Zukünftig werden alle erfassbaren Daten einer Gesellschaft zusammengeführt: Kaufgewohnheiten, Einkommen, Gesetzesverstöße und jegliche Online-Aktivität münden in ein allumfassendes Bewertungssystem, welches den Kurs eines jeden Menschen angibt. Aus diesem Gesamtbild leiten sich dann Möglichkeiten und Sackgassen der weiteren Lebensführung ab. Was wie beklemmende Science-Fiction anmutet, ist ein Projekt der chinesischen Regierung, die solch ein Bewertungssystem bis 2020 verwirklichen will. Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, beginnt seine Studie Das metrische Wir mit diesem größten anzunehmenden Unfall der gesellschaftlichen Quantifizierung: als dystopischer Horizont einer Entwicklung, die auch in der westlichen Welt rasant voranschreitet.

Anschaulich und detailverliebt beschreibt Mau diese Datafizierung der Welt samt ihrer Kraft zur Vereinheitlichung von Systemen und Personen. Dabei seien Daten und die mit ihnen erzeugten Weltentwürfe keineswegs wertneutral, da sowohl ihre Erhebung als auch ihre Interpretation unterschiedlich erfolgen könne.

Aber Mau geht es nicht um eine generelle Kritik quantitativer Methoden. Ihn treibt vielmehr die Einsicht, dass es von der Vermessung eines Gegenstandes zu vermessenen Urteilen nicht weit ist. Er verweist auf die zunehmende Bedeutung des digitalen Codes in diversen gesellschaftlichen Bereichen sowie auf Formen des Bewertens und Vergleichens. Ratings von Finanzprodukten und Staaten, die Quantified-Self-Bewegung oder die Bewertung von Ärzten, Produkten, Professoren und Posts sind Belege für eine Kultur, in der alles und jeder mit einer numerischen Wertigkeit versehen und so vergleichbar, normiert und marktgängig gemacht wird – was den Wettbewerb in Schulen, Universitäten, Behörden oder Krankenhäusern verstärkt.

Für Mau hat dieser strukturelle Wandel beängstigende Folgen: Wir werden berechnender, mit uns selbst und dem Gegenüber. Wir versuchen, die "richtigen" Zahlen über uns zu produzieren, denn sie entscheiden über unsere Möglichkeiten. Bei Einstellungsverfahren, Bankkrediten und Versicherungskonditionen ist das bereits heute so. Dieser Prozess verschärft dabei bestehende Ungleichheiten: Zwar wirken vorteilhafte Statusdaten wie ein Vertrauensvorschuss, doch funktioniert dieser Mechanismus in entgegengesetzter Richtung ebenso. Zudem lässt der Status auf Zahlenbasis tradierte Sicherheiten verdampfen, da er in Relation zu anderen bestimmt wird: Das Erreichen und Verteidigen eines Status wird zum permanenten Kampf.

Maus griffige Formulierung vom "metrischen Wir" steht für eine "Gesellschaft der allgegenwärtigen Soziometrie", nicht für ein "solidarisches oder kooperatives Wir": einig im Kampf jeder gegen jeden. Angesichts einer amorphen Masse sich gegenseitig taxierender Einzelkämpfer ist das "metrische Wir" ein Wir der Differenz, nicht des Gemeinsamen.

Das Totalitäre an der Quantifizierung des Sozialen wird deutlich, wenn Mau feststellt, dass der Datengläubigkeit oft nur mit ihren eigenen Methoden begegnet werden könne: Gegenüber dem Bruttoinlandsprodukt wäre demnach ein alternativer Indikator zur Erfassung gesellschaftlichen Wohlstands wahrhaft revolutionär; hingegen ein grundsätzliches Opponieren gegen ein rechnerisches Eindampfen von Realität "hilflos wirkende Ideologiekritik". Also kann nur die Anwendung datenbasierter Methoden und Spielregeln den argumentativen Wettbewerb mit hegemonialen Lesarten eines "guten Lebens" ermöglichen: Denn ohne passende Konzepte und Zahlen fehlt schlicht die Sprache zur Entgegnung. Hier offenbart sich das ganze Dilemma unserer von mathematischen Kalkülen durchzogenen Gesellschaften.

Steffen Mau: Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 308 S., 18,– €, als E-Book 15,99 €