DIE ZEIT: In Polen schlingert der Rechtsstaat, die unabhängige Gerichtsbarkeit ist in Gefahr. Parteichef Jarosław Kaczyński will eine Justiz ausschalten, die er für kommunistisch hält, für ein Relikt des polnischen Staatssozialismus. Wie prägt diese Vergangenheit die polnischen Rechtspopulisten im heutigen Europa?

Włodzimierz Borodziej: Überhaupt nicht. Die Brüder Kaczyński haben im Staatssozialismus in Jura promoviert. Als Gesicht der neuen Gesetze sehen wir einen Staatsanwalt aus der Volksrepublik Polen, der heute als Rechtsexperte der regierenden PiS fungiert. Wäre es nicht traurig, ernst und vor allem bedrohlich, könnte man sich in eine Farce versetzt fühlen.

ZEIT: Frau Müller, Herr Borodziej, Sie sind beide Kinder des Staatssozialismus. Was ist von dieser Kindheit in Ihrer europäischen Gegenwart noch zu spüren?

Herta Müller: Das herausstechendste Merkmal jeder Diktatur ist die Angst. Die wird einem für immer mitgegeben. Man begreift schon als Kind, dass etwas nicht stimmt. Ich wurde 1953 geboren, im Jahr, als Stalin starb. Aber der Stalinismus war in Rumänien nicht vorbei. Die Gefängnisse waren voll, die Leute waren aus den Arbeitslagern gekommen. Mein Vater war in der SS gewesen, er war Alkoholiker und hat der Nazizeit hinterhergetrauert. Meine Mutter kam mir sehr alt vor, sie war erst Ende 20, war aber fünf Jahre im Lager gewesen. Auch ich habe schon als fünf-, sechsjähriges Kind immer gedacht, ich lebe schon unendlich lange, ich bin schon so alt. Wie können erst die Erwachsenen das aushalten, noch so viel älter zu sein! Da steckte also allen der Zweite Weltkrieg in den Gliedern. Und man landete in einer neuen Diktatur. Ich habe schon im Kindergarten gewusst, was ich sagen darf und was nicht. Man hatte zwei Köpfe, einen für zu Hause, einen für die Öffentlichkeit. Bei uns galt das alles natürlich noch verschärfter, weil wir zur deutschen Minderheit gehörten. Diese Kindheit der Angst vergisst man nicht.

Borodziej: Meine Biografie könnte kaum unterschiedlicher sein. Ich habe keine Spur von Unterdrückung erlebt. Ich bin 1956 geboren worden, es war die Zeit der Entstalinisierung. Es gab keine Lager, und in den Gefängnissen saßen auch keine politischen Häftlinge. Ich erinnere mich an keine klassische Diktaturerfahrung. Wir lebten in einer kleinen Wohnung in der Warschauer Neustadt. Und 1962 sind wir für ein paar Jahre nach West-Berlin gezogen, weil mein Vater als eine Art Attaché bei der polnischen Militärmission arbeitete. Das war berauschend: die westliche Kleidung, die Autos, die Spielzeuge.

Müller: Na ja, das ist natürlich eine ganz andere soziale Schicht, aus der Sie kommen.

Borodziej: Sind Sie sicher? Meine Eltern stammten aus einfachen Verhältnissen. 1965 sind wir wieder nach Warschau zurückgekehrt. Auch dann: keinerlei Oppression. Aber ich habe in der Schule mehr gelitten als andere Kinder.

ZEIT: Warum?

Borodziej: Ich war dick und wurde als "Schwabe", also als Deutscher beschimpft. Wir hatten einen Volkswagen mitgebracht, was Neid erzeugte. Und ich wusste durch die Auslandserfahrung: Alles im Westen ist besser – es riecht dort besser, die Geschäfte sind sauberer, die Waren bunter. Daran änderte auch der kleine Aufschwung im Osten nichts. Die Löhne und die Produktion stiegen ja auch dort, und man empfand sich in Polen als auf der Überholspur gen Westen.

Müller: Jenseits Ihrer eigenen privilegierten Situation müssen Sie doch gesehen haben, dass es bei anderen staatliche Unterdrückung gibt?

Borodziej: Meine Eltern waren parteitreu, klar. Es gab einen spürbaren politischen Einschnitt, das war die antisemitische Säuberungswelle 1968, da wanderten jüdische Freunde meiner Eltern in die Schweiz aus.

ZEIT: Galt die eigene Nation besonders viel?

Müller: Der Nationalismus war im Sozialismus stark ausgeprägt – bis hin zur Geschichtsfälschung. In Rumänien wurde ja behauptet, man habe an der Seite der Sowjetunion gekämpft, dabei war man ein faschistischer Staat gewesen. Die Nazirolle wurde ausschließlich den Minderheiten zugeschoben, also den Ungarn und Deutschen, während die Rumänen als Sieger und Helden galten.