Absolut nichts deutet bei diesem Mann anfangs auf eine Karriere als Künstler hin. Carl Lohse, geboren 1895 in Hamburg. Mit den Augen hat er als Kind Probleme. "Musste manchmal, weil das Sehvermögen mich völlig im Stich ließ, wochenlang daheim bleiben und Augenumschläge machen, wobei ich auf dem Sofa lag und wartete, bis sich das Sehen wieder einstellte." Bis das Sehen sich wieder einstellte, muss sich in der Fantasie hinter den Umschlägen einiges abgespielt haben – was der Junge zeichnend zu Papier bringt. Seine Mutter zeigt diese Blätter Alfred Lichtwark, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Der bescheinigt "ein starkes Talent".

Lohse besucht daraufhin eine private Malschule, später die Weimarer Kunstakademie. Aber dann: der Krieg. Schwer traumatisiert kehrt er 1919 heim und findet Aufnahme in der künstlerisch umtriebigen Gastfamilie Scheumann im sächsischen Bischofswerda. Lohse ist 24 Jahre alt. Ein rauschhaftes Malen setzt ein, über 130 Werke entstehen innerhalb von zwei Jahren.

Diese "Kraftfelder" sind im Barlach Haus zu sehen. Lohse therapiert sich malend, verarbeitet, was er in den Schlachten erlebt hat, Explodierende Granate, Schützengraben. Grotesk verrenkte Körper von Soldaten, Aufruhr und Dynamik im Quadrat.

"Es ist ungewöhnlich, dass die Spitzenwerke eines Künstlers in der Jugend entstehen", sagt Karsten Müller, der Kurator der Ausstellung und Leiter des Barlach Hauses. Der Raum, der den Titel "Köpfe" trägt, sei die "Herzkammer der Ausstellung". Keine freundlich-naturalistischen Porträts, sondern schroffe Querköpfe, Darstellungen von Menschen, mit denen Lohse befreundet war. Wir sehen den Schriftsteller Ludwig Renn (Roter Klang), Porträts hohläugiger Zwerge aus dem Armenhaus (Geschwisterpaar) mit Propellerschleifen im Haar und die wunderbar leuchtende Sie, deren intensiv blauer Blick uns unter grüner Stirn fixiert.

Die erste Ausstellung, 1921, in einer Dresdner Galerie. Die Kritik erkennt Lohse als interessante Ausnahmefigur, als eine Art Hoffnungsträger der jungen Kunst und schreibt atemlos begeistert: "Man hat das Gefühl, als ob Lohse an seiner eigenen Kraft emporklettert."

Er klettert nicht empor. Er steigt aus, völlig unvermittelt. Schluss mit Malen, kein Bild mehr. Die Ursache bleibt dunkel: künstlerischer Burn-out? Enttäuschung darüber, dass seine Arbeiten keine Käufer finden?

Rückkehr nach Hamburg, Lohse arbeitet als Bote einer Privatbank. Er wird entlassen, wechselt als Schaffner zur Hochbahn, fährt fünf Jahre lang, bis 1929, durch die Stadt. Man stellt ihn sich vor, unterwegs zwischen Rathaus und St. Pauli – wird er ab und an die Farben des Wassers im Hafenbecken, den Himmel darüber betrachtet haben? Wird er, Fahrscheine kontrollierend, überlegt haben, wie dieses Hamburger Schmuddelgraublau malerisch zu mischen wäre?

Ganz vergessen hat er das Malen jedenfalls nicht, um 1930 herum kehrt er nach Bischofswerda zurück. Doch was nun entsteht, wirkt gebremst im Vergleich zum früheren Rausch der Farben und Themen. Komplett widerstrebt ihm der Muskel- und Ähren-Stil der Nazi-Pinsel-Ideologen. 20 Jahre später stößt seine Kunst auch in der DDR auf Ablehnung, als Zeuge Jehovas wird er darüber hinaus von der Stasi beobachtet. Lohse stirbt zurückgezogen in Bischofswerda 1965.

Wo aber bleibt Hamburg? Eine kleine Hommage an seine Heimatstadt hat Lohse versteckt im grandiosen Gespräch zwischen Dichter und Maler in der Eisenbahn, wo durchs Fenster des Abteils Türme und Hafenbecken grüßen. Häuser in Hamburg feiert das Kontorhausviertel, in der Manier, wie später Friedensreich Hundertwasser malte. Und, kaum zu glauben: Links oben baut Lohse schon mal die Kontur der Elbphilharmonie ein – prophetisch, oder?

"Kraftfelder – Carl Lohse", bis 12. November, Ernst Barlach Haus, Baron-Voght-Straße 50a