"Ergebt euch. Oder flieht!" – Seite 1

Read the English version of this article here

Die alte Hängebrücke über den Bosporus ist 1.560 Meter lang, sechs Fahrspuren breit und verbindet Europa mit Asien. Das Bauwerk gilt als Sinnbild für eine Nation auf dem Weg in die Moderne. Doch am 15. Juli des vergangenen Jahres, einem glühend heißen Tag, wird die Brücke zum Schauplatz eines Staatsstreiches. Und von einem Symbol des Aufbruchs zu einem des Erstarrens.

Es ist ein Freitagabend. Gegen 21.45 Uhr preschen Lastwagen der Armee heran, Soldaten mit Gewehren springen auf die Fahrbahnen. Ein Major ruft Befehle, Panzer rücken vor. Die Soldaten besetzen die von Strahlern rot beleuchtete Brücke und riegeln den Verkehr in Richtung Europa ab. Wenig später kreisen Hubschrauber über Istanbul und Ankara, Kampfjets steigen auf. Der Staatsstreich hat begonnen. Rund zwölf Stunden wird gekämpft, fast 300 Menschen sterben. Am nächsten Tag ist der Putsch niedergerungen, die meisten Aufrührer sind verhaftet.

Doch da beginnt ein zweiter Staatsstreich. Es ist ein Putsch von oben, angeführt vom Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der den Umsturzversuch im Fernsehen ein "Gottesgeschenk" nennt; ein Geschenk, das ihn in den Rang eines Autokraten erheben wird. Sein Staatsapparat sorgt für die Entlassung von rund 150.000 Menschen, mehr als 50.000 sitzen im Gefängnis, Zeitungen und Radiosender werden geschlossen. Die Säuberungswelle verwandelt die Türkei in eine Autokratie, in der Grundrechte außer Kraft gesetzt sind.

Glaubt man Präsident Erdoğan, hat ihm nicht allein Allah dieses Geschenk gemacht, sondern ausgerechnet sein größter Feind, ein alter Mann in Pennsylvania, USA: Dort lebt auf einem zehn Hektar großen Anwesen, umringt von Leibwächtern, Fethullah Gülen, ein eisgrauer, gebeugt auftretender Prediger, der eine islamische Bewegung mit weltweit etwa acht Millionen Anhängern anführt. In jenem Großverfahren, das jüngst in Ankara gegen die mutmaßlichen Planer des Putsches begann, wird Gülen in Abwesenheit als Angeklagter Nummer 1 geführt. Erdoğan präsentierte Gülen den Türken und der Welt als Schurken. Aber in den Ermittlungsakten finden sich Fragen, Widersprüche und offenkundige Leerstellen. Die Beweise sind wacklig. Recherchen der ZEIT in der Türkei und in Europa, Gespräche mit Geheimdiensten in der Region sowie mit deutschen und amerikanischen Regierungsvertretern ergeben nun eine andere, differenziertere Version der Ereignisse. Was ist in jener Nacht des 15. Juli 2016 also geschehen? Wie kam es zum Putsch? Und steckt wirklich Gülen dahinter?

Die Vorgeschichte: Aus zwei Verbündeten werden Feinde

Es gab eine Zeit in der Türkei, da waren Recep Tayyip Erdoğan und Fethullah Gülen Brüder im Geiste; sie einte ein Ziel: die Macht in der säkularen, vom Geiste des Staatsgründers Kemal Atatürk geprägten Türkei an sich zu ziehen. In diesem Land, in dem Staat und Religion strikt getrennt sein sollten, waren beide Männer Underdogs.

Erdoğan, der einer einfachen Familie von der Schwarzmeerküste entstammt, einst Sesamgebäck verkaufte und von einer Karriere als Profifußballer träumte, lange bevor er zum Bürgermeister Istanbuls gewählt wurde. Ein Instinktmensch, bullig und durchsetzungsstark, mit einem untrüglichen Gespür für Stimmungen im Volk.

Und Gülen aus Anatolien, wo der Bildungsgrad der Bevölkerung eher niedrig ist, der religiöse Eifer aber groß. Schon Gülens Vater predigte als Dorfimam. Von der Provinz aus baute Gülen eine Bewegung auf, die er Hizmet nannte, "Dienst", und die heute weltweit mehrere Hundert Schulen betreibt. Hizmet ist autoritär organisiert, die meisten Mitglieder leben abgeschottet, Aussteiger berichten von sektenähnlichen Strukturen. Gülens Anhängern gehörten unter anderem die inzwischen verbotene Zeitung Zaman, die Bank Asya sowie diverse Versicherungen.

Erdoğan und Gülen einte die Opposition gegen den Laizismus Atatürks, den das türkische Militär eisern verteidigte. Schnell stießen beide an die Grenzen dessen, was in der Türkei erlaubt war. 1999 wurde der heimlich aufgezeichnete Mitschnitt eines Auftritts Gülens bekannt – Wortlaut: "Ihr müsst in die Arterien des Systems eindringen, ohne dabei bemerkt zu werden. Ihr müsst warten, bis der richtige Moment gekommen ist, bis ihr die gesamte Staatsmacht an euch gerissen habt." Gülen setzte sich nach Amerika ab. Seither lebt er in einem Örtchen namens Saylorsburg, 1126 Einwohner, knapp zwei Autostunden von New York entfernt.

2002 unterstützte Gülen von Amerika aus Erdoğans neu gegründete Partei AKP im Wahlkampf. Als die religiös ausgerichtete, weithin unbekannte Partei überraschend die Wahlen gewann, zahlte Erdoğan zurück: Gülens Leute stiegen in Regierung und Behörden auf, rückten auf Wahllisten der AKP ins Parlament. Gülen war ein Koalitionspartner, nur dass er keine Partei führte. Er war jetzt dort, wo er hinwollte. Im Herzen des türkischen Machtsystems.

Nach Erdoğans Wiederwahl im Jahr 2011 bekam die Allianz der beiden Männer Risse. Anhänger Gülens ließen Details über Geheimverhandlungen der Regierung mit der PKK, der verbotenen "Arbeiterpartei Kurdistans", durchsickern, um diese Gespräche zu stören. Als Erdoğan wiederum 2013 ankündigte, alle Gülen-Schulen schließen zu lassen, eskalierte der Machtkampf: Nur Tage später eröffneten Gülen nahestehende Staatsanwälte ein Korruptionsverfahren gegen hochrangige AKP-Mitglieder, gegen mehrere Minister Erdoğans, sogar gegen dessen Sohn Bilal. Die Beschuldigten sollten Millionen Dollar dafür kassiert haben, dass trotz des internationalen Iran-Embargos Öl, Gas und Gold aus Teheran geschmuggelt werden konnten – über die Türkei. Im Mitschnitt eines Gesprächs, in dem es um Schwarzgeld geht, soll Erdoğan persönlich zu hören sein, wie er seinen Sohn anweist: "Bring alles weg, was du im Haus hast!" Erdoğan weist bis heute alle Anschuldigungen zurück.

