Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

Der Tages-Anzeiger tut sich wieder einmal furchtbar schwer mit den Frauen. Auf seinem Geschichts-Blog History Reloaded sucht er "Die 25 wichtigsten Schweizer Figuren" und stellte in einer ersten Runde die üblichen Verdächtigen vor – also mehrheitlich Männer. Ganze drei Frauen hat er dann doch noch gefunden, darunter, tatsächlich, unser aller Heidi. Das brave Mädchen aus den schönen Bergen, das sich bekanntlich immer für andere aufopfert.

Nun ja, so viele Peinlichkeiten in einen Blog-Beitrag zu packen, das ist auch eine Kunst. Die Rechtfertigung des Tagis: Es gehe halt nun einmal "um große Verstorbene", also die Vergangenheit, und da hätten die Männer eben Größeres geleistet als die Frauen. Frau kann gar nicht so lange Luft holen, um angemessen seufzen zu können.

Immerhin ist der Redaktion die Schwäche der eigenen Argumentation doch noch aufgefallen. Und so hat sie die große Verstorbene, die das fiktive Heidi angeblich gewesen sein soll, klammheimlich ausgetauscht. Gegen Johanna Spyri, die Schöpferin der Kunstfigur.

Dass große Frauen nicht immer sichtbar sind, hat schlicht damit zu tun, dass sie in den Quellen nur als Randnotiz erscheinen – sogar heute noch.

So ich nichts übersehen habe, verloren die Tagi-Journalisten nur einen einzigen Satz, als vor zwei Wochen die große französische Politikerin Simone Veil starb. Dabei kann man den Einfluss dieser Grande Dame auf Europa und seine Frauen gar nicht hoch genug einschätzen.

Auch mich hat Veil stark geprägt. In den 1970er Jahren war sie Gesundheitsministerin in einer bürgerlichen Regierung Frankreichs und hat die Fristenregelung eingeführt. Gegen den erbitterten Widerstand ihrer eigenen Kollegen. Dafür wurde sie von den in Frankreich starken und traditionell konservativen Katholiken aufs Übelste beschimpft, und man verschmierte das Haus der Jüdin mit Hakenkreuzen. Aber die loi Veil ist in die Geschichte eingegangen. Ebenso konsequent hat die Juristin und Mutter dreier Kinder den freien Zugang zu Verhütungsmitteln durchgesetzt – der damals noch nicht existierte.

Die Frauen in ganz Europa jubelten über diesen epochalen Fortschritt. Nach Simone de Beauvoir wurde Simone Veil zur zweiten französischen Simone im 20. Jahrhundert, die Frauenrechtlerinnen beflügelte. Später wurde sie als erste Frau zur Präsidentin des Europaparlaments gewählt.

Dass sie sich als Auschwitz-Überlebende und Französin für die Aussöhnung mit Deutschland engagierte, setzte ebenfalls historische Maßstäbe. Sie verstand Europa aufgrund ihrer leidvollen Erfahrung als Friedensprojekt.

Als Veil vor zehn Jahren im Panthéon sprach, habe ich ihre Rede bewegt mitverfolgt. Anlass war die symbolische Aufnahme in die nationale Ruhmeshalle von all jenen Französinnen und Franzosen, die im Zweiten Weltkrieg jüdische Kinder, Frauen und Männer geschützt und gerettet hatten. Für Simone Veil strahlten diese Menschen als "Licht in der Nacht der Schoah". Sie erinnerte daran, dass nur dank dieser Menschen gegen drei Viertel der französischen Juden den Nazis entkommen und überleben konnten.

Judenverfolgung, Frauenrechte, Europa, Aussöhnung: Es waren die großen Fragen des 20. Jahrhunderts, die Simone Veil beschäftigten. Damit wirkte sie über die Grenzen von Religionen, Nationen, Parteien und Geschlechtern hinweg. Zusammen mit ihrem Mann soll sie deshalb in den kommenden Monaten selbst in der Halle des Panthéon zur letzten Ruhe gebettet werden.

Also, lieber Tages-Anzeiger: Solche internationalen Botschaften der Mitmenschlichkeit und des Kampfgeistes interessieren mich mehr als alle sauglatten nationalen Best-of-Listen.