Der Minister muss daheim in Ankara bleiben und darf nicht am Sonntag in Wien vor seinen Landsleuten die "Märtyrer" preisen, die vor einem Jahr bei dem Putschversuch in der Türkei ihr Leben verloren hatten. Man wolle verhindern, sagen die Österreicher, dass der innenpolitische Konflikt im diplomatischen Gepäck vom Bosporus an die Donau transportiert werde.

Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Die brüske Abfuhr dient vor allem dazu, im Wahlkampf gute Figur zu machen. Seit geraumer Zeit gehört es zum Standardrepertoire österreichischer Politiker gleich welcher Partei, die Türkei und ihren zur Selbstherrlichkeit neigenden Präsidenten abzukanzeln und möglichst auf Distanz zu halten. Ganz so, als handle es sich beim Türkischen um eine politische Infektionserkrankung, mit der man nicht in Kontakt kommen dürfe, wenn man sein Leben liebe.

Gewiss, das nationalistisch-religiöse Regime schlägt derzeit heftig um sich und steckt alle, die ihm nicht genehm erscheinen – das sind vor allem die alten Eliten –, ins Gefängnis. Es beschuldigt jedermann, der sich eine eigene Meinung anmaßt, des Terrorismus. Und es versucht einen dilettantischen Putschversuch, dessen Hintergründe weiterhin unklar geblieben sind, zu einer türkischen Sternstunde zu verklären. Dadurch soll ein nationales Narrativ geschaffen werden, das nach und nach den bislang vorherrschenden säkularen Kemalismus verdrängt. Insgesamt wenig erfreulich. Aber kein Grund, sich auf Kosten der Türken das innenpolitische Profil zu schärfen. Man hätte den Minister ja auch diplomatisch und nicht vor der Fernsehkamera ausladen können. Hätte irgendwie mehr Stil.