Ist die Informationstechnik von heute so intelligent, dass sie sogar ein Eigenleben entwickeln kann? Dass sie beschließt, uns zu ärgern, einfach so – und was heißt uns? Sie! Die Digitalanzeigen an Hamburgs Bushaltestellen haben schicke Displays und wirken auf den ersten Blick sehr hilfreich. Schließlich finden sich hier exakte Angaben, wann der jeweils nächste Bus fährt – in "5 Min.", in "3 Min." oder gar: "Sofort"! Das Schickste daran: Hier werden nicht die Abfahrtszeiten aus dem Fahrplan wiedergekaut, die Zeitangaben sind echt. Jeder Bus ist mit GPS ausgerüstet, und anhand seiner Position und der Fahrstrecke erstellt ein zentraler Rechner die Minutenprognosen für die Abfahrt. In Zeiten allgegenwärtiger Staus ist der größtmögliche Komfort im Nahverkehr längst nicht mehr Pünktlichkeit, es sind gesicherte Informationen: Wann kommt der Bus wirklich? Habe ich noch Zeit, kurz in die Apotheke zu huschen, um Beruhigungsmittel und Kopfschmerztabletten für den nächsten Stau zu besorgen, oder kann ich gleich in der Firma anrufen und dem Chef mitteilen, mit mir sei heute nicht mehr zu rechnen, und schuld sei der vermaledeite Bus?

So weit, so gut. Aber was, wenn einen auf einmal das Gefühl beschleicht, dass sich die prognostizierte "1 Min." zieht, als seien es drei, gar fünf Minuten – und wenn der Blick auf die Armbanduhr das sogar bestätigt? Oder wenn man wie ein Wahnsinniger quer über die Straße zur Haltestelle spurtet, weil auf dem Display ein "Sofort" steht und man endlich einmal pünktlich im Büro sein will – und das zwar überlebt, aber nach acht Minuten ist immer noch kein Bus in Sicht, und die Anzeige zeigt weiterhin ein höhnisches "Sofort"(!)?

Will man hier Verspätungen generalstabsmäßig verschleiern? Oder foppt uns tatsächlich die für uns einfache morgendliche Gemüter zu hoch entwickelte Technik?

Nein, denn so hoch entwickelt ist die Technik nämlich doch noch nicht. Dafür muss man wissen, dass die Busanzeigen im Grunde die prognostizierte Restfahrzeit bis zum Erreichen der Haltestelle angeben. Steht ein Bus im Stau, sendet er die gleiche GPS-Position immer wieder an den Leitstellen-Rechner. "Im Ergebnis", sagt Constanze Dinse von der Hochbahn, "zeigt die Tafel mehrere Minuten lang die gleiche berechnete Restfahrzeit bis zur Haltestelle an." Kommt der Bus also eine Straße weiter sechs Minuten lang nicht an einem quer geparkten DHL-Lieferwagen vorbei, kann sich die eine prognostizierte Minute quälende sechs Minuten ziehen; Insider sprechen von der "Hochbahn-Minute".

Kann man denn die Technik nicht mit Systemen zur Prognose der Verkehrslage koppeln und Staudauern einbeziehen? "Perspektivisch wäre das möglich", sagt Constanze Dinse. Allerdings könnten die allermeisten dieser Tools noch nicht mit speziellen Fahrzeiten infolge von Busspuren oder Ampelschaltungen für Busse umgehen. Und auch plötzliche, kurzfristige Staus ließen sich kaum kalkulieren. Also bleibe es vorerst "bei der durchaus dehnbaren Hochbahn-Minute". Und bei einer Gewissheit: Schneller als auf der Tafel angezeigt kommt der Bus keinesfalls.