In Potsdam musste in der vergangenen Woche – die G20-Debatte war noch in vollem Gang – die Demokratie verteidigt werden. Diesen Eindruck gewann zumindest, wer die Meldungen aus der Stadt verfolgte. Von einem "Tiefpunkt für die Demokratie" sprach die Potsdamer CDU, Ministerpräsident Dietmar Woidke soll "zutiefst verärgert" gewesen sein, hieß es. Und Bild titelte: Brandenburg kuscht vor Linksextremisten!

Angefangen hatte alles ganz unspektakulär, mit der Idee von ein paar Abiturienten. Brandenburgs Landesschülerrat wollte am vergangenen Mittwoch eine Podiumsdiskussion veranstalten, unter anderem mit einem Vertreter der AfD. Und zwar im Bildungsministerium von Potsdam, Raum E.34. Man rechnete mit einer Handvoll Gäste. Aber weil linke Gruppen zu Gegenprotesten aufriefen, zu einer "G20-Aftershow", wurde die Debatte wieder abgesagt: aus Sicherheitsbedenken, hieß es zunächst. Und plötzlich kam im Potsdamer Regierungsviertel die Frage auf: Ist die Brandenburger Polizei tatsächlich nicht imstande, eine solche Veranstaltung zu schützen? Eine Podiumsdiskussion noch dazu, die mitten in einem Ministerium stattfinden soll?

Wer dieser Frage nachgeht, stößt am Ende jedoch nicht auf einen Fall von Polizeiversagen. Man landet vielmehr bei verunsicherten Ministeriumsmitarbeitern, bei einer entnervten Polizei und schließlich beim 17-jährigen Toni Lehnert – der im Wirbel der Forderungen und Schuldzuweisungen den souveränsten Eindruck hinterlässt. Lehnert ist Elftklässler, Pressesprecher des Landesschülerrates in Brandenburg und Mitglied der Jungen Union. Er hat erlebt, was geschehen kann, wenn Hysterie auf Bürokratie trifft.

Vor ein paar Wochen kam der Landesschülerrat auf die Idee, politische Debatten zur Bundestagswahl zu organisieren. Weil Vertreter aus den Jugendverbänden aller Parteien teilnehmen sollten, war auch der AfD-Nachwuchs geladen. "Nur weil mir eine Meinung inhaltlich nicht passt, will ich sie ja nicht verbieten", sagt Lehnert, "wir finden es wichtig, uns mit allen politischen Parteien auseinanderzusetzen." Die erste Debatte fand in Finsterwalde statt, die zweite in Cottbus, die dritte in Perleberg, die vierte in Eberswalde. Es kamen nie mehr als 15 Schüler. Und es kam nie die AfD, obwohl man sie immer eingeladen hatte. Dann war Potsdam an der Reihe.

Diesmal sagte die AfD-Jugend Junge Alternative ihre Teilnahme zu. Es dauerte nicht lange, so erzählt es Toni Lehnert, bis linke Gruppierungen bei Facebook zu einer Gegenveranstaltung aufriefen. Darin sahen Lehnert und seine Kollegen vom Landesschülerrat zunächst kein größeres Problem: "Demonstrationen, wenn sie friedlich sind, gehören auch zur Demokratie." Der Leitung des Gymnasiums aber, in dem die Veranstaltung stattfinden sollte, war das zu viel: Die Schüler wurden gebeten, einen anderen Raum zu suchen. Sie wichen ins Bildungsministerium aus. Dann fingen die Probleme an.

Schüler Lehnert: Wir wollten immer, dass die Debatte stattfindet

Es folgte das G20-Wochenende in Hamburg, und plötzlich hörte sich das, was die Emanzipatorische Antifa Potsdam schon in der Woche zuvor angekündigt hatte, viel bedrohlicher an: Die besagte "G20-Aftershow" während der Schülerrats-Debatte. Es gehöre "eine enorme Portion politischer Ignoranz" dazu, der Jungen Alternative ein Podium zu bieten, hieß es in einer Erklärung. "Darauf haben wir mal so gar keinen Bock, weder am Einstein-Gymnasium noch anderswo. Und wenn wir keinen Bock auf Dinge haben, finden diese, realistisch betrachtet, nur selten so statt."

Bei Facebook stieg die Zahl der Interessierten an der Gegendemonstration – auf 87. An der Debatte selbst waren 24 interessiert. Toni Lehnert meldete sich daraufhin in der sogenannten Gremiengeschäftsstelle im Brandenburger Bildungsministerium, wo man für den Landesschülerrat zuständig ist. Nicht aus Angst vor dem Protest, wie er sagt, sondern einfach um das Ministerium zu informieren. "Wir haben immer damit gerechnet, dass die Diskussion stattfindet, und wollten das auch", betont Lehnert. Ein paar Stunden später wurde er vom Mitarbeiter der Gremiengeschäftsstelle zurückgerufen. Die Ansage: Das Ministerium habe Rücksprache mit der Polizei gehalten, diese habe Sicherheitsbedenken geäußert. Sollten die Schüler die Veranstaltung nicht von sich aus absagen, so hat Lehnert es in Erinnerung, müsse das Ministerium von seinem Hausrecht Gebrauch machen.