Ernst Baumeister hatte seine Karriere im Oberhaus der österreichischen Fußball-Liga bereits abgehakt. Die Kickerlegende werkte als Trainer in der Provinz, als er schulterzuckend erklärte: Für einen Job ganz oben fehle ihm mittlerweile die Energie. Heute, drei Jahre später, ist Baumeister Direktor. Genauer gesagt: Sportdirektor des Bundesligavereins Admira Wacker. Ein beachtlicher Aufstieg – von einem demotivierten Veteranen zu einem von zehn Architekten des Clubfußballs. Baumeister sitzt in seinem Büro und erklärt lapidar: "Das hat sich zufällig ergeben." Ähnlich erging es auch Franz Wohlfahrt von der Wiener Austria. Vor über zwei Jahren stieg er überraschend vom Tormanntrainer der Nationalmannschaft zum Sportdirektor auf. Und damit direkt in den Führungszirkel des Traditionsvereins, immerhin ein Unternehmen mit durchschnittlich 25 Millionen Euro Jahresumsatz. Wohlfahrt hatte keine Erfahrung, aber mächtige Fürsprecher im Club. Seitdem verantwortet er dort das Kerngeschäft, in das alles Geld fließt – das Fußballspiel.

Diese Karrieren sind keine Einzelfälle, sondern haben System. Während Trainer jahrelang die Schulbank drücken, um in der Bundesliga coachen zu dürfen, rutschen Sportdirektoren zumeist zufällig und ohne verpflichtende Ausbildung in ihr Amt. Dabei wird der Sportdirektor im Millionengeschäft Fußball immer wichtiger. Er entscheidet, welche Art von Fußball gespielt wird, welche Spieler gekauft werden und welcher Trainer ans Werk darf. Kurzum: Er entscheidet, wie sein millionenschwerer Betrieb das viele Geld anlegt. Oder verschleudert. Kein anderer Funktionär hat langfristig mehr Einfluss auf Erfolg oder Nichterfolg.

Noch vor 20 Jahren war das alles kein Thema. Fußballvereine engagierten gar keine Sportdirektoren; die Vereinspräsidenten tingelten selbst durch Europa, um ihren Trainern die gewünschten Spieler einzukaufen. Doch langsam entwickelten sich die einst von Provinzkaisern regierten Vereine zu professionell strukturierten Betrieben. Ein Wirtschafts- und ein Sportvorstand sind heute für das Wohl der Clubs verantwortlich. Das Präsidium segnet nur noch ab. Ein Sportdirektor steht als Vorstand eines mittelständischen Unternehmens in der Hierarchie weit über dem Trainer – ausgestattet mit großzügigem Handlungsspielraum. Vom anfänglichen Spielereinkäufer ist er zum Kreativdirektor aufgestiegen. Die erfolgreichen Vertreter dieser neuen Herren der Liga gestalten ihre Vereine nach ausgefeilten Konzepten – vom Nachwuchs bis zu den Profis. Und sie haben die Art und Weise verändert, in der moderner Clubfußball ausgetragen wird. In ihre einflussreiche Position gehievt werden sie aber oft von ehrenamtlichen Präsidenten und deren Einflüstern. Und diese entscheiden vielfach nach Gutdünken, wer gefällt.

Jedes Detail wird den Vereinen vorgeschrieben, nur nicht, wer das Sagen hat

Ernst Baumeister, 60, gelernter Stahlschlosser, Ex-Kicker und Trainer, viele Lachfalten, ist ein freundlicher Mann mit dem Auftreten eines Schmähbruders. Eigentlich könnte er der Pensionierung entgegenblicken, stattdessen lernt der Senior noch ein neues Berufsfeld. "Natürlich ist das ein ganz anderer Job", erzählt er. "Es hat schon gedauert, bis ich mich eingearbeitet habe." Anfangs habe ihn die "viele Büroarbeit" überrascht. "Das ist gar nicht so meines", räumt er ein. Ob ihm eine Ausbildung geholfen hätte? "Es schadet sicher nicht", sagt Baumeister, "aber wenn man vierzig Jahre im Fußballgeschäft ist, kennt man eh alles. Da braucht man nicht extra eine Ausbildung."

Ähnlich dürften das auch die Vereine sehen. Viele Ex-Kicker sitzen heute in feinem Zwirn in den Chefetagen. Sieben der neun Bundesliga-Sportchefs haben früher selbst professionell Fußball gespielt. Einige haben sich fortgebildet und den Trainerschein sowie einen Management-Lehrgang absolviert. So wie der Sportchef des SV Mattersburg, der früher Postbeamter war. Nur der Sportdirektor des Rekordmeisters Rapid Wien, einst Buchhalter und Radiomoderator, hat bis heute keine Ausbildung für den Fußballbereich. Gegen eine Vorschrift verstößt er damit nicht.

Die Bundesliga schreibt nicht vor, was ein Sportdirektor können muss. Es gibt zwar einen dicken Wälzer mit Lizenzauflagen, in dem fein säuberlich festgehalten ist, an welchen Schrauben ein Verein drehen muss, um eine Spielerlaubnis zu erhalten. Sogar ein verpflichtender Telefonzugang ist gefordert. Es gibt Vorschriften für so gut wie jeden Mitarbeiter, vom Vereinsarzt bis zum Ordner. Dem Sportdirektor ist nur ein einziger Satz gewidmet: "Der Lizenzbewerber ernennt eine Person, die für den sportlichen Bereich des Klubs verantwortlich zeichnet." Heißt: Sportdirektor kann jeder werden.

RB Salzburg zeigte, dass man einen Verein am Reißbrett professionalisieren kann

Als die Austria vor zweieinhalb Jahren einen neuen Sportdirektor suchte, erklärte der Kuratoriumsvorsitzende des Vereins, der frühere Innenminister Karl Blecha: "Man verlangt natürlich alle möglichen Kenntnisse: Deutsch in Wort und Schrift, eine Fremdsprache und Erfahrung im Fußballbetrieb – als Trainer, Spieler oder Funktionär." Vereinslegende Franz Wohlfahrt erfüllte den schwammigen Leitfaden. Während der Clubpräsident von dem "überzeugenden Konzept" des ehemaligen Torhüters fabulierte, erklärte dieser kurz darauf, erst einmal Zeit zu benötigen, um seine Pläne zu entwerfen. Willi Ruttensteiner, Sportdirektor des ÖFB, mag sich zu der Arbeitsweise einzelner Vereine nicht recht äußern. Grundsätzlich hält er aber fest: "Es muss klar sein, was ein Verein von der Arbeit des Sportdirektors verlangt. Ihn professionell auszuwählen, erfordert hohe Fachkenntnis bei den Clubfunktionären. Man sollte nicht nur nach dem Gefühl entscheiden."

Rapid-Präsident Michael Krammer, im Zivilberuf Mobilfunkmanager, ärgert sich noch heute über seinen bereits entlassenen Sportdirektor. Der hatte ihm einen alten Kumpel aus Spielerzeiten als Trainer untergejubelt. Die Bewerber für die frei gewordene Stelle des Sportchefs wurden danach einem Persönlichkeitstest unterzogen. Und beim SKN St. Pölten galt Sportdirektor Frenkie Schinkels als Zögling des mächtigen Landesvaters Erwin Pröll. Schinkels, Ex-Kicker, Trainer, Dancing-Star, Sänger, TV-Experte und Kolumnist für ein Gratisblatt, durfte anfangs gar seine Nebenjobs behalten, obwohl er dadurch Spiele der eigenen Mannschaft versäumte.