Ständig sind wir wachsam: Schnieft die Freundin kräftig ins Taschentuch, verzichten wir auf die Umarmung zum Abschied. Wer ununterbrochen hustet, bekommt den Hinweis, zum Schutz der Kollegen doch lieber zu Hause zu bleiben. Sind Menschen offensichtlich krank, gehen wir bewusst auf Abstand. Interessanterweise funktioniert dieser Selbstschutzmechanismus auch dann, wenn die Symptome nicht so eindeutig sind – und wir gar nicht wissen, dass unser Gegenüber infiziert ist.

Wissenschaftler des Karolinska-Instituts in Stockholm haben nun herausgefunden, wie wir solch frühe Infektionen wahrnehmen: durch den Seh- und den Geruchssinn. Die Forscher injizierten dafür Probanden Erregerbestandteile, mit denen künstlich Krankheitssymptome wie Müdigkeit, Schmerzen und Fieber hervorgerufen wurden. Zwei Stunden nach der Ansteckung fotografierten sie die Personen, nach fünf Stunden nahmen sie eine Geruchsprobe aus der Achselhöhle. Später konfrontierten sie Testpersonen, die nichts von einer möglichen Krankheit wussten, mit den Bildern und Proben und fragten, wie sympathisch ihnen die Probanden seien.

Dabei zeigte sich: Die kranken Gesichter wurden weit weniger gemocht als die auf den Kontrollaufnahmen. Das Schnuppern an den Geruchsproben verstärkte diesen Effekt noch. Unter natürlichen Bedingungen könnte dies dazu führen, dass wir infizierte Menschen mit beginnenden Symptomen meiden, obwohl die Erkrankung noch nicht offensichtlich ist. Denn "je negativer wir einem Menschen gegenübertreten, desto unwahrscheinlicher ist es, dass wir mit ihm interagieren", sagt Christina Regenbogen, die den Forschungsbeitrag mit ihrem Team im Fachblatt PNAS veröffentlichte. Bisher war die Fähigkeit, kranke Artgenossen aufgrund ihres Geruchs zu identifizieren, nur von Tieren bekannt.

Mithilfe von bildgebenden Verfahren untersuchten die Autoren der schwedischen Studie zudem, wie das menschliche Gehirn verschiedene Kombinationen von Bildern und Gerüchen der Probanden verarbeitet. Tatsächlich reagierten die Hirnregionen, die für die Wahrnehmung der Sinnesreize zuständig sind, besonders deutlich, wenn die Betrachter das Foto und das Odeur einer kranken Person präsentiert bekamen. Das weist auf eine Art Frühwarnsystem im Gehirn zur Erkennung und Vermeidung von kranken Menschen hin, das hochsensibel auf kleinste Warnzeichen in der Sinneswahrnehmung reagiert. In einem Kommentar schätzt Camille Ferdenzi vom Forschungszentrum für Neurowissenschaft in Lyon die schwedische Studie als wichtigen Erkenntnisgewinn auf dem Feld der nonverbalen sozialen Kommunikation ein.

Auf der visuellen Ebene überrascht vor allem die kurze Zeitspanne von zwei Stunden, nach der erste Krankheitsanzeichen für eine außenstehende Person bereits wahrzunehmen sind – auch wenn es bei einer Infizierung auf natürlichem Wege etwas länger dauern dürfte. Doch was genau ist es, das wir unterbewusst im Gesicht des Kranken erkennen? Das wollen die Forscher in einer Anschlussstudie herausfinden. Wichtige Signale dürften die Rötung der Haut, die Lippenfarbe sowie das Aussehen der Augenpartie sein.

Wie stark der Körper auf optische Reize reagiert, hatten bereits frühere Untersuchungen gezeigt: Unser Immunsystem aktiviert sich allein schon dadurch, dass wir nur das Foto einer niesenden Person sehen. Dabei greift der soziale Vermeidungsmechanismus jedoch nicht immer. Die Versuchspersonen etwa kannten einander nicht. Aus vorherigen Studien wissen Regenbogen und ihre Kollegen jedoch, dass unser Verhalten gegenüber erkrankten Personen letztendlich von der individuellen Beziehung zum Gegenüber abhängt. Bei Menschen, die uns besonders nahestehen, wie beispielsweise unseren Kindern, halten wir den Abstand nicht ein. Ganz im Gegenteil: Wir kümmern uns um sie, damit es ihnen schnell wieder besser geht – und stellen unsere eigene Gesundheit hintan.