Um Derneburg ranken sich in kunstinteressierten Kreisen seit Langem die Mythen. Einst ein Kloster, das aufs 13. Jahrhundert zurückgeht, wurde es im 19. Jahrhundert zu einem Schloss umgebaut, das sich mit seinem neugotischen Tudorstil und einem Pagodendach nicht in die triste niedersächsische Provinz einfügen will, inmitten der es liegt. Für Exzentriker genau das Richtige. 1975 kaufte es der Künstler Georg Baselitz und lebte dort 30 Jahre lang. 2006 übernahm es dann der amerikanische Broker Andrew Hall, eine Wall-Street-Legende, und kündigte an, im Schloss einen Teil seiner gewaltigen, mehr als 5.000 Werke umfassenden Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Nun ist es so weit, nach zehn Jahren umfangreicher Umbauten. Und es ist zum Niederknien, wenn nicht noch viel mehr. Aus dem einstigen Kloster ist eine Kathedrale geworden, eine Kathedrale der Kunst und des Schönen. Auch wenn Halls Sammlung viel Durchgesetztes und wenig Experimentelles enthält und in ihrer Gediegenheit ungute Tendenzen einer gesellschaftlichen Re-Feudalisierung spiegelt: Wie in Derneburg Architektur, Landschaft, Skulpturen und Gemälde verschmelzen, ist schlicht ohnegleichen. Überhaupt scheint dies der Schlüssel zu Schloss Derneburg zu sein. Alles ist hier, was auch die Kunst meist sein will: singulär.

Das fängt schon vor dem Haupteingang zum Schloss an. Auf dem Kies steht denkmalgleich eine Bronzeskulptur, die von Baselitz stammt und den Künstler mit seiner Frau darstellen soll. In der Eingangshalle folgt das Porträt des neuen Schlossherrn. Der Amerikaner Julian Schnabel – Maler, Bildhauer, preisgekrönter Filmregisseur und Freund des Hauses – hat es gemalt und den Schriftzug "Herr Hall at home" darübergepinselt. Persönlicher kann keine Ausstellung beginnen, und aus dem Bild, das Andrew Hall mit stechendem Blick, scharfen Gesichtszügen und kahlem Schädel zeigt, als kunstliebenden Klosterbruder, lässt sich auch das folgende Programm entnehmen: Es geht um Kunst, die kein Pathos scheut; um Kunst, die den Anspruch erhebt, die Welt und den Betrachter zu verändern; um Kunst, die von jenem Willen zum Visionären getrieben ist, den wohl auch ein Broker wie Andrew Hall gehabt haben muss, um sein Vermögen zu verdienen.

An die Eingangshalle schließt sich ein Kreuzgang an. Dort hat der britische Künstler Antony Gormley – auch er ein Freund von Hall – Dutzende von Bronzeskulpturen aufgestellt, die zwischen Menschenfigur und mathematischer Formalisierung oszillieren. Eine düstere Prozession, aber für wen? Zu Ehren der Naturwissenschaften und der Technik, die den Menschen in einen berechenbaren Körper verwandeln?

Scheinbar heiterer wird es im ersten Stock. In einem langen Trakt sind farbenfrohe Bilder von Malcolm Morley untergebracht, der in den sechziger Jahren den Hyperrealismus in der Malerei mitbegründete. Schiffe, Motorräder, Flugzeuge leuchten dem Betrachter detailgetreu entgegen. Aber dabei bleibt es nicht. Die moderne Welt kracht in späteren Bildern zusammen, Unfälle aller Art spielen sich ab; auch Morleys Stile purzeln wild durcheinander, hier Impressionismus, dort Expressionismus und zwischendurch Morleys alter Hyperrealismus. In einem baumhohen Saal, ehemals die Klosterkapelle, findet dieser Wirbel ein vorläufiges Ende: An den Wänden hängen Ritterbilder aus dem Jahr 2016, im naiven Stil mittelalterlicher Freskenmalerei.

So geht es weiter und weiter, auch außerhalb des Schlosses: In dem alten Atelier von Baselitz, das wie eine Scheune im Park liegt, haben überdimensionierte Bilder von Schnabel eine Bleibe gefunden. In einem abgedunkelten Schafstall tappt man durch eine fantastische Licht-Installation von Anthony McCall. Ein weiter Innenhof mit einer Handvoll abstrakter Skulpturen spielt in seiner Gestaltung an den berühmten Zen-Steingarten des Ryoan-ji in Kyoto an.

Zurück im Schloss, folgt eine Ausstellung, die Leo Koenig zu Ehren von Barbara Weiss kuratiert hat, mit Werken von Künstlerinnen, die von der kürzlich verstorbenen Berliner Galeristin gefördert wurden. Und Chrissie Iles vom New Yorker Whitney Museum hat aus Video-Arbeiten der Sammlung Hall eine Schau mit dem Titel Die Tatsache des Ungewissen konzipiert.

Mit Gewissheit sagen lässt sich: Für einen Tag ist das zu viel. Man fühlt sich am Ende wie eine Skulptur von Antony Gormley, platt auf dem Boden, alle viere von sich gestreckt: erschlagen von bedeutungsschwerer Kunst. Besichtigen lässt sich das Ganze nämlich nur in einer fünfstündigen Tour im kleinen Kreis, die man an Samstagen und Sonntagen, beginnend um elf Uhr, für 75 Euro buchen kann – einschließlich eines Mittagessens in der Schlossküche, auf deren Wänden Baselitz einige Skizzen zu seinen Skulpturen hinterlassen hat. Eine kurze Tour mit den Highlights der Sammlung kostet 20 Euro und ist auch am Mittwoch möglich.

Natürlich sind dieses Besuchsprozedere und der damit verbundene Preis elitär. Das ist, wenn man so will, die Kehrseite des Singulären, nach dem Andrew Hall strebt.

Und noch eine Kehrseite gibt es. Andrew Hall hat sein Geld als Broker bei BP, später bei Energiehändlern wie Phibro und Occidental Petroleum verdient. Sein Märchenschloss der Kunst ist das wohl hübscheste Antlitz, das das schmutzige Ölgeschäft der Welt zeigen kann.

Nun muss man kein Visionär sein, schon gar nicht im Land der Energiewende, um angesichts ökologischer Katastrophen zu wissen, dass die Tage des Zeitalters fossiler Energie gezählt sind. Dann wird man auf Derneburg und die Kunst dort mit einem Schauder zurückschauen, auf Relikte eines ebenso leuchtenden wie finsteren Mittelalters, dem man einst den Namen Moderne gegeben hatte.

Weiteres unter www.hallartfoundation.org