Es ist das verheerendste Ergebnis, das es je in der Geschichte der Gentherapie gab: Von neun Kindern, die an der Studie des Arztes Christoph Klein teilnahmen, erkrankten acht an Leukämie, drei starben – unstrittig an den Folgen der Behandlung. Kein Wunder, dass die Frage im Raum stand, ob hier ein Mediziner zu viel gewollt hatte (ZEIT Nr. 23/16). Nach über einem Jahr der Prüfung kommt nun eine Kommission der Universität München (LMU) zu dem Urteil, es gebe "keinen Anhalt für ein wissenschaftliches, ärztliches, rechtliches oder ethisches Fehlverhalten" von Dr. Klein.

Ein klarer Freispruch? Leider ist das Votum bei näherem Hinsehen unbefriedigend. Auf den heikelsten Punkt nämlich geht die Kommission nicht ein: die Frage, warum Klein für seinen riskanten Therapieversuch auch Patienten auswählte, für die es eine andere Behandlungsmöglichkeit gegeben hätte. Das hatte viele Experten gewundert, so auch Kleins Doktorvater, den Pariser Gentherapeuten Alain Fischer. Der hatte gesagt, er sei "überrascht, dass die deutschen Behörden diese Studie in dieser Form genehmigt haben". Ein harter Vorwurf, den man gern gründlich aufgearbeitet gesehen hätte. Doch mit Alain Fischer hat die Kommission gar nicht erst gesprochen.

In seiner Studie wollte Klein das seltene Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) therapieren, das zu Leukämien und Lymphomerkrankungen führt und häufig tödlich verläuft. Heilung verspricht in der Regel nur eine Stammzelltransplantation, die belastend und nicht immer erfolgreich ist. Klein wollte deshalb eine neuartige Gentherapie erproben – schloss in seine Studie aber auch Kinder mit ein, für die er Stammzellspender hätte finden können. Dass er gar nicht erst nach passenden Spendern außerhalb der Familien der Patienten suchte, fanden selbst Experten befremdlich.

Die Uni München kommt nun zu dem Ergebnis, formal sei alles richtig gelaufen. Das überrascht nicht. Tatsächlich hat die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover, an der Klein 2006 arbeitete, seinerzeit die Studie bewilligt. Allerdings war Klein selbst Mitglied dieser Kommission. Er war zwar bei der Abstimmung über seinen Antrag nicht anwesend, dennoch nährte das den Verdacht der Befangenheit.

Der setzt sich nun fort. Denn mit dem Urteil über Klein, der heute in München arbeitet, sitzt die dortige Universität auch über sich selbst zu Gericht. Schließlich hat sie 2011 den damals noch gefeierten Genforscher zum Leiter des Haunerschen Kinderspitals berufen, das zur Uni gehört. Da war noch nicht abzusehen, dass die Studie so fatal enden würde.

Auf die Frage, ob und wie das Desaster hätte vermieden werden können, findet sich im Untersuchungsbericht leider keine Antwort. Doch die Kommission hatte ja auch nicht den Auftrag, die Todesfälle zu untersuchen, sondern, wie sie schreibt, die "schweren Vorwürfe" des SZ-Magazins. Dieses hatte mit einem akribisch recherchierten Bericht im April 2016 den Fall ins Rollen gebracht. Klein selbst ging juristisch gegen den Artikel vor – errang allerdings nur einen Teilsieg. Das Magazin musste den Text in fünf Punkten korrigieren, die aber nicht den Kern der Geschichte berühren. Mittlerweile hat die Süddeutsche den Beitrag über den Arzt ohne Grenzen inklusive juristischer Hinweise ins Netz gestellt – ein Lehrstück journalistischer Aufklärung.

Die universitäre Aufklärung hingegen zeigt das Dilemma der wissenschaftlichen Selbstkontrolle: Es fehlen unabhängige Untersuchungsgremien, die nicht von den betroffenen Institutionen geleitet werden und bei denen der Verdacht der Befangenheit gar nicht erst aufkommt. Bis sich die Wissenschaft dazu durchringt, wird es wohl noch eine ganze Reihe fragwürdiger Studien geben.