DIE ZEIT: Vorige Woche ist in der Antarktis ein 175 Kilometer langes und bis zu 50 Kilometer breites Stück vom Larsen-Schelfeis abgebrochen. Erleben Sie gerade aufregende Tage, weil Sie die Landkarten im Diercke-Schulatlas aktualisieren müssen?

Michael Albrecht: Warum meinen Sie das? Wir reagieren ja nicht so schnell wie eine Zeitung.

ZEIT: Wie gehen Sie dann mit dem Ereignis um?

Albrecht: Im Moment steht keine aktuelle Publikation an, aber wir werden das sicherlich zeitnah in die Karten eintragen.

ZEIT: Wann werden die Schüler zum ersten Mal einen Schulatlas mit einer veränderten Antarktis-Karte in Händen halten?

Albrecht: Der Diercke als Printausgabe für dieses Jahr ist längst gedruckt. Für die Ausgabe 2018 werden wir aber durchaus eine Aktualisierung vornehmen.

ZEIT: Wie sehr muss sich das Gesicht der Erde verändern, damit Sie Ihre Karten anpassen?

Albrecht: Das kommt auf den Maßstab der Karte an. Von der Antarktischen Halbinsel haben wir im Atlas auf Seite 239 eine Karte im Maßstab 1 : 12 Millionen. Da wäre das abgebrochene Stück schon gut daumennagelgroß.

ZEIT: Die Erde verändert sich zurzeit an vielen Orten. China schüttet zum Beispiel Inseln auf. Erfassen Sie solche künstlichen Strukturen auch?

Albrecht: Im Prinzip schon – aber das sind natürlich viel kleinere Flächen als der abgebrochene Eisberg.

ZEIT: Besonders heikel sind doch bestimmt veränderte Landesgrenzen im Schulatlas. Wie sind Sie beispielsweise mit der Krim umgegangen?

Albrecht: Unsere Redaktion beobachtet immer das tagespolitische Geschehen und beschließt später, ob und wie wir reagieren. Bei der Krim haben wir den Kontakt zum Auswärtigen Amt gesucht.

ZEIT: Und worauf haben Sie sich geeinigt?

Albrecht: Die Halbinsel Krim gehört politisch und somit in Karten farblich heute noch zur Ukraine. Nur wurde eine sogenannte "umstrittene Grenze" eingetragen, das ist eine gerissene rote Linie. Dann bekam die Halbinsel einen Zusatz in Klammern: "Von Russland beansprucht". Das wurde später abgeändert in "Von Russland kontrolliert".

ZEIT: Hat Russland dagegen protestiert?

Albrecht: Ich glaube nicht, dass sich die russische Regierung für den Diercke Weltatlas interessiert. Und sollte es so kommen, können wir darauf verweisen, dass wir das mit dem Auswärtigen Amt abgestimmt haben.

ZEIT: Müssen Sie heute wegen politischer Instabilitäten und wegen der Klimaveränderungen mehr an Atlanten arbeiten?

Albrecht: Atlanten waren immer dynamisch. Geändert hat sich aber die Geschwindigkeit, mit der sich Informationen verbreiten. Heute werden Atlanten sehr viel schneller und kritischer nach solchen Dingen durchsucht. Das sehen wir schon an den Zuschriften, die uns auf Dinge hinweisen. Das ist eigentlich ganz schön.

ZEIT: Jede Generation wächst heute also mit einem anderen Bild von der Welt auf?

Albrecht: Es gibt Dinge, die wir stabil halten. Ein Schulatlas ist ja in erster Linie ein Lehrwerk. Lehrer formulieren zur Kartenarbeit Aufgaben und wollen diese nicht nur in diesem, sondern auch im nächsten Jahr stellen. Wir müssen also aufpassen, dass wir eine ganze Reihe von Informationen im Atlas, wie Statistiken, nicht verändern.

ZEIT: Warum betreiben Sie den ganzen Aufwand für eine gedruckte Ausgabe noch? Es gibt doch Google mit seinen ständig aktualisierten Karten.

Albrecht: Im Gegensatz zu Google bieten wir einen entscheidenden Mehrwert: Ein Schulatlas ist auf Schüler zugeschnitten. Es wird nur das Wesentliche dargestellt, damit man das eigentliche Thema einer Karte besser erkennen kann.

ZEIT: Werden Sie das Abbrechen des Brockens vom Larsen-Schelfeis auch aus didaktischen Gründen aufgreifen?

Albrecht: Es könnte sein, das wir es zu einem thematischen Fallbeispiel für den Klimawandel machen.