Nie zuvor war er so kurz davor zu stürzen wie 2013. Gülens Leute hatten ihn getroffen. Erdoğan reagierte mit dem Reflex eines Boxers, der zwar angeschlagen, aber nicht ausgeknockt ist. Er entließ die beschuldigten Minister – und mit ihnen Hunderte Polizisten und Staatsanwälte, die er der Gülen-Bewegung zurechnete.

Und damit begnügte er sich nicht. Systematisch drängte Erdoğan auch Atatürks Traditionsbewahrer im Militär zurück. Im Frühjahr 2016 ließ er die Führung einer kemalistischen Institution absetzen, des Oyak-Konzerns, der seit 1961 die Renten der Militärs verwaltet. Oyak war 50 Jahre lang ein Symbol der Macht und Autarkie der Streitkräfte gewesen.

Das ist das politische Klima, in dem Putschpläne gedeihen.

Ankara, November 2015: In einer Villa wird der Putsch geplant

Am 9. November 2015 mietet der Geschäftsmann Serkan Aydın eine unscheinbare, weiß verputzte Villa in Ankara. Das dreistöckige Haus mit Säulenportal steht in der Ahmet Taner Kışlalı Mahallesi 2880. Sokak, einer stillen Seitenstraße im Südwesten der Hauptstadt. Die Villa soll den Putschisten als Hauptquartier dienen, so geht es aus der Anklageschrift und verschiedenen Zeugenaussagen hervor. Die Ermittlungsakten sind mit Vorsicht zu bewerten, aber in Teilen lassen sich die Angaben durch unabhängige Recherchen belegen.

Dass das Haus ausgerechnet in diesem Zeitraum gemietet wird, ist kein Zufall: Am 1. November 2015 hat Erdoğans AKP die Parlamentswahlen gewonnen, mit absoluter Mehrheit. Alle Hoffnungen seiner Gegner auf einen politischen Wechsel haben sich zerschlagen. Erdoğan wird mindestens vier weitere Jahre an der Macht sein und diese Macht für sich nutzen.

Es sei denn, er wird gestürzt.

Türkei - "Mit dem falschen Satz zum falschen Thema kann man zum Staatsfeind werden” Ein Jahr nach dem Putsch in der Türkei ist das Land immer noch nicht zur Ruhe gekommen. ZEIT-Investigativ-Reporter Fritz Zimmermann berichtet im Video über seine Recherchereise. © Foto: Stringer / Getty Images

Frieden in der Heimat

Von November 2015 an treffen sich die Verschwörer im Wohnzimmer der Villa, das letzte Mal am 10. Juli 2016, fünf Tage vor dem Aufstand. Mehrere Teilnehmer werden später aussagen, Generale der Luftwaffe, der Armee sowie aus dem Generalstab hätten teilgenommen, dazu Zivilisten.

Im Laufe der Zeit vergrößert sich der Kreis der Mitwisser. Die Verschwörer nennen sich Yurtta sulh, Frieden in der Heimat, ein Wahlspruch Atatürks. Einladungen in die Gruppe werden per WhatsApp ausgesprochen, ein Park in Ankaras Stadtzentrum dient als Treffpunkt, danach geht es auf Umwegen zur Villa, vor der Ankunft muss das Handy ausgeschaltet werden. So beschreiben es zwei Zeugen, die in der Anklage mit den Decknamen Şapka, der Hut, und Kuzgun, der Rabe, aufgeführt werden. Weitere Indizien stützen ihre Aussagen. So werden die Fingerabdrücke zweier mutmaßlicher Verschwörer in der Villa sichergestellt.

Im Haus am Stadtrand diskutieren die Putschisten lange über den geeigneten Tag für den Umsturz. Soll es der 15. Juli werden? Oder der 22., eine Woche später?

Für beide Tage sprechen die Ferienzeit und das beginnende Wochenende. Die Straßen der Stadt sind leerer als sonst. Und es eilt: Für Anfang August ist die alljährliche Sitzung des Hohen Militärrates angesetzt, auf der wichtige Posten in der Armee neu besetzt werden. Längst kursieren Listen mit Namen der Offiziere, die abgesetzt werden sollen. In der Armee heißt es, die Regierung wolle 800 bis 1.000 Offiziere austauschen, Kemalisten, Gülenisten und auch reine Karrieristen, die nicht wirklich hinter Erdoğan stehen.

Die Gegner des Präsidenten haben nicht mehr viel Zeit, um das zu verhindern. Der Putsch, beschließen sie, soll in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 um drei Uhr morgens beginnen.

Ankara, 15. Juli 2016, 15 Uhr, Hauptquartier des Geheimdienstes: Die Pläne fliegen auf

Schon Wochen zuvor gibt es Gerüchte. Im März 2016 stellt der US-Amerikaner Michael Rubin, ein ehemaliger Pentagon-Mitarbeiter, in einem Aufsatz die Frage: "Falls das türkische Militär die Initiative ergreift, um Erdoğan zu stürzen und seinen inneren Kreis hinter Gitter zu bringen – würde es damit durchkommen?" Ja, glaubt Rubin.

Am 21. April droht der Publizist Fuat Ugur, der gute Kontakte in die Regierung unterhält, Erdoğans Gegnern in einem Artikel in der AKP-nahen Zeitung Türkiye: "Der Staat ist aufmerksam. Mit seinem Geheimdienst, dem Militärkommando, der Regierung, der Polizei, der Öffentlichkeit, der Politik und Nichtregierungsorganisationen wartet der türkische Staat nur darauf, dass ihr ein Verbrechen begeht."

Am 10. Juli, fünf Tage vor dem Umsturzversuch, verschickt Erdoğans früherer Wahlkampfmanager Erol Olçak eine Kaskade von elf Twitter-Nachrichten. "In diesem Sommer ist Säuberungszeit", schreibt er. Olçaks letzter Tweet klingt wie eine Prophezeiung: "Die Putsche kamen alle aus dem Laizismus, das wird aufhören."

Und der türkische Geheimdienst MIT beginnt nach Informationen der ZEIT spätestens am Tag vor dem Putsch mit der Observation einzelner Verdächtiger.

