Es kommt also zu allerhand komischen Szenen, die alle dem Gesetz der Übersprungshandlung folgen: Statt sich mit der Tat seelisch auseinanderzusetzen oder die Polizei zu rufen, spricht Jean-Lino beruhigend auf den Kater ein. Als er Elisabeth und Pierre schildert, was er gerade getan hat, greift Elisabeth zum Handstaubsauger. Gerade im Angesicht des Schlimmen tue man das Unpassende – diese Pointenkuh melkt Yasmina Reza ein bisschen zu sehr, denn die Botschaft hat man schon begriffen: Der Mensch ist auf groteske Weise nie auf der Höhe seiner Abgründigkeit.

Yasmina Reza könnte eine bedeutende Romanautorin sein, wenn sie nicht jedes Mal, um die Handlung ins Rollen zu bringen, eine Klamotte schreiben würde. Dabei schafft sie Figuren, die von ihrer seelischen Tiefe her für ganz andere Erfahrungen gerüstet wären, aber dann lässt sie sie doch wieder nur auf einer Bananenschale ausrutschen. Natürlich ist das nicht einfach eine Dick und Doof- Bananenschale, sondern eine Bananenschale mit fieser Bedeutung. Sie gibt dem Leser zu verstehen: "Ihr glaubt, das Leben sei etwas Erhabenes? Nein, das Leben ist lächerlich, so lächerlich wie die Bananenschale, auf der man ausrutscht." Ebenso wenig ist es einfach nur eine oberflächliche Klamotte, die Reza erzählt, sondern eine allegorische, die dem Leser bedeutet: "Schau, gerade bei den großen Fragen von Leben und Tod gibt es keinen feierlichen Ernst, sondern rutscht das Dasein unweigerlich in die Klamotte ab. Es ist alles lächerlich, für seriöse Tragik gibt es keinen Raum in dem absurden Theater, das unser Leben ist!"

Yasmina Reza baut die heile bürgerliche Welt wie eine sehr sorgfältig ausgeführte Laubsägearbeit nur auf, um sie effektvoll einstürzen zu lassen. Das ist das Mechanische an ihrem Schreiben. Und doch hat dieser Roman auch absolut brillante und hellsichtige Szenen, wenn sie zum Beispiel den politischen Mentalitätswandel beiläufig einfängt: "Irgendwann ließ sich Lambert mit der Aussage vernehmen, sämtliche linken Überzeugungen kommen mir nach und nach abhanden. Worauf Jeanne geradezu tollkühn etwas entgegnete, das noch vor wenigen Jahren im selben Kreis den sozialen Selbstmord bedeutet hätte: Mir kann das nicht passieren, ich habe nie welche besessen!"

Nachdem das Projekt der Leichenentsorgung (Elisabeth und Jean-Lino haben sich gemeinsam auf den Koffer gelegt, um den Reißverschluss zuzukriegen) endlich aufgegeben worden ist, kommt Yasmina Rezas größte Stärke zur Geltung: Diese Autorin ist absolut unsentimental. Elisabeth erzählt ihrer Freundin Danielle, dass ihr Nachbar nach der Party seine Frau erwürgt habe. "Jeder andere hätte eine betrübte Miene aufgesetzt. Nur meine gute Danielle nicht, die strahlte. – Neeein!?"