Gute Nachrichten für Oliver Schmidt, 48, klingen zurzeit so: Er ist neuerdings nicht mehr zusammen mit Gewaltverbrechern eingesperrt, sondern sitzt jetzt in einem minimum security prison 70 Kilometer südwestlich von Detroit im US-Bundesgefängnis Milan ein. Er darf dort wieder eine Lesebrille benutzen, um die Zehntausenden Seiten an Unterlagen zu seinem Fall durchzuarbeiten. Und aus Deutschland wird ihm die auto motor und sport geschickt. Darüber hinaus sind gute Nachrichten rar.

Der VW-Manager Oliver Schmidt sitzt in Untersuchungshaft, weil amerikanische Strafverfolger glauben, er habe Alberto Ayala angelogen. Ayala ist Vizechef der kalifornischen Umweltbehörde Carb. Er überführte Volkswagen, bei Abgaswerten betrogen zu haben, und brachte damit einen Industrieskandal ans Licht, der die deutsche Automobilindustrie bis heute erschüttert.

Doch wenn Ayala über Oliver Schmidt spricht, klingt er nicht, als habe er einen Betrüger überführt. Er klingt, als habe er einen Freund verloren. "Oliver tut mir leid. Ich denke über unsere persönlichen Begegnungen nach, es ist sehr schwer. Am Ende gleichen wir uns doch alle, wir haben Ambitionen und Bestrebungen, Familien, Ziele und Träume. Und wenn die so dramatisch zerschmettert werden – es tut mir sehr leid für ihn."

Schmidt drohen 169 Jahre Haft. Sollte er verurteilt werden, würde nach heutigem Stand wohl niemand anderes für den Abgasbetrug von Volkswagen so büßen wie er, schon gar nicht die oberste Führungsriege: Der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn, der wie Schmidt seine Unschuld beteuert, ist bei einem Ruhegehalt von jährlich rund 1,2 Millionen Euro in Deutschland auf freiem Fuß.

Es steht nun ein böser Verdacht im Raum: Hat der Volkswagen-Konzern seinen Mitarbeiter Schmidt geopfert, um die Abgasaffäre leichter hinter sich lassen zu können?

Glaubt man seiner Familie, seinen Freunden und Weggefährten, dann war Oliver Schmidts Leben eigentlich das eines Bilderbuch-Ingenieurs.

Da sind die Geschichten von Schmidts weißem Käfer 1200, den er kurz nach seinem 18. Geburtstag für 50 Mark kaufte, an dem er so lange schraubte, bis der Wagen wieder flott war, und mit dem er seine Freunde durchs niedersächsische Stadthagen fuhr. Da ist die Geschichte, wie er seine Frau während des Maschinenbaustudiums in Hannover kennenlernte, und die, wie beide später im Volkswagen-Autohaus Gunther in Florida heirateten. Oder die, wie er an seinem ersten Arbeitstag bei Volkswagen Motorsport, gleich nach der Uni, gemeinsam mit einem Kollegen einen entscheidenden Fehler aufspürte und so einen neuen Achtzylindermotor zum Laufen bekam. Wie er sein erstes VW-Gehalt sparte und in die USA in den Urlaub flog, wie er sich ins stahlgraue Detroit verliebte und wie sich später die Bücher über die Autostadt auf dem Regalbrett über dem Fernseher in seinem Wohnzimmer stapelten.

Schmidt ist 35, als sein Arbeitgeber im Jahr 2004 ein Projekt erfindet, das wie gemacht ist für ihn: Zwei Dutzend Volkswagen-Mitarbeiter sollen die amerikanische Seele erkunden – und herausfinden, welche Autos man für Amerikaner bauen muss. Bis dahin hat VW seine Entwicklung in Wolfsburg konzentriert; das Unternehmen hat das Gespür für Kunden in anderen Ländern verloren, die Verkaufszahlen brechen ein. Mit dem für die Wolfsburger typischen Selbstbewusstsein nennt VW das Projekt "Moonraker", nach einem Vorläufer des Apollo-Programms, das 1969 den ersten Menschen auf den Mond brachte.