Der Chef des MIT, Hakan Fidan, ist ein charismatischer Nachrichtendienst-Mann, der äußerlich an den Filmstar Omar Sharif erinnert. Fidan besitzt eine ölige Geschmeidigkeit, er hat sämtliche politischen Krisen überstanden. Mit mehr als 6.000 Mitarbeitern gehört seine Behörde zu den wichtigsten Stützpfeilern der Regierung. Und seit Erdoğan vor einigen Jahren die Überwachung der Telefonnetze sowie des Internets in die Hände Fidans gelegt hat, verfügt der Geheimdienst über eine enorme Machtfülle. Die "langjährige Datensammlung" des MIT über politische Gegner Erdoğans habe später die "Grundlage" für die Säuberungen nach dem Putsch gebildet, heißt es in einer geheimen Analyse des Nachrichtendienstes eines Nato-Landes. Bereits 2012 sei der MIT "mit der Sammlung von Informationen und dem Anlegen von Dossiers über Gülen-Anhänger" beauftragt worden.

Wer erfuhr wann was? Sicher ist, dass der Putschplan verraten wird, sicher ist auch, dass der MIT durch einen Überläufer vom Umsturzversuch erfährt.

Am Vormittag des 15. Juli weihen die Putschisten auf dem Stützpunkt des Boden-Luft-Kommandos im Osten Ankaras mehrere Soldaten ein, deren Unterstützung sie benötigen. Zu ihnen zählt ein Major der Luftwaffe namens Osman Karaca. Mit seinem Hubschrauber soll er sich für eine Sondermission bereithalten: Am Abend soll Geheimdienstchef Fidan aus seinem Wohnhaus entführt werden. Karaca soll den Gefangenen ausfliegen. Er entscheidet sich anders.

Ich bin an der Front und schieße in die Menge. 10 bis 15 Leute sind erledigt. Jetzt nicht nachlassen.
Aus einem WhatsApp-Chat der Putschisten

Gegen 13.55 Uhr an jenem 15. Juli verlässt Karaca seinen Stützpunkt, setzt sich in ein Taxi und lässt sich zur Zentrale des MIT fahren. Dem Wachdienst am Eingang sagt er laut Protokoll seiner Zeugenaussage: "Ich bin gekommen, um relevante Informationen zu Parallelstrukturen in den Streitkräften zu geben."

Agenten des Geheimdienstes führen den Hubschrauberpiloten in einen Verhörraum. "Um drei Uhr in der Nacht sollen drei Helikopter das Haus des MIT-Chefs angreifen und ihn entführen", sagt Karaca. "Das könnte Teil einer größeren Aktion sein. Vielleicht sogar ein Putsch." Es ist 15 Uhr.

Etwa eine Stunde später greift Geheimdienstchef Fidan zum Telefon und ruft den Chef der Militärpolizei an, der wiederum den Chef der Streitkräfte, Hulusi Akar, benachrichtigt. Akar bittet Fidan, sofort zu ihm kommen.

Der erste Teil des Staatsstreichs ist gescheitert

Die Krisensitzung der Chefs der Armee, des Geheimdienstes und der Militärpolizei beginnt um 18.15 Uhr. Fidan berichtet vom Überläufer und vom Verdacht, dass ein Putsch bevorsteht. "Ich werde jetzt den Präsidenten unterrichten", sagt Fidan. Er ruft Erdoğans Sicherheitschef an, so ist es in einer Zeugenaussage festgehalten. Aber Fidan wird nicht zu Erdoğan durchgestellt, er kann nur mit dem Sicherheitschef reden. "Falls es einen Angriff von außen geben sollte, hast du genug Kraft, genug Waffen, genug Männer?", fragt Fidan. Den Aufnahmen der Überwachungskameras zufolge ist es 20.22 Uhr, als der Geheimdienstchef das Hauptquartier der Streitkräfte verlässt.

Ankara, 20.30 Uhr, Hauptquartier der Streitkräfte: Der Putsch beginnt

Der erste Teil des Staatsstreichs, die Entführung Fidans, ist gescheitert. Die Putschisten sind aufgeflogen. Ab sofort zählt jede Minute. Für beide Seiten.

Der Generalstabschef Akar hat ein Flugverbot für Militärflüge über der Türkei verhängt und angeordnet, dass keine gepanzerten Fahrzeuge die Militärbasis am Stadtrand Ankaras verlassen dürfen. Wenn in der Türkei ein Putsch geplant ist, dann soll er jetzt sichtbar werden, am Himmel und auf den Straßen.

Das Treffen zwischen den Chefs von Militärpolizei, Militär und Geheimdienst im Generalstab ist indes nicht unbemerkt geblieben. Kurz vor 19.30 Uhr fällt einem Leutnant, der zum Kreis der Verschwörer zählt, die Runde um Geheimdienstchef Fidan auf. Die Verschwörer wissen nun, dass sie schnell handeln müssen. Der Zeitpunkt für den Aufstand wird von drei Uhr am nächsten Morgen auf 20.30 Uhr vorverlegt.

Der Generalmajor Mehmet Dişli, der im Hauptquartier der Armee in Ankara unter Generalstabschef Hulusi Akar arbeitet und Teil der Verschwörung ist, war eigentlich schon auf dem Weg, das Gelände zu verlassen. Dişli ist der Bruder eines AKP-Vizechefs und in der Armee für die Strategieplanung zuständig. Die Anklage führt ihn als Nummer 3 auf.

Als er erfährt, dass der Plan verraten ist, kehrt er um und betritt das Büro seines Chefs Akar, dokumentiert von den Videokameras. Akar, 65, hat schon viele Krisen durchstanden, er gilt als integer und unbestechlich. Die Putschisten haben ihn nicht eingeweiht, nun wollen sie seine Unterstützung. Akars Hilfe würde die Chancen auf einen erfolgreichen Umsturz drastisch erhöhen.

Mehmet Dişli sagt: "Mein Kommandant, die Operation hat begonnen, wir entführen sie alle, die Einheiten sind auf dem Weg." Akar möge das Kommando übernehmen, bittet Dişli. Aber Akar schreit nur: "Seid ihr verrückt?"

Plötzlich drängen weitere Militärs in Akars Büro, darunter auch dessen Adjutant. Sie zwingen den Generalstabschef auf einen Stuhl, kleben ihm ein Stück Stoff über Mund und Nase, seine Hände fesseln sie mit Kabelbindern. Akars Adjutant richtet eine Pistole auf seinen eigenen Chef. Doch Akar bleibt standhaft. Der Staatsstreich muss ohne den Befehl von ganz oben beginnen.

