Unser Lehrer Doktor Blex

Ein Mann steigt auf eine Bühne in Erfurt, klein und blond und bebrillt, in Schal und dicker Jacke. "Ich bin stolz, hier vor euch reden zu dürfen", krächzt der Mann mit belegter Stimme. Dann ledert er richtig los, reiht Provokation an Provokation. Er spricht von "asozialen Umverteilungen" und dem drohenden "Kollaps des Sozialstaates". Schuld habe Angela Merkel und ihre Politik: "Die Altparteien führen Deutschland in den Abgrund!" Das Publikum skandiert "Lumpenpack, Lumpenpack!", hinter dem Redner schwenken zwei Leute Deutschlandfahnen. Er selbst wirbt um Eintritt in seine Partei: "Lasst uns gemeinsam kämpfen, für unsere Heimat und unser Vaterland."

Ich kenne den Mann auf der Bühne, kenne die Stimme, kenne das Dozieren. Der Mann ist mein ehemaliger Physiklehrer, Dr. Christian Blex.

In der Mittelstufe brachte er mir Physik bei. Im Unterricht führte er ein strenges Regiment, kaum einer war in Mathe so kompetent. Sein Doktortitel war ihm wichtig. 2012 wechselte er von unserer Schule in Geseke, Westfalen, in einen Nachbarort. Vier Jahre später tauchte er wieder auf, im nordrhein-westfälischen Landeswahlkampf für die AfD.

Seine Geschichte ist die eines rasanten Aufstiegs: Im Flüchtlingsherbst 2015 fährt Blex zum ersten Mal nach Erfurt, auf die erste Demo seines Lebens, schreibt auf Facebook über die "Massenpsychose" der politischen Führung. Am 14. Mai 2017 holt die AfD 7,4 Prozent bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Am Mittwoch, den 31. Mai, steht Blex noch vor seiner neunten Klasse, Integralrechnung, am Donnerstag, den 1. Juni, schlägt er als neuer Abgeordneter im Parlament auf, Listenplatz 14. Es ist ein Wechsel aus dem Schuldienst direkt in die Politik.

Wie wurde aus meinem Physiklehrer ein populistischer Parteifunktionär? Aus dem Lehrer, der seine Lieblingsschüler zur Hochzeit einlud, der "finstere Nationalist", als den ihn ein Politiker der Linken pressewirksam bezeichnete?

An Christian Blex entzündet sich aber auch die Frage, wie politisch ein Lehrer sein darf. Wieder einmal. In den siebziger Jahren gab es "Radikalenerlasse", echte und vermeintliche RAF-Sympathisanten flogen aus dem Staatsdienst. Heute geht es um Mitglieder der nach rechts außen offenen AfD, einer Partei, der viele Professoren angehören – und Lehrer. Björn Höcke ist so ein Fall, Geschichtslehrer in Hessen und selbst innerhalb der AfD für viele untragbar, wegen seines Mandats im Thüringer Landtag ruht sein Beamtenstatus. Oder eben Blex, der Höcke duzt, ihn den "lieben Björn" nennt.

Die Recherche beginnt mit einem Anruf bei Christian Blex. Er willigt ein, dass ich ihn an seinem ersten Tag im Parlament, begleite. Parallel kontaktiere ich alte Mitschüler und Lehrer, sichte Videomaterial seiner Auftritte, spreche mit Politikern aus seinem Wahlkreis. Es entsteht das Porträt eines streitbaren und streitsamen Mannes.

Blex’ Premierentag im Landtag wird 16 Stunden dauern. Er beginnt damit, dass sich Blex hinter dem neuen Ministerpräsidenten Armin Laschet in die Eingangsschleuse zum Landtag einfädelt. Am Nachmittag wird er drei Stunden auf seinem Platz im Parlament hocken, hinten rechts in der letzten Reihe der Fraktion. Und am Abend trifft er auf Frauke Petry, die Ehefrau des AfD-Landesvorsitzenden Marcus Pretzell. Das ist jetzt seine Welt.

