Beim Schlagermove zogen 350.000 Hossa- Fans (Angabe der Polizei) durch die Stadt. Das sind rund sechsmal so viele wie bei der größten G20-Demo, und auch wenn bei Griechischer Wein singenden Plateauschuheträgern das Gewaltpotenzial relativ gering sein dürfte, gebührt den Sicherheitskräften Dank. Den bekamen sie auch, sogar konkret vor Ort: Die durchs Viertel patrouillierenden Polizeiwagen wurden mit La-Ola-Wellen bedacht.

Statt den Schlagermove also niederzumachen, als kapitalistische Enthemmungsorgie nach den ach so politisch motivierten Gipfelprotesten, sollte man lieber dankbar sein. Die Souveränität, mit der Bürger und Behörden das Event gemeistert haben, ist beachtlich. Und nach den schweren Schäden, die Einzelhändler und Gastwirte durch G20 hinnehmen mussten, ist der Move auch eine wirtschaftliche Wiedergutmachung vom habituell verteufelten Schweinesystem.

Dass, wie Innensenator Andy Grote erklärt hat, der Veranstaltungskalender für Großevents in Hamburg entzerrt werden muss, versteht sich von selbst. Dem Schlagermove allerdings hatte man das Wochenende nach G20 bereits im Jahr 2014 zugewiesen. Und der ebenfalls am vergangenen Wochenende abgehaltene Triathlon war nicht verschiebbar, weil er ein fester Termin im internationalen Wettkampfkalender ist.

Wirklich sträflich ist beim Schlagermove-Lamento letztlich nur die ideologische Naivität. Die Süddeutsche Zeitung säuselt: "St.-Pauli-Menschen haben es lieber rau und ehrlich als bunt und aufgesetzt." Statt "oberflächlicher Fröhlichkeit" bekenne man sich zu "einer linken, freigeistigen Nachdenklichkeit". Auch in der ZEIT:Hamburg wurde dem Event gesinnungsmäßig der Prozess gemacht: "In einer besseren Welt würden die 350 000 Menschen auf die Straße gehen, um für Frieden in Syrien zu demonstrieren."

Damit wären noch nicht die Umsatzeinbußen der Reeperbahn- und Kiez-Gastronomen ausgeglichen. Bezeichnenderweise sind sie es, die am einen Wochenende G20-Randalierer verarzteten und am nächsten dankbar waren für jeden Bielefelder mit Jägermeisterdurst.

Wie sagte Sven Warncke, Chef des Restaurants Kiezfutter in der Friedrichstraße: "Ob man Schlager mag oder nicht, wir leben von so was."