Um 21.20 Uhr hält eine Überwachungskamera fest, wie an der Einfahrt zum Generalstab, Tor 1, ein weißer Bus vorfährt. Etwa 40 Soldaten einer Spezialeinheit mit Maschinenpistolen springen heraus und dringen in das Gebäude ein. Der Generalstab ist nun in der Hand der Verschwörer. Aber ihr wichtigstes Ziel haben sie nicht erreicht: Armeechef Akar für den Aufstand zu gewinnen. Mit einem Hubschrauber wird der Gefangene zum Militärflughafen Akıncı im Nordwesten Ankaras geflogen. Dort haben die Putschisten ihren Kommandostand eingerichtet.

Istanbul, 23.22 Uhr, Moda Deniz Club: Die Luftwaffe wird in Geiselhaft genommen

Zu den ersten Zielen der Putschisten zählt der Moda Deniz Club in Istanbul, ein Rückzugsort der alten türkischen Elite. Seit 1935 existiert der Club, zu dem nur Mitglieder Zutritt haben, die Mitgliedschaft auf Lebenszeit kostet mehr als 10.000 Euro. Die Räume sind mit kühlendem Marmor ausgekleidet, es gibt eine Terrasse mit Pool, die Aussicht geht weit aufs Meer hinaus bis zu den Prinzeninseln.

Am Abend des 15. Juli findet im Moda Deniz Club die Hochzeitsfeier der Tochter eines hochrangigen Befehlshabers der türkischen Luftwaffe statt. Mit Ausnahme eines Generals ist die komplette Führungsriege der Luftwaffe im Club.

Die Putschisten schicken Helikopter mit schwer bewaffneten Soldaten los. Während das Brautpaar tanzt, stürmen die Angreifer den Moda Deniz Club und fesseln die Generale. Die Führung der Luftwaffe liegt machtlos am Boden.

Obwohl sie sich beeilen und improvisieren müssen, versuchen die Putschisten, den Überblick zu behalten. Einer ihrer Kuriere ist der Major Murat Çelebioğlu. Über eine WhatsApp-Gruppe, die nach dem Verschwörerkreis benannt ist – "Frieden in der Heimat" –, versorgt er die Mitstreiter mit Nachrichten. Çelebioğlu hat eine steile Karriere hinter sich: Nach seiner Ausbildung in der türkischen Armee absolvierte er die West Point Academy, das Ausbildungszentrum für US-Elitesoldaten im Norden New Yorks, später studierte er in Washington, D. C. Als Gülenist ist er bisher nicht bekannt.

"Das ist hier kein Witz!"

Noch vor Mitternacht vermelden die Putschisten ihren ersten großen symbolischen Erfolg. Die erste Bosporus-Brücke ist blockiert. Kurz darauf rapportiert ein Offizier, auch die zweite Brücke über die Meerenge sei eingenommen. Die Börse in Istanbul? Besetzt. Der Atatürk-Flughafen? Besetzt. Die Istanbuler Stadtverwaltung? Unter Kontrolle. Eine Kaserne der Bereitschaftspolizei? Durch Panzer blockiert. Es scheint, der Staatsstreich könne gelingen. Nun soll er offiziell verkündet werden.

Ankara, 16. Juli, 0.13 Uhr: Im Fernsehsender TRT wird ein Kommuniqué verlesen

Die Fernsehjournalistin Tijen Karaş, eine Frau mit schulterlangen blonden Haaren, hat gerade die Nachrichten des staatlichen Senders TRT in Ankara moderiert, als Soldaten das Studio stürmen. Sie befehlen Redakteuren und Technikern, sich auf den Boden zu legen, Gesicht nach unten. "Das ist hier kein Witz!", schreit einer. "Wer nicht hört, wird erschossen." Karaş hat Todesangst.

Dann spricht der Anführer der Gruppe sie direkt an: Sie solle eine Erklärung im Fernsehen verlesen. Er hält ihr ein Handy hin, auf dem Display eine Verlautbarung der Putschisten. Aber es gibt ein Problem. Die Moderatorin Karaş sagt, sie könne die kleinen Buchstaben auf dem Telefon nicht entziffern. Dann müsse die Erklärung in den Teleprompter eingespeist werden, fordert der Anführer.

Die Putschisten setzen Karaş vor die Kamera. Der Kommandeur steht ihr gegenüber, die Waffe auf sie gerichtet. Karaş trägt an diesem Abend einen himmelblauen Blazer, zitternd stoßen ihre Knie an die Tischbeine des Moderatorenpultes. "Ich dachte, das sind meine letzten Sekunden", erinnert sie sich im Gespräch mit der ZEIT. "Ich wusste: Ich muss das jetzt vorlesen, um zu überleben."

Also liest sie vor: "Der Präsident und das Regierungskabinett haben das Land verraten und fundamentale Grundrechte beschädigt, den säkularen Staat und die Gewaltenteilung beseitigt. Unser Staat ist eine Autokratie geworden. Deshalb übernimmt jetzt der Rat ›Frieden in der Heimat‹ die Verwaltung des Staates. Der Rat wird die Beziehungen zu allen internationalen Organisationen wie der Nato und den UN aufrechterhalten. Die politische Führung ist entlassen."

Der Kommandeur zwingt sie, die Erklärung noch einmal zu verlesen. Und noch einmal. Als ob die Putschisten ihren eigenen Worten nicht glauben können: Die politische Führung ist entlassen ...

Marmaris am Mittelmeer, gegen Mitternacht: Wie reagiert Erdoğan?

Der Zeitpunkt des Staatsstreichs ist noch aus einem weiteren Grund gut gewählt: Der Präsident ist seit dem 11. Juli im Urlaub, bei ihm sind seine Frau und eine Tochter sowie mehrere Verwandte. Erdoğan und seine Familie verbringen ihre freien Tage im Hotel eines Freundes in dem Städtchen Marmaris an der türkischen Mittelmeerküste. Die Anlage des Grand Yazıcı Club Turban liegt am Meer, unter Pinien und Zedern. Für den Präsidenten ist das gesamte Hotel gesperrt, er bewohnt eine Villa auf dem Gelände, außer ihm und seiner Familie gibt es keine weiteren Gäste.

Im Nachhinein ist nicht klar, wann und durch wen der Präsident vom Putsch erfährt. Sein Geheimdienstchef Fidan, so ist es in der Anklageschrift vermerkt, versuchte zwischen 18 und 19 Uhr vergeblich, zu Erdoğan durchzudringen. Der Präsident wiederum wird später angeben, er habe vergeblich versucht, Fidan, einen seiner engsten Vertrauten, zu sprechen. Über den Putsch habe ihn erst am späteren Abend sein Schwager informiert.

Ein Staatschef und sein oberster Geheimdienstler können sich über Stunden nicht erreichen? An diesem Tag, kann das sein? Dieses Rätsel ist bis heute nicht gelöst. Und führt zu immer neuen Spekulationen: Will der Präsident bewusst im Unklaren lassen, wann er das erste Mal von den Putschplänen erfuhr?

