Berlin, Kreuzberg

An einem Dienstagabend gegen 21 Uhr wählt der Berliner die Nummer des Kokstaxifahrers. Er ruft ihn ein paarmal pro Jahr an, immer dann, wenn er Lust hat auf den Kick. Länger tanzen, schneller denken, schlauer reden. "Du hast den Eindruck, präsenter zu sein." Kokstaxis sind in vielen deutschen Städten eine Institution. Ein Lieferservice, der binnen weniger Minuten vor jeder Haustür stehen kann. Nur dass er keine Pizza bringt.

Nach dreimaligem Freizeichen hebt jemand ab. "Ja." – "Alles klar?", fragt der Berliner. "Läuft, Digger, und bei dir?" – "Kommste rum?" – "Klar, Digger, wo wohnst du noch mal?" Der Berliner nennt eine Adresse in Kreuzberg. "Gut. In 15 Minuten bin ich da. Komm runter."

Zehn Minuten später rollt ein großer neuer BMW im Schritttempo heran. Autos dieser Preisklasse sieht man hier selten. Am Steuer sitzt ein beleibter Mann, Anfang 40. Auf dem Rücksitz thront ein Kindersitz, darauf ein Magazin für Kinder, vom Cover glotzt ein Chamäleon. Der Berliner steigt vorne ein. "Und, was geht, Digger?", fragt der Lieferant seinen sehr viel dünneren Kunden, während er im Schritttempo durch die Straße fährt, nach links und rechts schauend. "Mann, die Ecke hier ist gefährlich, die kontrollieren viel." Blitzschnell verrichten die zwei ihre Geschäftstransaktion, wortlos. Der Dealer steckt den 50-Euro-Schein ein, der Berliner lässt einen kleinen Gegenstand in seiner Hosentasche verschwinden. "Und was macht ihr heut noch Schönes?" – "Bisschen Party." Nach zwei Minuten und 500 Metern hat der Berliner das Auto verlassen. In seiner Hosentasche steckt ein durchsichtiges Plastikröhrchen, etwa vier Zentimeter lang. Durch das Plastik hindurch kann man weiße Plättchen erkennen. Kokain gibt es in Form von Pulver oder Steinchen, "Snow" oder "Rock" nennen das die Konsumenten. In dem Plastikröhrchen befindet sich ein halbes Gramm Rock. Üblicherweise bekommt man für 50 Euro ein ganzes Gramm, aber der Berliner meint, das Zeug seines Dealers sei von besserer Qualität, nicht so verschnitten.

Der Berliner, ein Kameramann Mitte 30, ist ein typischer Partykonsument. Er schnupft, wenn er einen draufmachen will, "mehr als die alltägliche Party", und er ist ein ambivalenter Verbraucher. Das sind viele in seinem Milieu. Mittelklassekokser. Menschen, die ihr Gemüse gern im Biomarkt kaufen, Ökostrom beziehen oder fair gehandelten Kaffee trinken. Der Berliner isst seit acht Jahren kein Fleisch mehr. Manchmal überkommt ihn die Lust darauf, doch dann denkt er an Hühner in winzigen Käfigen, Schweine in Massentierhaltung, und er sagt sich: Nein, so was will ich nicht essen.

Mit dem Koksen ist das anders. Ja, er hat den Spruch gehört, "jede Nase tötet einen Menschen", doch die Vorstellung bleibt merkwürdig diffus. Die verendenden Schweine hat er im Fernsehen gesehen, die Opfer des Kokaingeschäfts nicht.

Dokumentationen über Koks zeigen stattdessen Leute wie Pablo Escobar. Seit Netflix die Serie Narcos über das Leben des kolumbianischen Drogenbarons ausstrahlt, ist dessen Haus zu einem Pilgerort für Touristen geworden. Auch dem mexikanischen Kartellchef Joaquín "El Chapo" Guzmán, der zweimal spektakulär aus dem Gefängnis floh und seit 2016 wieder einsitzt, gilt eine eigene Serie auf Netflix. Koks hat trotz – oder vielleicht wegen – all der Gewalt Glamour.

Kokain, angeboten in der Form von Kokain-Hydrochlorid, stammt aus Kolumbien, Bolivien oder Peru, anderswo auf der Erde wird es quasi nicht hergestellt. Es wird in einem aufwendigen chemischen Verfahren aus den Blättern von Kokasträuchern gewonnen, die nur in großen Höhen und bei hoher Luftfeuchtigkeit gedeihen. Diese Bedingungen finden sich in idealer Form in den Anden.

Seit 1930 ist Kokain in Deutschland verboten, weil es abhängig macht und in hoher Dosierung Angst, Paranoia, Depressionen und Wahnvorstellungen erzeugen kann. Die meisten Länder haben Kokain verboten, nur in wenigen bleibt der Besitz geringer Mengen straffrei.

Das Verbot unterbindet den Handel allerdings nicht. Die Droge reist um die Welt, versteckt in der Fracht von Containerschiffen, in den Mägen der Drogenkuriere, in Flugzeugen, U-Booten, Pick-ups. Manchmal nimmt das Rauschgift den direkten Weg, andere Male bewegt es sich im Zickzack-Kurs über mehrere Kontinente, um die Fahnder zu verwirren. Die Logistiker der Branche suchen nach immer außergewöhnlicheren Routen und Verstecken. Kokain steckt in den Plastikköpfen von Spielzeugpuppen, zwischen gegerbten Rinderhäuten, sogar in den Mägen von Zuchthunden, die nach der Ankunft am Zielort geschlachtet werden.

Einer Schätzung der Vereinten Nationen zufolge wurden im Jahr 2014 mehr als 940 Tonnen Kokain produziert. Knapp 19 Millionen Menschen sollen heute Kokainnutzer sein.

Kokain reist leise und geräuschlos, doch es hinterlässt Spuren. Es zerstört Natur und Lebensräume, macht mörderische Kartelle groß, zersetzt Staaten, hält Menschen in Armut, finanziert Terroristen. Was wäre, wenn Kokainkonsumenten – wie der Berliner – das alles wüssten?