Wenn Shkelzen Kastrati über Hip-Hop spricht, hebt sich seine Stimme. Seine Aussagen werden bestimmt. Er sagt dann Dinge wie: "Das ist doch alles Kindergarten hier, ein großer Filz." Oder: "Schweizer Rap ist zu neunzig Prozent aufgesetzter Müll." Oder immer wieder: "Ich kann das nicht ernst nehmen. Niemand, der ehrlich zu sich ist, kann das ernst nehmen." Er meint damit praktisch alle und alles, was sich im vergangenen Vierteljahrhundert im Mundart-Rap getan hat.

Hip-Hop, das ist Kastratis Kultur, sein Leben, Rap ist seine Ausdrucksform. Unter dem Künstlernamen Xen (sprich: Tzään) hat es der 27-Jährige aus Dietikon in den vergangenen Jahren zu Ruhm und Ehre gebracht. Sein Debütalbum Ich Gäge Mich landete 2015 aus dem Stand auf Platz vier der Schweizer Hitparade, der Sampler seines Labels Physical Shock stieg in diesem März auf Platz drei ein, und wer dieser Tage am Zürcher Seebecken oder den Limmatufern entlangflaniert, hört aus den tragbaren Handy-Lautsprechern diesen Sound von morgen.

Nur, in der Musikbranche hat man Xen, seine Labelkollegen EAZ und Liba sowie ihren Produzenten Lii kaum wahrgenommen, geschweige denn in der Öffentlichkeit. Aber das soll, das wird sich nun ändern. Die vier sind dabei, den Schweizer Rap neu zu erfinden.

Der Blick, mit dem der gelernte Lüftungsmonteur seinen Besuch im Industriegebiet von Winterthur-Grüze fixiert, sagt: Nichts und niemand bringt mich von diesem Weg ab. Hier, im dritten Stock eines anonymen Gewerbehauses, im Niemandsland zwischen Billigsupermarkt und einem Großhandel für Tierbedarf, hier hat Xen ein Ventil für seinen Frust gefunden. Hier steht das Studio seines Labels.

Drinnen nehmen seine "Bros" gerade einen Track auf, rappen ihre Zeilen über den Beat. Xen steht draußen vor der Tür, in der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Zigarette.

Die Autorität ist ihm angeboren: Er ist groß gewachsen, sein Gesicht hat römische Züge. Nach der Eröffnungstirade auf alle, die Hip-Hop nicht so ernst nehmen wie er, spricht er über seinen Alltag, seine Arbeit auf dem Bau, erzählt von seiner Kindheit im Kreis 4, aufgewachsen ohne Mutter und mit einem Vater, der kaum je zu Hause war und zu dem er nie den richtigen Draht fand. "Und dann hörst du, wie sich andere darüber beklagen, dass ihre Mami nicht das kochte, was sie erwartet haben."

Xen zieht an seiner Zigi. Er erzählt von seiner Einsamkeit und von den Videos von Tupac Shakur, die ihm damals eine neue Heimat boten. So wollte er auch mal sein. Und er spricht von dem Gefühl, das alle Secondos kennen, der Zerrissenheit zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Kulturen – dem Kosovo und der Schweiz.

"So was kann einen kaputt machen", sagt Xen. Das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören, nie den Schutz, die Gemeinschaft einer funktionierenden Familie erlebt zu haben. Es nährt den Groll, den Hass in ihm und seinen Kollegen. "Das Ghetto in uns", wie sie es nennen.

Hier in Winterthur-Grüze kann es raus. Hier haben die vier fernab von allem Trubel, fernab von der Szene, fernab von Klamauk und simplem Zeitvertreib in den vergangenen fünf Jahren zwei Platten eingespielt und produziert. Hier treffen sich Xen und seine Kollegen nach harten Arbeitswochen, um an ihrer Musik zu feilen, hier verbringen sie Stunde um Stunde in dem weiß getünchten, schmucklosen Raum mit der Schlafcouch, hier lassen sie sich von den neuen Beats von Lii inspirieren und dichten dann ihre Rapverse. Haarscharf auf den Rhythmus:

"Damals händ mich villi nume uusglacht – lueg mol jetz, du Pisser, was de Junge druus macht. S’beschte Team wie das Weed wo i’d Lunge fahrt. Eis Ziel im Visier, fokussiert wänn ich durefahrt."