Gegen Mitternacht tritt Erdoğan im Hotel vor Lokaljournalisten. Er ruft das Volk zum Widerstand auf. Doch seine Worte gehen unter. Erdoğan braucht einen anderen, einen direkteren Weg, um seine Anhänger zu mobilisieren. Er braucht einen Liveauftritt im Fernsehen.

Ankara, 16. Juli, 0.24 Uhr, CNN-Studio: Die Journalistin Hande Fırat erhält einen Anruf

Hande Fırats Gesicht ist vielen Türken bekannt, sie ist eine Starmoderatorin von CNN Türk und hat glänzende Kontakte in das Umfeld des Präsidenten. Am Tag zuvor ist sie aus dem Fernsehstudio in Ankara früh nach Hause gegangen und hat ihre Tochter von der Schule abgeholt. "Bis dahin war es ein normaler Arbeitstag, wir haben uns hauptsächlich um die Terrorattacke in Nizza vom Vorabend gekümmert", erzählt Fırat im Gespräch mit der ZEIT.

Als ihr ein Kollege über WhatsApp schreibt, in Istanbul habe das Militär begonnen, Waffen der Polizei zu konfiszieren, ruft sie ihre Informanten in der Regierung an. Niemand weiß Genaues, aber Fırat spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie eilt zum Sender zurück.

Gegen 23.30 Uhr ruft Fırat Erdoğans Privatsekretär an. Der Präsident sei in Sicherheit, erfährt sie, er halte sich in einem Hotel in Marmaris auf.

Um kurz nach Mitternacht meldet sich Fırat erneut bei Erdoğans Sekretär. Sie bietet an, den Präsidenten live per Video-Chat in ihrer Sendung zu interviewen. Wenig später, um 0.24 Uhr, klingelt tatsächlich ihr Handy. Ein Videoanruf. Im Bild ist der Sekretär des Präsidenten zu erkennen – und, schemenhaft im Hintergrund, auch Erdoğan. Von ihrem Moderationstisch aus ruft Fırat: "Gebt mir das Bild!" Bedeutet: Alle Kameras, alle Aufmerksamkeit auf mich! Die Zentralredaktion von CNN schaltet ins Studio nach Ankara. Dort sitzt Fırat mit leicht zerzaustem Haar und hält ihr Telefon in Richtung der Objektive. Auf dem Handy-Bildschirm ist Präsident Erdoğan zu sehen, er sitzt im Schatten. "Herr Präsident, wir hören Sie", sagt Hande Fırat.

Soloauftritt eines Politikers, der um sein Überleben kämpft

"Guten Abend", erwidert Erdoğan, "die heutigen Ereignisse sind der Umsturzversuch einer Minderheit innerhalb der Streitkräfte." Geführt würden sie von einem Mastermind – ganz offenkundig spielt der Präsident auf Fethullah Gülen an. Das Volk müsse sich dieser Gruppe entgegenstellen, ruft Erdoğan, es solle sich auf Plätzen und an Flughäfen versammeln.

Die Moderatorin Fırat versucht, einige Fragen zu stellen, doch Erdoğan wischt sie beiseite. Aus dem Interview ist der Soloauftritt eines Politikers geworden, der um sein Überleben kämpft. "Ich kenne keine Kraft, die größer ist als die Kraft des Volkes", ruft Erdoğan. "Geben wir ihnen zusammen die Antwort!" Das Gespräch dauert fünf Minuten. Und es verändert den Verlauf der Nacht. Erdoğans Anhänger wissen jetzt, dass ihr Idol nicht gefangen ist. Ihr Präsident lebt. Und kämpft.

Kurz nach dem Liveauftritt erzittert das Studio; Kampfflugzeuge bombardieren Ankaras Innenstadt. In mehreren Wellen greifen die Putschisten das Polizeihauptquartier, das Parlament und die Geheimdienstzentrale an. Die Moderatorin Fırat und ihre Mitarbeiter flüchten zum Aufzug in der Mitte des Gebäudes, aus Angst, dass die Glaswände den Druckwellen nicht standhalten.

Ankara, 16. Juli, 1.43 Uhr: Erdoğan fliegt zurück nach Istanbul

Der Staatspräsident weiß: In einem Touristenhotel am Mittelmeer kann er nicht viel ausrichten. Er muss an die Front. Mit seinen Begleitern und seinem Freund, dem Hotelbesitzer, diskutiert er mögliche Fluchtrouten. Per Flugzeug? Über Land? Oder hinaus aufs Meer? "Wo können wir über das Wasser hin?", fragt Erdoğan; so wird es der Hotelier später Journalisten berichten.

"Die griechischen Inseln sind sehr nah, ich kann Sie hinführen", antwortet der Hotelbesitzer. Daraufhin Erdoğan: "Was soll ich auf den griechischen Inseln? Ich frage dich, wie wir nach Istanbul kommen."

Oberhalb des Hotelkomplexes steht ein Helikopter bereit. Er bringt Erdoğan und seine Familie nach Dalaman, in die nächstgrößere Stadt. Dort wartet auf dem Rollfeld eine Regierungsmaschine vom Typ Gulfstream IV. Erdoğan, so scheint es, ist in dieser Nacht gut auf alle Eventualitäten vorbereitet. Laut einer Übersicht der Flugbewegungen in dieser Nacht hebt der Jet um 1.43 Uhr ab.

Wenig später erreichen Spezialeinsatzkräfte aus Izmir das Hotel in Marmaris. Sie haben den Auftrag, Erdoğan festzunehmen, aber sie kommen zu spät: Der Präsident ist auf dem Weg nach Istanbul.

Aus Angst, von den Putschisten abgeschossen zu werden, ist Erdoğans Reise als Linienflug deklariert. Der trägt die Nummer THY 8456 – und wird der Flugüberwachung als Flug von Turkish Airlines angezeigt. Die Transpondermeldungen der Maschine dokumentieren Erdoğans Route: Die Gulfstream IV fliegt die Westküste des Landes entlang. 140 Kilometer vor Istanbul beginnt die Maschine zu kreisen, zirkelt über dem südlichen Marmara-Meer, einmal, zweimal, fünfmal. Über Istanbul donnern zu dieser Zeit Kampfjets der Putschisten durch die Nacht. Erdoğans Pilot wartet auf den richtigen Augenblick. Erst um 3.02 Uhr nimmt seine Maschine Kurs auf den Atatürk-Flughafen, der zu diesem Zeitpunkt bereits befreit ist.