In Düsseldorf ist Blex der Neue auf dem Pausenhof. Er trägt einen blauen Anzug und Ray-Ban-Brille, auf seine schwarze Tasche ist sein Name gestickt. Blex ist kein Berufspolitiker, aber erst mal fällt er hier nicht auf. Er trägt keinen Sonnenhut, hat keine Sonnenbrille im Ausschnitt wie andere aus der Fraktion. Schnell läuft er über die Treppen und Flure, das war schon in der Schule so.

Es ist der erste Tag für die Abgeordneten, bei der AfD ist gleich Krise. Sie soll keinen Vizepräsidenten stellen dürfen, als einzige Fraktion. Auch ihre Büros liegen weitab von denen der anderen Parteien, in einem anderen Flügel des Gebäudes. Blex sagt: "Ich bin froh, dass ich manche nicht sehen muss von denen."

Seit 9 Uhr tagen sie in vertraulicher Sitzung, Raum E1D10, drei Rechner, vier Laptops, ein provisorischer Drucker, Kabelgewirr, Papierstapel, Eistee.

Als Blex gegen 11.30 Uhr aus der Sitzung kommt, wirkt er angriffslustig. Wir gehen rüber in die Kantine, Blex bestellt Schnitzel und Cola und rattert die Probleme des Landes herunter: die Gutmensch-Gender-Low-Carb-Fantasten, zu der nach Blex’ Definition ziemlich viele Menschen gehören. Seine besondere Abneigung gilt den Grünen. Für Trittin und den Rest hat Blex einen Begriff erfunden: "grünbessermenschlich".

Früher wollte er bloß Lehrer werden, so hatte er sich im Jahrbuch der Schule einst vorgestellt. An der Uni habe er Aufgaben gelöst, als die anderen zum Baden fuhren. An meiner Schule kannte bald jeder den Lehrer, der in Rekordzeit korrigierte, dessen Schrift aber keiner lesen konnte. In Arbeiten schrieb Blex "osuv" an den Rand, "ohne Sinn und Verstand". Im Unterricht habe ich ihn als oft ironisch und spöttisch in Erinnerung.

Ehemalige Mitschüler sagen heute, Blex sei im Mathe-Leistungskurs streng, fordernd und lehrreich gewesen. In der Mittelstufe blieb vom Klassenlehrer Blex in Erinnerung, dass er gern die Außenseiterposition eingenommen, Mehrheitsmeinungen gern herausgefordert habe. Am Tag der offenen Tür legte sich Blex mit dem Vater eines Freundes von mir an, lautstark stritten sie über den Sinn von Atomkraftwerken. Das war sein Thema: Kernenergie. Als politischen Lehrer empfanden ihn Schüler schon immer, da ging es im Mathe-Unterricht gern mal um Energiethemen. Über den Islam oder seine Politikerverachtung sprach er jedoch nie.

"Weil die Zeiten nicht mehr normal sind"

Offiziell müssen Lehrer den "Beutelsbacher Konsens" der Landeszentrale für politische Bildung befolgen, ein "Überwältigungsverbot" – sie dürfen Schülern keine Meinung diktieren. Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch so besprochen werden. "Es muss transparent sein und mit der Verfassung übereinstimmen", sagt mein alter Schulleiter. Christian Blex sei oft ein Mann mit "unbequemen Meinungen" gewesen, bewerten könne er das aber nicht.

Wie sehr prägte seine Meinung den Unterricht? Mitschüler von früher, die Blex intensiver als ich, etwa als Klassenlehrer, erlebt haben, erzählen, er habe Referate über die Kernenergie mit Recherchehilfen verteilt, mit Links zum Atomforum – einer Lobbyorganisation. Blex sagt, er habe seine Meinung nie mit dem Unterricht vermischt. Er sagt aber auch: "Wenn ich gefragt wurde, habe ich immer gesagt, dass ich ein Freund der Kernenergie bin."

