Kurz nach der 70. Spielminute verstummt der Fanblock der Eisernen. Diese Stille wäre in den meisten deutschen Fankurven nicht ungewöhnlich: Mal wird gejubelt, mal gepfiffen, mal wird gesungen, mal geschwiegen – aber nicht in Köpenick. Wenn im Fanblock von Union Berlin während eines Spiels nicht gesungen wird, bedeutet das: Ausnahmezustand. Stille passt nicht zu Sektor zwei, wo im Stadion An der Alten Försterei normalerweise die eingefleischten Unioner 90 Minuten lang ein Lied nach dem anderen grölen. "Das ist das Schlimmste, was uns passieren kann: wenn die Fans gar nicht mehr singen", sagt Union-Stürmer Steven Skrzybski, der seit 17 Jahren für die Berliner spielt. Dass einzelne Spieler oder gar die Mannschaft ausgepfiffen werden, nein, das hat Skrzybski in der Alten Försterei noch nicht erleben müssen.

Warum also plötzlich diese Stille? Vielleicht begreifen einige Fans in diesem Moment, dass der Traum, für den der Verein seit Jahren gekämpft hat, gerade vor ihren Augen zerplatzt. Dabei fing das Jahr furios an. Erstmals in der Geschichte des Vereins aus dem Berliner Südosten war der Aufstieg in die erste Liga zum Greifen nah. Am 25. Spieltag stand man auf Platz eins der Zweiten Bundesliga. Nicht wenige Fans haben diese sportliche Entwicklung mit einem Gefühlsgemisch aus Euphorie, Schock und Skepsis verfolgt. Unions Identität ist die eines Arbeiterclubs, der in seiner Geschichte nichts geschenkt bekommen hat und sich selbst zu helfen weiß.

Den Namen "Eisern" verdankt der Verein der Tatsache, dass er zu Kaiserzeiten von Schlossergesellen gegründet wurde. Bevor Union ein Proficlub wurde, arbeiteten viele Spieler in der eisenverarbeitenden Industrie in Köpenick. Als der Verein vor zehn Jahren sein Stadion sanieren musste, dafür aber kein Geld hatte, halfen über 2300 Fans, ihre Fußballarena – einmalig im europäischen Profifußball – aufwendig umzubauen. Die freiwilligen Helfer leisteten 140.000 Arbeitsstunden und sparten ihrem Verein so einige Millionen Euro ein. Union ist ein Ökosystem mit eigenen Regeln, gegen Kommerz und gegen Erfolgssucht, für Authentizität und Leidenschaft. Manche Fans sahen diese Leitlinien durch zu großen Erfolg bedroht. Beim Heimspiel gegen Würzburg hielten einige von ihnen ein Banner mit dem Spruch "Scheiße ... wir steigen auf!" in die Luft.

Doch jetzt, in der 75. Minute am 29. Spieltag, scheinen sie zu begreifen, dass sich die Eisernen wohl doch keine allzu großen Sorgen über den möglichen Aufstieg machen müssen: Wie aus dem Nichts ist in der 68. Minute der Ausgleich für die Gäste aus Kaiserslautern gefallen. Kurz vor dem großen Ziel flattern der Mannschaft die Nerven: Seit das Team am 25. Spieltag Spitzenreiter war, hat es in drei Spielen gerade mal einen Punkt geholt. Die Partie gegen Kaiserslautern entscheiden die Köpenicker zwar noch für sich, aber in den folgenden Partien verlieren sie gegen die Aufstiegskonkurrenten Stuttgart und Braunschweig und verspielen so die Möglichkeit, die mit Abstand beste Saison des 1. FC Union in der Zweiten Bundesliga zu krönen.

Doch die Vereinsführung hat Großes vor: Vor dem Anpfiff des letzten Heimspiels der Saison werden sieben Spieler verabschiedet, die Mannschaft soll nun in der Sommerpause zu einem ernsthaften Erstliga-Aspiranten umgebaut werden. Das Ziel: sich langfristig unter den 18 besten Teams Deutschlands zu etablieren, ohne dabei die eigenen Werte zu verraten.

Diese Vision verkörpert der mächtigste Mann bei Union, Vereinspräsident Dirk Zingler. In der Geschäftsstelle des Vereins empfängt der Präsident in seinem geräumigen Büro im zweiten Stock. Zingler sinkt in ein schwarzes Bauhaussofa, über ihm hängt ein Ölgemälde an der Wand, es zeigt ein Meer aus wehenden rot-weißen Unionsfahnen. Der Präsident, er leitet ein Baustofflogistik-Unternehmen, sieht aus wie ein Wendegewinner: dicke silberne Uhr, kurzes weißes Haar, kariertes Hemd, Jeans, rote Chucks, rote Socken, Wohlstandsbauch.

Zingler ist beliebt bei den Fans. Seit 40 Jahren geht er selbst zu Union. Zingler betont, dass er nicht grundsätzlich etwas gegen Kommerz habe, er selbst sei ein "sehr erfolgreicher" Unternehmer. Ihm sei es wichtig, dass sich die Mitglieder von Union auf ihren Club verlassen können. Regionale Abgrenzung sei für ihn das Herz des Vereinsfußballs. Man fahre ja auch nicht zu einem Italiener nach Spandau, in den westlichsten Bezirk Berlins, wenn man in Köpenick wohne, sagt der Präsident, sondern gehe zu "seinem" Italiener um die Ecke.

Die besondere Identität des Vereins formte sich zu DDR-Zeiten. 1966 gegründet, etablierte sich Union in den siebziger Jahren als Stadtrivale von BFC Dynamo – dem Lieblingsverein Erich Mielkes, dem Minister für Staatssicherheit. "Wir wussten, wenn wir "zum BFC gehen, werden wir verladen. Die Schiedsrichter waren ja alle bei der Stasi", erzählt die ehemalige Unions-Sekretärin Ingeborg Lahmer. Wenn der berühmte Schiedsrichter Adolf Prokop Partien zwischen Union und Dynamo pfiff, so Lahmer, dann schaute er nach einem Foul hoch auf die Tribüne zu Erich Mielke, um zu sehen, ob er die Rote Karte zücken solle. Wie ein römischer Kaiser habe Mielke dann ein Zeichen gegeben, ob der Spieler zu verschonen war oder nicht, behauptet Lahmer. Der BFC Dynamo gewann von 1979 bis 1988 ununterbrochen die Meisterschaft.