Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Unberechenbarkeit als Stilmittel, das galt in den letzten Monaten vor allem für die neuen Autokraten aus der Welt der großen Politik. Vielleicht gibt es in meiner Familie ein Autokraten-Gen. Wir arbeiten im Urlaub nämlich an der Unberechenbarkeit als Stilmittel.

"Wann stehen wir morgen denn auf?", fragt das Planer-Kind. "Mal sehen", antworten wie aus einem Mund die Eltern, die sonst morgens immer drängeln, schimpfen und nörgeln, damit alles im Zeitplan bleibt. Die Antwort löst in den ersten Tagen Reaktionen der Art aus, die üblicherweise die User in den sozialen Netzwerken als Kommentare um die Welt schicken, wenn wieder einmal einer der Autokraten von seinem Lieblingsstilmittel Gebrauch gemacht hat. Ein paar Tage später folgt die Anpassung unter das Regime der Unberechenbarkeit. Um 11 Uhr fragen sich die Eltern, was das Frühaufsteherkind eigentlich macht, weil es so ruhig ist. Ein Blick ins Nachbarzimmer zeigt: Es schläft. Dabei wollte es gestern Abend unbedingt noch den Sonnenaufgang fotografieren und hat den Eltern drei Wecker in Ohrnähe verordnet. "Was wollt ihr denn heute essen?", fragt der Familienkoch. "Mal sehen", murmeln die anderen. "Dann gibt es Spaghetti." Achselzucken. Vier Stunden später: "Wir wollen heute unbedingt Pizza." Wiederum drei Stunden später, als habe es die Vorabsprachen nie gegeben: "Am Meer sollten wir mehr Fisch essen." Aber wir haben doch für Pizza eingekauft. So war es abgesprochen. "Ach Mama, das ist doch schon soooo lange her. Daran kann sich doch keiner erinnern. Und man kann doch mal seine Meinung ändern."

Es mag ja Leute geben, die organisieren ihr Familienleben wie internationale Verträge, über deren Einhaltung alle wachen und wo Vertragsbrüchige mit Stubenarrest, Eis-Entzug oder Gemotze sanktioniert werden. Wir üben uns in der Unberechenbarkeit als Stilmittel. Nur Beleidigtsein gilt nicht, wenn die Dinge anders laufen als gedacht. Dann schon lieber Dauerdiskussionen. Puh. Vielleicht doch keine Autokraten-Gene. Nur ein paar Wochen raus aus den Kalkülen und Verträgen des Alltags.