Istanbul, 16. Juli, nach Mitternacht: Erdoğans Anhänger schlagen zurück

In dieser Nacht zeigt sich Erdoğans ganze Macht und Raffinesse. Es zeigt sich, warum er der uneingeschränkte Herrscher dieses Landes werden konnte. Die Telefongesellschaft Turkcell verschickt eine SMS an alle ihre Kunden; es ist eine Nachricht des Präsidenten: "An die wertgeschätzten Kinder der türkischen Nation! Diese Bewegung in Ankara und Istanbul wurde seitens eines kleinen Kaders mit Erpressung von gepanzerten Fahrzeugen und Waffen des Staates durchgeführt", heißt es in der Botschaft. "Ich rufe euch auf, auf die Straße zu gehen und auf eure Nation aufzupassen. Pass auf dein Land auf." Gezeichnet ist die SMS mit "Recep Tayyip Erdoğan". Die Nachricht erreicht mehr als 30 Millionen Menschen, fast jeden zweiten Bürger der Türkei.

Zudem mobilisiert die staatliche Religionsbehörde Diyanet die Imame von Istanbul und Ankara. Wie eine Alarmsirene erklingt von den Minaretten der Aufruf, auf die Straße zu gehen und Erdoğan zu verteidigen. Und die Polizeiführung öffnet in diversen Städten ihre Waffendepots und lässt Gewehre an Erdoğan-Anhänger verteilen. In Istanbul werden Straßen mit Sandsäcken verbarrikadiert, die erstaunlich schnell dorthin gebracht worden sind.

Die Mobilisierung zeigt Wirkung. Überall in Istanbul werden die Putschisten behindert, Nachschub bleibt im dichten Verkehr stecken, Zivilisten stoppen die Militärfahrzeuge. "Eine wirklich große Menschenmenge kommt näher", schreibt ein Hauptmann per WhatsApp. Ein Major, der damit beauftragt ist, den Börsenplatz in Istanbul zu sichern, fordert Verstärkung an: "Sie haben die Tür aufgebrochen." Dann: "Brauchen Hilfe."

Ankara und Istanbul, 16. Juli, in den Morgenstunden: Der Putsch bricht zusammen

Im Hauptquartier der Aufständischen auf der Akıncı-Airbase fällt eine Entscheidung, die rund 300 Menschen das Leben kosten wird. Und die Putschisten Rückhalt im Volk. Ein Oberstleutnant, der einen Teil der Operation koordiniert, verkündet per WhatsApp: "Auf Menschenmengen, die sich versammeln, muss gefeuert werden." Zur gleichen Zeit trifft eine Meldung von der Bosporus-Brücke ein: "Wir haben 20 bis 30 Menschen erschossen. Aber unsere Leute an der zweiten Brücke haben Probleme. Brauchen Helikopter." Überall in der Stadt feuern die Putschisten jetzt auf Bürger, die sich ihnen entgegenstellen. Der Oberstleutnant gibt Durchhalteparolen in Großbuchstaben aus: "FREUNDE, ANTWORTET, OHNE ZU ZÖGERN".

Jetzt beginnt die juristische Aufarbeitung

Doch die Polizei ist bereits dabei, die ersten aufständischen Soldaten festzunehmen, sie hat den Taksim-Platz in Istanbul abgesperrt und überall in der Stadt Barrikaden errichtet. Auf der Bosporus-Brücke, die später in "Brücke der Märtyrer des 15. Juli" umbenannt wird, klettern Erdoğans Anhänger auf die Panzer, umkreisen die Soldaten, die sich nicht zu wehren wagen, und schlagen auf sie ein. Am Ende liegen zwei der Soldaten reglos auf dem Asphalt, blutverschmiert, zu Tode geprügelt.

In den Morgenstunden des 16. Juli, zwischen sieben und zehn Uhr, kommt der Putsch zum Erliegen. Major Çelebioğlu, der Gründer der WhatsApp-Gruppe, gibt das Zeichen zur Kapitulation: "Tut, was nötig ist, um am Leben zu bleiben."

"Heißt?", fragt einer der Offiziere zurück.

"Ergebt euch", antwortet Çelebioğlu. "Oder flieht!"

Ein Jahr danach – Ankara, 22. Mai 2017: Ein Schwurgericht

An einem Morgen im Mai 2017 stehen Hunderte aufgebrachter Erdoğan-Anhänger vor dem 17. Schwurgericht von Ankara. Das Gerichtsgebäude befindet sich auf dem Gelände des Gefängnisses von Sincan, in dem viele der Putschisten eingesperrt sind. Nur wenige Kilometer entfernt liegt die Akıncı-Airbase, die einstige Zentrale der Putschisten.

Fast ein Jahr ist es her, dass der Aufstand niedergeschlagen wurde. Jetzt beginnt die juristische Aufarbeitung: der Prozess gegen 221 Männer, darunter Mehmet Dişli, der den Armeechef in der Nacht des Aufstands vergeblich zur Kollaboration bewegen wollte, sowie andere angebliche Mitglieder des Putsch-Komitees. Auch Fethullah Gülen wird in Abwesenheit der Prozess gemacht.

Datum und Uhrzeit des Putsches wurden von Fethullah Gülen genehmigt.
Aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Anakara

Aufgereiht wie auf einer Schnur, werden die Angeklagten an den Schaulustigen vorbeigeführt, die Hände vor dem Körper gefesselt. Die Demonstranten beschimpfen sie als Verräter und Mörder, einige haben Seile mitgebracht, zu Galgenknoten gebunden, die sie den Beschuldigten vor die Füße werfen.

Der Mann an der Spitze des Zuges trägt einen schwarzen Pullover und eine Lesebrille, er ist seit 46 Jahren Soldat. Sein Name ist Akın Öztürk, er gilt als ranghöchster Putschist innerhalb des Militärs.

Öztürk ist ein Beispiel dafür, warum es so schwer ist, der offiziellen Darstellung der türkischen Regierung zu folgen. Am Morgen des Putsches, so viel ist sicher, war Öztürk mit seiner Frau in Izmir bei einem Notar, dann kehrte er nach Ankara zurück. Am Abend hätte er in Istanbul an der Hochzeitsfeier im Moda Deniz Club teilnehmen sollen. Aber weil es seiner Frau nicht gut ging, entschied sich Öztürk, in Ankara zu bleiben und dort seine Tochter zu besuchen. Die ist mit einem Luftwaffenoffizier verheiratet und wohnt deshalb auf der Akıncı-Airbase. Dass Öztürk als einziger Luftwaffengeneral nicht bei der Hochzeit dabei war, als die Putschisten kamen, macht ihn verdächtig.