Manche meiner ehemaligen Lehrer sprechen von "hitzigen Diskussionen im Lehrerzimmer": über den Klimawandel, E-Autos, Windräder, Solarzellen. Nachts scheine die Sonne bekanntlich nicht, sagte Blex immer. Später wird er das für die AfD so formulieren, im Landtag will er in den Energieausschuss. Noch als Lehrer hielt Blex 2016 einen Vortrag zur Energiewende bei einer Veranstaltung von Compact, einem zu Verschwörungstheorien neigenden Magazin der Neuen Rechten.

Zwölf Jahre war Blex Mitglied der CDU, erst wegen Kohl, später trotz Kohl. 2002 sieht er Angela Merkel bei einer Rede, sie überzeugt ihn nicht. Es ist auch die Zeit, in der Blex aufhört, dem "Staatsfernsehen" zu glauben: "Die bringen ja gar nicht die Wahrheit." Er sagt das, ohne die Stimme zu heben, wie eine Gleichung, die eben stimmt. Blex liest seine Wahrheit heute in der Jungen Freiheit. Auf dem Handydisplay hat er die App vom Kreml-Kanal Russia Today.

Vom Umgang der Bundesregierung mit der Griechenlandkrise ist er genervt, im März 2011 kommt es zur Nuklearkatastrophe in Fukushima und einem Umdenken in der CDU. Prompt tritt Christian Blex aus der Partei aus. Auf politischer Heimatsuche kommt er später kurz bei der FDP unter, ist aber schnell "angewidert".

Dann gründet sich eine Partei, die das Erneuerbare-Energien-Gesetz abschaffen will, das gefällt dem Physiklehrer: Am 7. März 2013 tritt Blex in die junge AfD ein, wird schnell Vorsitzender im Kreis Warendorf bei Münster und will gleich die EU-Fahne aus dem Kreistag verbannen.

Im Landtagswahlkampf plant Blex am Vormittag die nächsten Schulstunden, am Nachmittag den Umsturz des Systems. Er holt Spitzenpersonal der AfD für Auftritte in den Westen, zum Beispiel André Poggenburg und Beatrix von Storch. Er mietet einen Anhänger, fährt durch Wahlkreis 87 und heizt die Menge auf. Es gebe "Ausländer", aber keine "Flüchtlinge", erklärt Blex. Das seien nämlich "Asylbewerber". Einmal nennt er sie "die neuen Eindringlinge". Blex spricht von "ungeordneter Massenzuwanderung unvorstellbaren Ausmaßes", die "uns unserer eigenen Identität berauben wird". Das sei beinahe ein "Putsch gegen unser Volk".

Wie reagiert man an seiner Schule darauf, im Gymnasium in Erwitte? Es trägt das Siegel "Schule ohne Hass, Schule mit Courage".

Blex erzählt, dass nach seinem Auftritt in Erfurt, im März 2016, an seiner Schule Fotos auslagen: Blex auf der Rednerbühne, im Hintergrund die Deutschlandfahnen. Jemand hatte dazugeschrieben: "Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte." Wer es war, bleibt unklar, der Schulleiter will nichts dazu sagen.

Manchmal trifft Blex auch am Nachmittag auf Jugendliche, sie demonstrieren gegen seine AfD. "Refugees welcome" wird ihr Slogan. Auf YouTube kann man ein Video anschauen, das eine Demonstration in Warendorf gegen Rechtsradikale zeigt, im Mai 2016. Auch Blex kommt ins Bild, abseits stehend, als Kommentator. Die Demonstranten seien Schüler, stellt Blex fest. Ein Mann neben ihm sagt, "dieses Gesocks" werde es am meisten spüren, wenn hier alles den Bach runtergehe. Blex, der Lehrer, sagt: "Genau."

Warum macht er das alles? "Weil die Zeiten nicht mehr normal sind", sagt Blex. "Das muss man doch ansprechen dürfen, ohne gleich als rechtsradikal beschimpft zu werden."

Blex sagt, er sei schon in seiner Jugend konservativ gewesen. Und in einer "linken Republik" sei die AfD eben eine "rechte Partei". Aber rechtsradikal?

