Es gibt vielleicht keine zweite Schriftstellerin, keinen zweiten Schriftsteller, die oder der sich so sehr von Buch zu Buch, von Stück zu Stück an sein einmal bewährtes Hausrezept hält wie Yasmina Reza. Das überrascht vor allem deshalb, weil ihre überragende Begabung so offensichtlich auf der Hand liegt. Sie könnte sich auf die irrsten Abenteuer einlassen und zu völlig neuen Ufern aufbrechen. Stattdessen wird mit, zugegeben, hoher Könnerschaft, aber eben auch der entsprechenden Routine die Reza-Urszene wieder und wieder in minimalen Variationen durchgespielt. Als hätte ihr das Publikum zugerufen: "Lass noch mal jemanden die Beherrschung verlieren, das kannst du doch so gut!" Und sie so: "Na wenn ihr unbedingt wollt – bitte sehr!"

Wie sieht das Reza-Rezept aus? Man nehme eine bürgerliche Welt (mit maximaler Nähe zur Welt des Lesers), lasse kluge und einfühlsame Figuren auftreten, die eigentlich alles erreicht haben, aber über ihrer Saturiertheit spüren, dass ihnen doch etwas fehlt im Leben, dass da etwas Irrationales ist, das an ihnen nagt, und dann zeige man, wie es nur eines kleinen Ausrutschers bedarf, damit diese Welt, die von Vernunft, Toleranz, Zartheit und Zivilisiertheit geprägt zu sein schien, zusammenstürzt und dort, wo eben noch Takt und Benimm waren, plötzlich nur noch die Affekte toben. Denn der Lack der Zivilisation – diesen Satz kann man in wirklich jede Reza-Rezension reinschreiben – ist dünn.

In ihrem berühmten Theaterstück Kunst war es ein weißes Bild mit weißen Streifen, über das sich drei arrivierte Freunde heillos zerstritten. Im Gott des Gemetzels erklärten sich zwei Ehepaare den Krieg, nachdem sie eigentlich nur eine Schulhofkeilerei ihrer Söhne beilegen wollten, obwohl oder gerade weil sie so sehr darauf bedacht waren, sich als moralisch überlegen zu präsentieren. In Glücklich die Glücklichen, Rezas letztem Roman aus dem Jahr 2014, legte ein Ehepaar eine große Szene im Supermarkt hin, deren Auslöser Uneinigkeit über die Frage war, welche Käsesorte man kaufen solle (allerdings hatte bekanntlich schon de Gaulle das Eskalationspotenzial von Käse sehr ernst genommen: "Wie wollen Sie ein Volk regieren, das 246 Käsesorten besitzt?").

In ihrem neuen Roman Babylon ist es ein Biohuhn, das das Fass zum Überlaufen bringt. Das mag, wie gesagt, etwas mechanisch klingen, aber man muss der Autorin lassen, dass sie ihre dramaturgischen Details überaus geschickt wählt, denn so ein Biohuhn ist die perfekte Verkörperung von Zweideutigkeit: einerseits banal, andererseits moralisch aufgeladen, einerseits irrelevant, andererseits ein Symbol fürs Große und Ganze. Man kann ein Biohuhn in der Wichtigkeit der Weltprobleme sehr weit hinten ansiedeln, man kann in ihm aber auch die Erlösung aus der KZ-Struktur unserer Massenfleischerzeugung sehen – dann ist die Frage Biohuhn oder Nicht-Biohuhn der absolute moralische Ernstfall.

Das Ehepaar Elisabeth und Pierre will eine Party geben. Es fehlt den beiden aber an Stühlen und Gläsern. Könnte man sich ja eigentlich von den Nachbarn im Stock darüber ausleihen, von Lydie und Jean-Lino. Lydie hat einen esoterischen Hau und Elisabeth und Pierre einmal angeboten, ihre Wohnung auszupendeln: "Stimme und Rhythmus sind wichtiger als Wörter und Sinn." Jean-Lino hingegen muss immer vor die Haustür, um seine Chesterfields zu rauchen. Irgendwann hat sich Elisabeth dazugestellt und sich mit ihm angefreundet.

Wenn Elisabeth und Pierre sich nun aber Stühle und Gläser von den Nachbarn ausleihen, dann müssen sie sie auch einladen, obwohl sich diese – Jean-Lino verkauft Elektrogeräte – nicht so ganz nahtlos in den Bildungshintergrund der anderen Gäste einfügen. Nun, man gibt sich einen Ruck, wird schon, wir sind ja schließlich alle Menschen. Auf dieser Party, alle haben schon einen im Tee, erzählt Jean-Lino, wie seine Frau kürzlich im Restaurant den Kellner ausgefragt habe, ob das Huhn, das auf der Karte stehe, auch artgerecht aufgezogen worden sei. Ob es auch mal auf einem Baumast habe sitzen können, ob es das getan habe, was Hühner natürlicherweise gern täten. Es ist diese Sorte Geschichte, mit der sich einfallslose Menschen gern mal auf Kosten ihres Ehepartners interessant machen. Nicht schön, aber auch kein Weltuntergang.

Als Lydie und Jean-Lino wieder bei sich sind, lässt sie ihren Ehemann wissen, wie sehr sie verletzt ist. Dann verspottet sie ihn als Würstchen und demütigt ihn – das schaukelt sich schnell hoch, der Kater spielt noch eine Rolle, den nun ausgerechnet die Biohuhn-Rigoristin Lydie mit ihren spitzen Pumps tritt – jedenfalls verliert Jean-Lino die Fassung und erwürgt seine Frau. Das ist jetzt kein Spoiler, man verrät damit nichts, es ist von Anfang an klar, dass es darauf hinausläuft, es steht sogar schon im Klappentext. Bei Yasmina Reza wird ja nicht aus Gründen des Suspense gemordet, sondern um zu zeigen, wie existenziell Gefühle der Verletztheit und Demütigung sein können. Das Erstaunliche aber ist, dass Jean-Lino sich mehr oder weniger unverhohlen nach der schrecklichen Tat an Elisabeth und Pierre wendet mit der Bitte, bei der Beseitigung der Leiche Hilfe zu leisten. Und weil Jean-Lino irgendwie eine schwache Stelle bei Elisabeth berührt hat – der Nonkonformismus seiner Affekthandlung, ihre Sehnsucht nach dem Unvernünftigen? –, ist sie fast versucht, sich zu dieser Komplizenschaft hinreißen zu lassen.