Vom Umsturzversuch erfuhr Öztürk nach eigenen Aussagen durch seinen Assistenten, der kurz nach 22 Uhr in die Wohnung der Tochter auf der Akıncı-Airbase stürmte und dort mit ihm die Fernsehbilder von der besetzten Bosporus-Brücke sah; Öztürk befand sich zu diesem Zeitpunkt nicht bei den Verschwörern.

Der General, steht in der Anklageschrift, soll den Befehl zum Aufstand gegeben haben. In der Anklageschrift wird ein Telefonat zwischen Öztürk und dem Putschisten-General Mehmet Partigöç kurz vor Mitternacht angeführt. Partigöç fordert ihn darin auf, sich dem Aufstand anzuschließen.

Später in der Putschnacht fuhr Öztürk zwar in die Räume des Generalstabs, wo die Putschisten den Armeechef Akar gefangen genommen hatten. Aber Zeugen haben Öztürk in der Nacht auch an die Aufständischen appellieren gehört: "Hört auf damit!"

Öztürks Schwiegersohn sei Gülen-Anhänger, heißt es in Regierungskreisen. Öztürk selbst aber war als Anhänger der Ultranationalisten von der Partei MHP bekannt, Erzfeinden Gülens. Im August 2016, wenige Wochen nach dem Putsch, hätte er in Rente gehen sollen. Bereits in den Morgenstunden des 16. Juli 2016, kurz nach der Niederschlagung des Aufstands, flimmerte sein Foto über die Fernsehbildschirme, versehen mit der Schlagzeile, er sei die Nummer eins der Putschisten. Vor Gericht wird Öztürk aussagen, dass es für ihn keine größere Strafe geben könnte, als auf der Anklagebank zu sitzen. Mit dem "feigen Aufstand" habe er nichts zu tun. Bis heute ist es der türkischen Regierung nicht gelungen, dies durch Zeugenaussagen, Telefonmitschnitte oder schriftliche Dokumente zu widerlegen.

Bei Adil Öksüz dagegen ist eine Verbindung zu Gülen deutlicher zu erkennen. Er gilt als Vertrauter des Predigers und wird in der Türkei "Imam der Streitkräfte" genannt, weil er innerhalb der Hizmet-Bewegung für die Armee zuständig war. Öksüz soll bei mehreren Vorbereitungstreffen der Putschisten in der Villa am Stadtrand von Ankara anwesend gewesen sein, heißt es in der Anklageschrift. Die Ermittler beziehen sich auf eine anonyme Zeugenaussage. Danach habe Öksüz kurz vor dem Putsch geprahlt: "Freunde, gerade eben habe ich mit unserer Hoheit gesprochen, ich soll euch grüßen." Gemeint ist Gülen.

Er werde zu einem Treffen ins Ausland fliegen, und "wenn kein Missgeschick passiert, werde ich am Dienstag mit unserer Hoheit sprechen und Mittwoch oder Donnerstag zurückkehren", so gibt der anonyme Zeuge die angeblichen Äußerungen von Öksüz wieder.

"Fragezeichen in unseren Köpfen"

In der Anklageschrift werfen die Staatsanwälte Öksüz vor, am 11. Juli 2016 mit Turkish-Airlines-Flug TK 003 von Istanbul nach New York geflogen zu sein. Am 13. Juli, zwei Tage vor dem Putsch, sei er zurückgekehrt. In Amerika, behauptet der Staatsanwalt, habe Öksüz von Gülen den Befehl zum Staatsstreich erhalten. Am Abend des Putsches wurde Öksüz mit einem Rollkoffer in der Nähe der Akıncı-Airbase festgenommen. Wenige Tage später aber wurde er von einem Ermittlungsrichter mysteriöserweise wieder freigelassen. Er ist bis heute verschwunden.

Wie bei Akın Öztürk, dem General, fehlt auch im Fall Öksüz ein finaler Beweis für dessen Einbindung in den Putsch. Hat Öksüz in den USA wirklich Gülen getroffen und dort den Putschbefehl erhalten?

"Das FBI hat Gülens Rolle untersucht und keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass er den Umsturzversuch geplant hat", sagt ein US-Regierungsbeamter auf Anfrage der ZEIT. "Das FBI hat sich mit türkischen Regierungsvertretern sowohl in den USA als auch in der Türkei getroffen und nach Belegen gefragt. Die Türken haben nichts übergeben." Und zu Öksüz’ Reise nach New York: Viele Anhänger der Hizmet-Bewegung reisten hin und her, "aber es gibt keinen Beleg dafür, dass sie den Putsch geplant haben".

Ankara, Mai 2017: Türkische Abgeordnete haben jede Menge Fragen

Monatelang hat ein Untersuchungsausschuss des türkischen Parlaments – in dem Erdoğans AKP die absolute Mehrheit hat – versucht, die Vorgänge in der Putschnacht aufzuklären. Das Ergebnis ist eine Farce. Der Bericht des Gremiums umfasst mehr als 650 Seiten, von denen etwa 550 die Frage behandeln, was die "Fethullah-Gülen-Terrororganisation" ist, wer dazugehört und wie sie entstanden ist. Die Putschnacht selbst wird auf knapp 80 Seiten abgehandelt, "auf denen wir nichts Neues erfahren", meint der Verfassungsrechtler Mithat Sancar, der dem Ausschuss als Abgeordneter der prokurdischen Partei HDP angehörte. "In diesem Bericht ist nichts enthalten, was die Fragezeichen in unseren Köpfen auflösen würde."

Es gibt bis heute keine Hinweise darauf, dass die türkische Regierung frühzeitig von den Plänen erfahren hätte, aber es gibt jede Menge Fragen, die unbeantwortet sind – vor allem, was die Stunden vor Beginn des Staatsstreichs betrifft. Wie viele Anhänger der Gülen-Bewegung haben sich tatsächlich am Putsch beteiligt? Waren auch andere Gruppen dabei? Warum weichen die Darstellungen Erdoğans und seines Geheimdienstchefs voneinander ab? Wann genau erreichten Geheimdienst und Regierung erste Hinweise darauf, dass es einen Putsch geben würde?

Der Abgeordnete Sancar hätte diese Fragen gerne im Ausschuss gestellt, aber zwei der wichtigsten Akteure der Putschnacht – Geheimdienstchef Fidan und Generalstabschef Akar – erschienen nicht persönlich vor dem Ausschuss, sondern reichten nur schriftliche Stellungnahmen ein. Sancar vermutet, die Regierung habe kein Interesse an einer Aufklärung: "Sie haben eine Erzählung um den 15. Juli geschaffen, einen ›Gründungsmythos‹ einer neuen Türkei." Und den solle niemand infrage stellen.

