Wenn zwei Staaten sich nichts mehr zu sagen haben, tauschen sie Schriftstücke aus. Im Fall der deutsch-türkischen Beziehungen, die sich in einem Zustand der fortgeschrittenen Zerrüttung befinden, handelt es sich dabei nicht um die üblichen Demarchen, sondern um schwarze Listen. Auf diesen Listen sind meist Namen von in Deutschland lebenden Türken notiert. Die Türkei wirft ihnen vor, Mitglieder der Gülen-Bewegung zu sein, die sie als terroristische Vereinigung betrachtet, und fordert ihre Auslieferung.

Das neueste Produkt der Listen-Diplomatie ist ein Dokument, auf dem nun erstmals auch mehrere große deutsche Unternehmen aufgeführt werden, die den Türken als Terrorunterstützer gelten. Betroffen sind unter anderem Daimler und BASF, Reisebüros, aber skurrilerweise auch ein Spätkauf-Laden aus Berlin und eine Döner-Bude aus Nordrhein-Westfalen. Die Firmen sollen mit Anhängern Gülens zu tun gehabt haben. Insgesamt 68 Unternehmen und Einzelpersonen werden aufgeführt, wie der ZEIT aus Sicherheitskreisen bestätigt wurde.

Die Liste, die vor einigen Wochen dem BKA übergeben wurde, ist das neueste Glied in einer langen Kette von Eskalationen. Immer weiter verschärft die türkische Regierung die Tonart.

Im Februar bereits, am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz, hatte der Chef des türkischen Geheimdienstes MIT dem Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, eine als Hochglanzbroschüre aufgemachte Dokumentation mit 300 Namen von Verdächtigen übergeben.

Eigentlich hätte die Liste direkt ans Kanzleramt gehen sollen. Aber weil Merkels Geheimdienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche verhindert war, sprang Kahl kurzfristig ein und bekam das Papier überreicht. Darauf stand unter anderem der Name der SPD-Bundestagsabgeordneten Michelle Müntefering, die der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe vorsteht. Und als die Innenstaatssekretärin Emily Haber wenig später zu einer Dienstreise in Ankara eintraf, überreichten ihr die türkischen Gastgeber eine weitere Sammlung von Informationen über vermeintliche Staatsfeinde.

Das Prinzip ist immer das gleiche: Die türkischen Behörden führen in den Konvoluten Personen auf, die sie für Terroristen halten und ausgeliefert oder verfolgt sehen wollen. Doch in aller Regel sind die Belege mehr als dürftig. Mehr als die Behauptung, jemand sei Mitglied der Hizmet-Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, findet sich selten. Deshalb ist es bislang in keinem Fall aufgrund einer der Listen zu einer Auslieferung gekommen.

Doch für das deutsch-türkische Verhältnis bedeuten die immer neuen schriftlichen Anforderungen aus Ankara eine schwere Belastung. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan persönlich hat den Deutschen massive Vorwürfe gemacht. "Deutschland sollte nicht das Land sein, das die hochrangigen Täter schützt", sagte Erdoğan Anfang Juli der ZEIT. Er habe 4.500 Akten übergeben, darin seien "alle Beweise" enthalten. "Sie müssen diese Terroristen an die Türkei ausliefern", so Erdoğan an die Adresse der Bundeskanzlerin – gemeint waren offenbar die verschiedenen Listen. "Solange Sie das nicht tun, wird die Türkei Deutschland als Land ansehen, das Terroristen schützt."