Normen Großmann schläft derzeit schlecht. "Mich belastet das stark", sagt der Polizist, der an jenem umkämpften Freitagabend im Hamburger Schanzenviertel vor der schwierigsten Entscheidung seines Lebens stand: Soll er seine Eingreifkräfte vorrücken lassen in ein Stadtviertel, in dem Barrikaden brennen und sich Plünderer in großem Stil über Geschäfte hermachen? Großmann ist schon lange bei der Bundespolizei, er kennt Castor-Einsätze und Krawalle am 1. Mai. Doch noch nie, sagt er, habe er solche Gewalt erlebt.

Mit mehreren speziell ausgebildeten Einheiten stand Großmann am Eingang der Straße Schulterblatt. Schon am Morgen waren bei Autonomen des schwarzen Blocks Präzisionsschleudern und ein präparierter Feuerlöscher gefunden worden, der eine brennbare Flüssigkeit enthalten haben soll. Auch Stahlseile wurden sichergestellt, die vielleicht über die Straße gespannt werden sollten. Jetzt bekam Großmann in schnellem Takt Meldungen seiner zivilen Aufklärer, die im Schanzenviertel unterwegs waren:

Etwa 1.500 zu allem bereite Personen beherrschen das Schanzenviertel.

Störer sollen sich, mit Feuerlöschern, Gehwegplatten und Präzisionsschleudern bewaffnet, auf den Dächern entlang des Schulterblatts aufhalten, schwerste Verletzungen bis zum Tod werden billigend in Kauf genommen.

Auf dem Gerüst sollen Molotowcocktails und Eisenstangen bereitgelegt worden sein.

Das Gerüst konnte Großmann sehen, es war vor dem Haus am Schulterblatt 1 aufgebaut. Dem Haus, das zum Zentrum der Auseinandersetzungen jener Nacht werden sollte. Und zum Objekt heftigen Streits in den Tagen danach: Sollte das Haus zur tödlichen Falle für die Polizei werden? Musste deshalb das ganze Viertel für Stunden dem Mob überlassen werden? Oder ist der Polizei an diesem Haus ein folgenreicher Fehler unterlaufen?

© ZEIT-Grafik

Auf dem Gerüst des Hauses und auf dem Dach standen Menschen, schwer einzuschätzen. An dem Abend mischten sich Gaffer und Radikale, die ständig ihre Kleidung wechselten. "Ich habe noch nie erlebt, dass es so schwer war, den gewaltbereiten schwarzen Block und andere Personen auseinanderzuhalten", sagt Großmann. Mehrere Leiter einzelner Einheiten rieten ihm davon ab, vorzurücken. Das Risiko sei unkalkulierbar. Gegen 22 Uhr meldete sich Großmann beim Führungsstab der Hamburger Polizei. Ergebnis: Es gibt nur noch eine Option – Spezialeinheiten anfordern, die eigentlich zur Terrorbekämpfung in der Stadt sind. Die sollen Dächer und Gerüst räumen.

Nicht nur Großmann, auch viele Kollegen fürchten in dieser Nacht, vor einer Falle zu stehen. Wollen die Randalierer sie von den Häuserdächern aus attackieren? Die größte Sorge bereitet den Beamten eben das Gebäude Schulterblatt 1, ein Altbau an der Ecke zum Neuen Pferdemarkt. Das Haus wird renoviert und ist daher eingerüstet. Aus Sicht der Polizei wird es im Laufe der Nacht von gewalttätigen Extremisten zu einer Art Vorposten umfunktioniert. Vom Dach sollen Steine und Flaschen geflogen sein, auch ein Molotowcocktail, der allerdings nicht gezündet habe.

Das Gebäude Schulterblatt 1 und das daneben gehören einem bekannten Hamburger Immobilienbesitzer. Im Erdgeschoss befindet sich die Modeboutique Kauf dich glücklich, der Rest des Hauses steht leer. Kurz vor dem Gipfel hatte sich der Hausverwalter an die Polizei gewandt und ihr den Hausschlüssel übergeben. Er verzichtete ausdrücklich auf sein Hausrecht, um der Polizei bei Problemen die Möglichkeit zum Eingreifen zu geben. Haben die Beamten die Gefahr falsch eingeschätzt, obwohl sie gewarnt waren? "Das war für den Fall einer Hausbesetzung, um gegebenenfalls dort räumen zu können", erklärt Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer der ZEIT. "Ein Hinterhalt von einem Dach ist aber etwas anderes. Das hat auch der Hausverwalter nicht geahnt."

Reporter der ZEIT haben die entscheidenden Stunden nachrecherchiert. Sie haben mit Schaulustigen gesprochen, die in jener Nacht auf dem Gerüst standen, haben Videomaterial und Einsatzprotokolle der Polizei analysiert. Wie konnte es dazu kommen, dass die Lage um das Haus Schulterblatt 1 so außer Kontrolle geriet?

Anna Beyer wohnt direkt neben dem Haus. Aus ihrer WG-Wohnung kann sie ins Treppenhaus vom Schulterblatt 1 sehen, auch vor ihrem Haus steht ein Gerüst. Am Tag der Krawalle wollte sie sich mit ihrer Mitbewohnerin eigentlich einen gemütlichen Abend machen. Die 26-Jährige versteht nicht, warum viele jetzt überrascht sind, dass Menschen auf dem Baugerüst saßen. Schon am Abend zuvor seien viele oben gewesen, hätten Fotos gemacht und vom Gerüst gepinkelt. Umso dringlicher stellt sich die Frage: Hätte die Polizei nicht das Gerüst sichern müssen? Musste sie nicht mit Angriffen von oben rechnen? "Wir haben einen Versuch, den Gipfel oder die Protokollstrecken anzugreifen, für weitaus wahrscheinlicher gehalten als die Zerstörung des eigenen Viertels", sagt Bundespolizist Großmann. "Das hatten wir in den letzten Jahren so nicht, und das habe ich auch nicht erwartet." Überhaupt, heißt es bei der Polizei, könne man doch nicht jedes Baugerüst mit Polizisten schützen.