Die CHP, die größte Oppositionspartei, hat inzwischen einen eigenen Untersuchungsbericht vorgestellt. Darin spricht sie von einem "kontrollierten Putsch". Die Regierung habe den Staatsstreich kommen sehen und ihn geschehen lassen, um die Folgen für sich zu nutzen.

Ähnlich sehen es mehrere europäische Regierungen und Parlamente, die sich mit den Ereignissen beschäftigt haben. "Eine direkte Beteiligung Fethullah Gülens am Putschversuch im Sinne einer Anordnung ist unwahrscheinlich", heißt es in einem vertraulichen Geheimdienstbericht eines Nato-Landes, der der ZEIT vorliegt. Einige westliche Beobachter sprechen von einem Putsch im "Africa-Style": schlecht geplant, chaotisch, blutig.

Der Auswärtige Ausschuss im britischen Unterhaus sieht eine Allianz aus mindestens drei Gruppen mit unterschiedlichem Interesse an einem Machtwechsel in der Türkei: zum einen religiöse Gülen-Anhänger, aber auch streng säkulare Militärs in der Tradition Atatürks sowie opportunistische Militärs, die sich dem Staatsstreich aus Angst um ihre Positionen angeschlossen hätten – eine Zweckgemeinschaft.

"Der Putsch war wohl nur ein willkommener Vorwand", sagt der Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, in einem Spiegel- Interview. Er sehe keine Anzeichen dafür, dass die Hizmet-Bewegung dahinterstecke. "Die Türkei hat auf den verschiedensten Ebenen versucht, uns davon zu überzeugen", sagt Kahl. "Das ist ihr aber bislang nicht gelungen." Erdoğan empfindet diese Zweifel der westlichen Regierungen als Zumutung. Sie standen nach dem Putsch nicht an der Seite der Türkei, trotz der Zerstörung, trotz der Toten, so sieht er das.

Und vielleicht stimmt es ja, dass Gülen den Putsch angeordnet hat, vielleicht ist es richtig, dass es sich um ein letztes Aufbäumen seiner Bewegung gegen eine drohende Zerschlagung handelte. Aber um das zu belegen, müsste die Türkei Beweise präsentieren, nicht nur Behauptungen, die sich maßgeblich auf anonyme Zeugen stützen. Die Beweise sind schwach, die Vorwürfe stark. Eine Möglichkeit wäre, eine unabhängige Untersuchungskommission einzurichten, die den Putschversuch aufarbeitet, doch dagegen sträubt sich die türkische Regierung.

Gülen, den die ZEIT im September 2016 zum Interview in Pennsylvania besuchte, bestreitet vehement, mit dem Aufstand etwas zu tun zu haben. "Ich habe den Putschversuch verurteilt, schon während er sich ereignete", sagt er. Wer immer darin verwickelt gewesen sei, habe die Regierung und die Prinzipien seiner Bewegung verraten.

Stavanger, Norwegen, 30. Mai 2017: Ein neues Leben im Exil

Es gab eine Zeit, sagt der türkische Offizier Burak Deniz (Name geändert), da habe auch das kemalistische Militär hoffnungsvoll auf Erdoğan geblickt. "Anfangs hat er verfolgt, was schon Atatürk wollte: das Gesicht der Türkei in Richtung Westen wenden."

Bis zum vergangenen Jahr vertrat Deniz die Türkei in einem Nato-Stützpunkt im norwegischen Stavanger. Heute ist er ein politischer Flüchtling, der an einem langen Holztisch in der Kanzlei seines Anwalts sitzt. Deniz sagt: "Zehn Jahre nach der Hoffnung dreht Erdoğan das Gesicht der Türkei gen Osten, Richtung Folter, Sprechverbot, Intoleranz. Richtung Russland und China." Jeder, der das nicht gutheiße, jeder, der da nicht mitmachen wolle, gelte seit der Nacht des Putsches als Terrorist.

"Bauarbeiten am Gefängnis"

Nach offiziellen Angaben des türkischen Militärs nahmen an dem Staatsstreich 8651 Armeeangehörige teil, davon 1200 Kadetten, die zumeist den Befehlen ihrer direkten Vorgesetzten folgten, ohne den Hintergrund zu kennen. Die Putschisten setzten 35 Kampfflugzeuge, 37 Hubschrauber, 74 Panzer und drei Kriegsschiffe ein.

Die Strafaktionen aber reichen weit über die Armee hinaus. Sie trafen Gerichte ebenso wie Schulen und Unternehmen. Rund 170 Medien und Verlage wurden geschlossen, mehr als 170 Journalisten sitzen im Gefängnis.

Auch der Name des Soldaten Burak Deniz, der die vergangenen drei Jahre im Ausland verbracht hat und nun in Norwegen festsitzt, findet sich auf den langen Listen der Festzunehmenden.

Als Deniz und seine Kollegen Ende September 2016 nach Hause beordert wurden, entschieden sie sich, in Norwegen zu bleiben. "Wir haben im Fernsehen gesehen, wie Freunde von uns gefoltert wurden, weil sie am Putsch beteiligt gewesen sein sollen. Wir wussten, dass sie mit uns genauso verfahren würden."

Sie beantragten Asyl und bekamen es.

"Wenn es wirklich ein Putschversuch war, dann gehören die Akteure auch bestraft", sagt Deniz. Doch er kann das nicht glauben. "Es gibt", sagt er, "auf der Welt wahrscheinlich kein Land, das so putscherfahren ist wie die Türkei. Und es gibt keinen Militärapparat, der so etwas professioneller durchziehen könnte." Wenn eine Organisation wie die Gülen-Bewegung dahintergestanden hätte oder weite Teile des Militärs, meint Deniz, dann hätte die Nacht einen anderen Verlauf genommen. Doch am 15. Juli sei nichts professionell abgelaufen. "Das war stümperhaft", sagt er.

Ankara, Juli 2017: Die Türkei baut an ihrer Zukunft

Nach Beginn des Prozesses gegen die Putschisten herrscht vor Gericht wieder normaler Betrieb. Polizisten lungern unter Planen, Besucher kommen und gehen, Demonstranten sind keine mehr da. Aber immer öfter tauchen Lastwagen auf und fahren auf das Gelände, zum Gefängnis von Sincan. Sie bringen Zement, Ladung um Ladung.

Am Straßenrand steht ein Schild, blaue Schrift auf weißem Grund: "Bauarbeiten am Gefängnis". Der türkische Justizminister hat angekündigt, im ganzen Land 175 neue Haftanstalten bauen zu lassen.

In der Türkei reicht der Platz in den Gefängnissen nicht mehr aus.

Mitarbeit: Onur Burçak Belli