Am Schluss des Gesprächs sagt Bülent Kaymaz noch, er wolle sich bei Deutschland bedanken: für den Schutz, den er als Verfolgter erhalte; für die Gewissheit, dass sich Deutschland der Türkei nicht beuge, für die Unterstützung der Behörden, damit er sich in Berlin eine neue Existenz aufbauen könne, nachdem er in seiner alten Heimat alles verloren habe.

Es sind solche Sätze, die den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zur Weißglut bringen müssen. Die Bundesrepublik unterstütze Terroristen, sagte er vorletzte Woche dieser Zeitung im Interview (ZEIT Nr. 29/17). Das Land sei "derzeit voll mit Mitgliedern der FETÖ-Organisation". FETÖ ist der Kampfbegriff für die Gefolgsleute des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen. Sie stecken laut der türkischen Regierung hinter dem Putsch vom Juli vergangenen Jahres und sind seither massiven Verfolgungen ausgesetzt.

Bülent Kaymaz, der aus Furcht um seine Verwandten in der Türkei um ein Pseudonym gebeten hat, ist einer von ihnen. Seit mehr als zwanzig Jahren gehört er zur Bewegung. Als Achtklässler hatte ein Lehrer ihn für die Ideen Gülens und seiner Anhänger begeistert, als Student bekam er von ihnen ein Stipendium.

Die Bewegung des islamischen Predigers Gülen hat weltweit Millionen Anhänger, sie ist zwar hierarchisch organisiert, kennt aber keine offizielle Zentrale. Ihre Anhänger sind getreu dem Motto Gülens – "Baut Schulen statt Moscheen" – strebsam und bildungsbewusst. In 150 Ländern haben sie über 800 Schulen gegründet. Gülen vertritt einen konservativen Islam, manche Religionssoziologen vergleichen seine Bewegung mit den Calvinisten oder den Jesuiten, Kritiker bezeichnen den Prediger als heimlichen Islamisierer.

Jetzt ist die Bewegung in der Türkei zerschlagen, und Bülent Kaymaz sitzt in einem Berliner Café und knackt nervös mit den Fingern. Der Enddreißiger trägt Poloshirt und Jeans, er spricht leise. Noch immer merkt man ihm den Schock über das Geschehene an. Bis 2010 hat er selbst noch regelmäßig Erdoğan gewählt, nun gehört er zu dessen Todfeinden. In den Wochen nach dem Putsch habe er zeitweise Angst um sein Leben gehabt.

Um der Verfolgung zu entgehen, haben Tausende Gülen-Anhänger die Türkei verlassen und in anderen Ländern Schutz gesucht, sehr viele von ihnen in Deutschland. Die meisten der Flüchtlinge sind Angehörige der türkischen Funktionselite: Lehrer und Wissenschaftler, Journalisten und Unternehmer.

"Die Bewegung kann in der Türkei nicht mehr überleben. Deutschland ist dabei, zum neuen Zentrum zu werden." Das sagt Ercan Karakoyun, der als Sprecher des Gülen-Netzwerkes in Deutschland gilt. In keinem anderen Land der Welt leben mehr türkischstämmige Menschen außerhalb der Türkei als hier. Nirgendwo kann die Hizmet, wie sich die Bewegung selbst nennt, auf eine bessere Infrastruktur zurückgreifen. Hizmet lässt sich mit "Dienst" übersetzen – es gibt Hizmet-Schulen und Kindergärten, Hizmet-Medien, einen Hizmet-Unternehmerverband. Alle pflegen gute Verbindungen zur deutschen Mehrheitsgesellschaft. Auch wenn sie nun unter Druck stehen und Mitglieder verloren haben – das Netz ist weiterhin so eng geknüpft, dass es die Gesinnungsfreunde leicht auffangen kann. Umgekehrt werden die Türkeiflüchtlinge die Bewegung stärken. "Das sind alles keine Leute, die lange zu Hause sitzen", sagt Karakoyun. "Die werden hier so aktiv sein wie in der Türkei."

Die ersten drei Monate nach seiner Flucht kam Bülent Kaymaz mit seiner Familie bei einem deutschen Geschäftsmann aus der Bewegung unter. Die Organisation half ihm auch, ein Haus zu finden und ein neues Unternehmen aufzubauen, um seine internationalen Geschäftskontakte wieder aufzunehmen. Fast eine Million Euro Umsatz hat die Firma von Bülent Kaymaz schon wieder erwirtschaftet. Sein Sohn besucht eine Privatschule der Bewegung, und seine Frau bemüht sich, eine Arbeitserlaubnis als Medizinerin zu erhalten. Asyl hat der 37-Jährige nicht beantragen müssen, als gut ausgebildeter Unternehmer bekam er problemlos eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Einen Teil seines Vermögens hat er bereits gespendet – natürlich für ein Bildungsprojekt der Bewegung.