DIE ZEIT: Herr Büchner, Sie sind seit 23 Jahren Domkapellmeister in Regensburg. Die Gewalttaten, die jetzt ans Licht kommen, lagen vor Ihrer Zeit. Hat sich Ihnen je ein Sänger anvertraut, der misshandelt wurde?

Roland Büchner: Keiner meiner eigenen Schüler, aber viele ehemalige. Sie kamen schon zu mir, bevor 2010 die öffentliche Debatte über Missbrauch in der Kirche begann. Ich erinnere mich 2010 an einen erwachsenen Mann, der mich anrief und noch am selben Abend im Büro besuchte: Wir sprachen stundenlang, und ich war erschüttert, wie sehr ihn das Erlittene immer noch quälte. Danach verbrachte ich viel Zeit mit Betroffenen. Was sie erzählten, konnte einen fertig machen – auch weil ich selber Vater eines Domspatzen bin. Mein Sohn sang als Knabenstimme im Chor von Georg Ratzinger, meinem Amtsvorgänger.

ZEIT: Hatten Sie Kenntnis von den Gewalttaten, bevor Sie in Regensburg Kapellmeister wurden?

Büchner: Nicht direkt. Mein Sohn hat davon nie berichtet. Bei meinem Amtsantritt erlangte ich Kenntnis von einem Zeitungsbericht von 1989, in dem von Schlägen die Rede war. Ich wusste, da war was. Wir haben im Vorstand der Domspatzen dann bald über Gewalt gegen Kinder gesprochen und ab 2001 eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit Prävention befasste. Sie sollte bewirken, dass wir Kindern besser zuhören, rechtzeitig Anzeichen für Gewalt erkennen.

ZEIT: Der Ermittler Ulrich Weber sagt, einige Kinder hätten die Vorschule der Domspatzen als "Gefängnis, Hölle und Konzentrationslager" erlebt. Sind Sie überrascht?

Büchner: Der Rechtsanwalt hat zwei Jahre lang ermittelt, nach dem Zwischenbericht war mir klar, dass das nicht alles ist. Die Zahl von 547 Opfern ist trotzdem schlimm. Was die Taten anbelangt, so handelt es sich überwiegend nicht um Missbrauch, sondern um Schläge. Das waren aber nicht "nur" Ohrfeigen, sondern regelrechte Misshandlungen. Es wurde gewütet. Es waren Körperverletzungen.

ZEIT: Regensburg steht heute als Symbol für innerkirchliche Gewalt. Zu Recht?

Büchner: Ja, leider.

ZEIT: Wie viel Schuld trägt Ihr Amtsvorgänger Georg Ratzinger, der Bruder des späteren Papstes?

Büchner: Ich habe ihn als herausragenden Musiker erlebt, der impulsiv, ja fanatisch sein konnte, wenn er seine Vorstellungen von musikalischer Qualität durchsetzte. Bei Proben war er unerbittlich. Danach konnte er der sanftmütigste Mensch der Welt sein. Manche Schüler sahen ihn als Vorbild, andere fürchteten ihn als Schläger.