DIE ZEIT: Seit den neunziger Jahren sollen sich fünf deutsche Autohersteller heimlich über alles Mögliche abgesprochen haben: von technischen Details des Cabrio-Dachs bis zur Größe des Tanks. Herr Haucap, Sie haben schon viele Kartellfälle verfolgt. Wie dramatisch ist dieser?

Justus Haucap: Noch weiß man ja nicht alles. Aber sollte das Kartell tatsächlich seit 20 Jahren laufen, dann ist das sehr lange. Zudem haben sich die Hersteller den Berichten zufolge ja nicht nur über Standards verständigt, das wäre nicht ganz so dramatisch. Sollten sie auch Preise abgesprochen haben, die sie Zulieferern zahlen, wie jetzt berichtet wird, dann wird das teuer für alle Betroffenen.

ZEIT: Wie hoch könnten die Bußgelder sein?

Haucap: Beim Lkw-Kartell, das 2011 aufflog, ist europaweit ein Bußgeld von drei Milliarden verhängt worden. Dieser Fall könnte sich in ähnlichen Dimensionen bewegen. Es würde mich nicht überraschen, wenn das Bußgeld sogar noch höher wäre. Sollten Preisabsprachen aber keine Rolle gespielt haben, dann wird es deutlich geringer ausfallen.

ZEIT: Müssen die rund 200 Mitarbeiter, die in den 60 Arbeitskreisen zu Themen wie Fahrwerk oder Elektronik mitgearbeitet haben, Konsequenzen fürchten?

Haucap: Das hängt davon ab, ob sie nur Kofferträger waren oder Anstifter. Je nach Schwere der Tat sind Hunderttausende Euro an Strafzahlungen möglich, wohlgemerkt für eine Einzelperson.

ZEIT: Dem Kartellamt soll die Selbstanzeige von VW schon seit Juli 2016 vorliegen, Daimler soll sich noch früher gemeldet haben. Wie kann es sein, dass die Absprachen erst jetzt ans Licht kommen?

Haucap: Das Kartellamt macht Kronzeugenanträge eigentlich nie sofort öffentlich. Wenn die Mitkartellanten sofort über den Antrag informiert würden, bestünde die Gefahr, dass sie Beweise verschwinden lassen würden.

ZEIT: Wer sind die Geschädigten des Kartells?

Haucap: Das scheinen vor allem die Zulieferer zu sein. Sollten Preise für Bau- und Ersatzteile abgesprochen worden sein, dann sicherlich zu dem Zweck, die Preise zu drücken. Das sind also entgangene Gewinnmöglichkeiten für die Zulieferer.