Klar ist: Blex hat Kontakte zum rechten Rand, ins Trübe. Er gehört zur AfD-Gruppierung "Der Flügel", der als nationalistischer Arm der AfD gilt und in der Nähe der Identitären steht. Ein Sammelbecken völkischer Ideologen. Eine Wahlempfehlung bekam Blex von der Patriotischen Plattform, die inzwischen im Visier des Verfassungsschutzes steht.

Blex ist im Wahlkampf auf Bühnen in ganz Nordrhein-Westfalen mit Rednern unterwegs, die sich über "all die Maden, die sich vom Kadaver BRD vollgefressen haben" (Gütersloh), auslassen oder über die "sogenannten Flüchtlinge", die hier "Frauen vergewaltigen, klauen, rauben und morden" (Bielefeld). Er umgibt sich mit Menschen, die rassistische Witze auf Facebook posten.

Auch deshalb hat Blex jetzt viele Gegner. Die Grünen sagen, seine AfD in Warendorf habe "ihren bürgerlichen Deckmantel bereits vollkommen abgelegt und tritt offen völkisch-nationalistisch auf". Bürgermeister reichen Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn ein oder wollen Demos verbieten. Auch eine anonyme Morddrohung hat Blex erhalten.

Christian Blex ist ein Mann, der immer dagegen war. Plötzlich gehört er dazu. Seit er wegen seiner Landtagsarbeit vom Schuldienst beurlaubt ist, bekommt er 11.185 Euro brutto im Monat, Lobbypost und Essenseinladungen. Es wird schwieriger, auf die "Futtertröge der Macht" zu schimpfen.

Aber man hilft ihm dabei: Als im Düsseldorfer Plenarsaal um 15.03 Uhr die Glocke zur konstituierenden Sitzung läutet, sind die Fraktionen durch eine Sitzreihe voneinander getrennt – nur zur AfD sind es zwei. "Linkisch" nennt Blex das.

Innerhalb der Fraktion gilt Blex als isoliert. Vor der NRW-Wahl besprachen sich andere AfD-Funktionäre in einer WhatsApp-Gruppe, wie sie Blex verhindern könnten. Bis ein Reporter des stern sie enttarnt, lästern die AfD-Leute über ihn: "Seit 3,5 Jahren geht der allen auf’n Sack." Er sei "null kritikfähig" und "mit einer Dose Vaseline unterwegs" – ständig im Schlepptau der Parteigranden. Aber das Komplott scheitert, Blex sichert sich in einer Stichwahl seinen Platz auf der Landesliste. In der Fraktion steht er mit seinem Intimus Thomas Röckemann nun allein gegen die Truppe von Fraktionsführer Marcus Pretzell.

Am Abend sind die Abgeordneten im großen Foyer des Landtages zum Empfang geladen. Die AfD steht am Rand, hat sich im Gedränge zwei Stehtische gesichert, man schleckt Pistazieneis. Frauke Petry im blauen Kostüm wird in die Mitte genommen, Marcus Pretzell hält das Baby auf dem Arm. Blex trinkt Bier, scherzt jovial herum, gibt sich Mühe, Harmonie auszustrahlen. Er scheint angekommen.

Fünf Wochen später: Helmut Kohl ist tot, und Männer dürfen in Deutschland jetzt Männer heiraten. Ich erreiche Blex am Telefon. Er schreibe gerade an seiner ersten Landtagsrede, sagt er. Eine provokante Zwischenfrage zur Stromversorgung hatte er schon. Wegen der Wahl von Armin Laschet gab es Knatsch in der Fraktion, Blex hat wieder seine Meinung gesagt. "Geht aufrecht!" (und wählt keinen Merkel-Freund). So kam es dann auch. Als Nächstes will Blex die "ökoradikalen Grünen" ins Visier nehmen. Er wird weiter stänkern und mit Gift arbeiten. Es ist eine Rolle, die er perfekt zu beherrschen scheint. Zank anzetteln, von hinten rechts auf der letzten Bank.

So lange, bis er aus der Fraktion oder die Fraktion aus dem Parlament fliegt. Dann würde er wohl an seine Schule zurückkehren. Wenn man ihn noch lässt.

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