"Ach, ihr nun auch." Die Hamburger Kollegin konnte ihren fehlenden Enthusiasmus schlecht verbergen. Ja, wir nun auch. Was Hamburg die Elbe, was London die Themse, das ist uns Zürchern der See – und darüber gehört heutzutage, so scheint es: eine Seilbahn.

So sieht das zumindest die Zürcher Kantonalbank. Zu ihrem 150. Geburtstag, den sie in drei Jahren feiert, will sie "der Bevölkerung und den Besuchern des Kantons Zürich ein Erlebnis bieten". Das verkündeten ihre Chefs vergangene Woche in salbungsvollem PR-Sprech.

Seilbahnen sind der heiße Scheiß unter den Hobby-Stadtplanern. Kein Wunder: Sie sind einfach und vergleichsweise günstig zu bauen – und gleichzeitig überproportional spektakulär.

Eine U-Bahn? Sieht man nicht und ist viel zu teuer. Eine S-Bahn? Wie langweilig. Eine Straßenbahn? Die mag in Detroit oder in Paris mit ihrem Retro-Charme punkten, aber nicht im Tram-Land Schweiz. Bleibt die Gondelbahn. Aber nicht vom Berg ins Tal oder von Wipfel zu Wipfel, nein, über dem urban jungle soll sie schweben. Bald in Zürich und später dann in Basel, wo Lokalpolitiker mit einer Petition für ein Rhein-Gondeli kämpfen wollen. Man will schließlich nicht als vorgestrig erscheinen.

Besonders originell ist die Bahn-Idee nicht. In New York verbindet seit über vierzig Jahren eine Luftseilbahn Roosevelt Island mit Manhattan. In London schwebt seit den Olympischen Spielen von 2012 eine Gondelbahn von Greenwich in die Docklands. Und in Hamburg, deshalb die mitleidvolle Mail aus dem ZEIT-Hauptsitz ins Außenbüro, wollten vor ein paar Jahren eine Eventagentur und der österreichische Seilbahnbauer Doppelmayr ein Gondeli über den Fluss spannen.

Auch dort war viel von Freude und Geschenken die Rede. Der Sprung über die Elbe – endlich! Aber eigentlich ging es darum, Musical-Touristen möglichst günstig in eine neue Halle auf der anderen Hafenseite zu spedieren. Ein Bürgerentscheid beerdigte das Projekt.

Nun ist es einer Firma, einer Bank völlig unbenommen, sich als visionäre Bauherrin zu inszenieren. Planen darf sie alles, auch eine schwebende Bürger-Bespaßung für 40 bis 60 Millionen Franken.

Was hingegen irritiert, ist die grenzenlose Euphorie, mit der dieses urbanistische native advertising von der Politik und den lokalen Medien mit getragen wird. Die sozialdemokratische Stadtpräsidentin freut sich in ihrer Videobotschaft bereits heute auf die Fahrt über den See, ebenso der kantonale SVP-Baudirektor.