich, in den Niederlanden. Indem er die urbanen, weltoffenen und wohlhabenden Großstadtmenschen gegen die zurückgebliebene Bevölkerung außerhalb oder am Rand der Metropolen antreten lässt, erweitert Eribon die Debatte über den Erfolg der Rechten um eine geografische Dimension. Eribons These ist so verführerisch, weil sie viele Vorurteile bestätigt.

Deshalb bin ich ebenfalls zurückgekehrt: nach Regensburg, genauer gesagt nach Wolfsfeld – in ein kleines Dorf im Regierungsbezirk der Donaustadt, die etwa so groß ist wie Reims.