Armes Mettbrötchen. Über Generationen decktest du den Bedarf der Deutschen an rohem Fleisch. Selbst Leute, die ihr Steak durchbraten ließen, verspeisten ohne jeden Ekel das rosa Schweinehack. Dann kamen Sushi, Ceviche, Poké. Der rohe Fisch stiehlt dir die Schau – und das nicht mehr nur bei den Yuppies.

Das Gourmetrestaurant Jellyfish hat vor wenigen Tagen im Grindelhof eine Pop-up-Dependance namens Pure Sea eröffnet. Das mit der See ist nicht so überraschend; auch im Mutterhaus gibt es praktisch nur Fisch. Hier aber kocht man ihn radikal anders, und zwar gar nicht. In neun Gerichten bleibt er roh, die anderen zwei sind vegetarisch.

"Neugierig?", fragt die Tafel am Eingang. Pop-ups müssen ja ein bisschen salopp sein. Wobei dieses auf den zweiten Blick sehr professionell daherkommt. Der Tresen drinnen ist aus Marmor. Die Bänke und der Sonnenschirm draußen nehmen die Wandfarben auf: ausgebleichte Töne von Hellgrau und Türkis. Improvisiert an alldem wirkt nur die kleine Sandfläche vor dem Bürgersteig. "Da wollten wir bloß die Reste der Blumendeko vom Vormieter abdecken", erzählt die nette Kellnerin. Die Kinder der Gäste freuen sich seitdem über den Pop-up-Spielplatz.

Spätestens die Karte verrät den Profi, und zwar einen mit Ehrgeiz. Ahi Poké mit Wakame, Quinoa und Ponzu – niemand muss sich schämen, der da ein Wörterbuch braucht. Schade, dass die Gerichte nicht so aufregend schmecken, wie sie klingen. Guter Fisch, behutsam mariniert, aber zwischen ihm, dem Getreide, den Algen und ein paar Mangowürfeln funkt es nicht. Auch die Gelbflossenmakrele mit angekokelter Wassermelone, kalter Erbsensuppe und Couscous blieb bei aller handwerklichen Perfektion in der Kategorie "Kann man machen".

Die Portionen haben Vorspeisenformat, und man ist versucht, sie zu teilen. Teils, weil sie so hübsch arrangiert sind, teils, weil nicht jeder Magen an so viel rohen Fisch gewöhnt ist. Es kommt dann aber der nächste rohe Fisch; und irgendwann fragt man, warum. Erfreulicherweise betet die Kellnerin kein Ernährungscredo herunter, sondern sagt schlicht die Wahrheit: "Wir dürfen hier drin gar nicht kochen, sondern nur aufwärmen."

Das ist ein spannender Ansatz. Küche unplugged, sozusagen. Noch merkt man den Gerichten an, dass sie diese Beschränkung mit Exotismus überdecken, statt entsprechend mutige Ideen zu entwickeln. Aber das kommt sicher noch, falls das Lokal sich etabliert.

Was geht, zeigt jetzt schon die Makrele, diesmal ohne gelben Schwanz. Der unterschätzte Fisch, mildsauer gebeizt, kontert eine Art Fleischsalat aus Kalbszunge, Zwiebel und Gurke. Weil auf ihm ein Estragon-Eis zerläuft, schmeckt jeder Bissen anders. Wer dazu Meerrettich erwartet, findet ihn in der Wasabi-Mayo. Das ist verrückt, aber mit Gespür fürs Bewährte. Fans von Mettbrötchen oder Rollmops beginnen am besten hier. Und freuen sich darüber, dass sie damals schon zur Avantgarde gehörten.

Pure Sea, Grindelhof 85, Rotherbaum. Geöffnet mittwochs bis sonntags von 13 bis 22 Uhr. Kleine Gerichte für ca. 15 Euro. Keine Reservierungen, nur Barzahlung