So rappt Xen im Stück Immer Scho Da Gsi. Es sind nicht die blumigsten, nicht die lyrischsten Stücke, die hier entstehen. Es erschließt sich nicht mit jedem Track eine neue Welt. Beeindruckend ist die Fertigkeit und Konsequenz, mit der Xen rappt, behände wechselt er während eines Songs mehrfach zwischen verschiedenen Reimschemata hin und her.

Frustabbau, Selbsttherapie, Kampf mit den inneren Dämonen

Seine Musik ist eine Chropfläärete. Frustabbau, Selbsttherapie, Kampf mit den inneren Dämonen. Aber auch Suhlen im Selbstmitleid. "In jeder freien Minute schreibe ich mir Reime auf. Manchmal kotze ich mich aus über das, was mich gerade beschäftigt."

Seine Tracks sind düster, schneidend, apokalyptisch. Die Beats klingen nach modernem Rap, – melodiös, sphärisch, elastischer Bass, nie überladen. Sie nehmen aktuelle Trap-Elemente auf und kommen ohne geklaute Passagen von alten Platten aus. Der Sound ist glasklar und austariert. Im Studio liegen klassische Partituren, Produzent Lii hat sich das Klavierspielen beigebracht.

Das kommt an. Anfang Juli am Open Air Frauenfeld, dem größten Urban-Music-Festival in Europa. Xen hat den undankbarsten Slot erhalten: Freitag, 12.45 Uhr auf der Nebenbühne. Trotzdem drängen sich 2.000 Menschen bei brütender Hitze im Festzelt, und die vordersten Reihen rappen seine Songs mit. Zeile für Zeile.

Auf der Bühne strotzt Xen vor Energie. Freunde sagen ihm später, sie hätten ihn kaum wiedererkannt. Seinen Auftritt krönt er mit einem Sprung in die Menge. Einen Moment, den er sich schon seit zehn Jahren ausgemalt habe, sagt Xen. "Ein unglaubliches Glücksgefühl."

Spätestens jetzt, an diesem Julimittag, hat er es allen bewiesen. Allen Promotern und Labels, die ihn jahrelang ignoriert haben, allen Veranstaltern, die ihm und seiner Crew keine Auftrittsmöglichkeiten gegeben haben, und allen Journalisten, die nicht über sie geschrieben haben.

"Am Montag nach dem Open Air stand ich wieder auf dem Scheiß-Baugerüst", sagt Xen. "Und sogar mein Chef hat mich angeschaut und gefragt: Wann verpisst du dich endlich mal von hier? Aber so ist halt die Realität."

Jetzt nervt er sich wieder. Darüber, dass jeden Morgen zwischen halb fünf und halb sechs der Wecker klingelt, zu Hause in seiner Wohnung im kleinen Aargauer Dorf Berikon, wo er inzwischen wohnt. Darüber, dass das Schleppen, Schuften auf der Baustelle eine verdammt monotone Arbeit ist, aber er auf den Lohn halt angewiesen sei. Vor wenigen Wochen kam sein Sohn Aaron zur Welt, der wütende Rapper trägt nun die Verantwortung für eine Familie. Mit dem eigenen Vater hat er sich inzwischen versöhnt, noch bevor der Großvater wurde. Als Xen 2016 für die Swiss Music Awards nominiert war und das in den kosovarischen Fernsehnachrichten verkündet wurde, war Kastrati senior so stolz auf seinen Sohn, dass er sich gleich ein Ticket für die Show kaufte.

Im Moment arbeiten Xen und Lii gemeinsam an einer EP, die noch in diesem Herbst erscheinen soll, und sie verhandeln intensiv über einen Vertrag mit Universal Music. Dass Xen ohne Werbung über 8.000 Alben verkauft hat und seine YouTube-Videos Hunderttausende Male angeschaut wurden, das blieb auch beim Majorlabel nicht unbemerkt. "Falls wir das machen, heißt das aber nicht, dass wir uns irgendwie verstellen", sagt Xen. "Wir machen da keine Kompromisse." Was er und seine Freunde, Kosovaren, Libanesen und Schweizer, sich in Winterthur aufgebaut haben, das ist ihnen wichtiger als ein guter Deal.

"Ich muss jetzt rein", sagt Xen nach einer halben Stunde ungeduldig. Er drückt die Zigarette aus, lässt sein Bier stehen und verschwindet im Studio in einer schalldichten Aufnahmekabine. Man sieht ihn hinter der Glasscheibe stehen, die Kopfhörer überstreifen und die Augen schließen.

Man hört nichts. Aber man spürt die Energie.

V. A.: Physical Shock Sampler Vol. 1. Physical Shock, 2017; Xen: Ich Gäge Mich. Physical Shock, 2015