Es ist kurz vor sechs Uhr abends, auf dem Schreibtisch von Bhairavi Desai liegt ein angebissenes Stück Pizza, der Eistee daneben ist warm geworden: die Reste ihres Mittagessens. Es war ein voller Tag. Desai ist 44 Jahre alt. Fast die Hälfte ihres Lebens hat sie damit verbracht, für die Rechte von Menschen einzutreten, die andere Menschen durch die Gegend fahren. Vor 20 Jahren hat sie die New York Taxi Workers Alliance mitgegründet, die größte Taxifahrer-Gewerkschaft New Yorks. Heute ist sie deren Chefin. 19.000 Fahrer der typischen dottergelben Taxis sind Mitglied der Gewerkschaft, 99 Prozent sind Männer. Desai, die Frau, die für sie eintritt, saß selbst noch nie hinter dem Steuer eines Taxis. "Ich habe nicht mal einen Führerschein", sagt sie und muss lachen. Sie ist eine zierliche Frau mit blauer Strickjacke und sanfter Stimme. Und sie ist die Gegnerin eines der mächtigsten und aggressivsten Technologiekonzerne des Silicon Valley: Uber.

Der Uber-Gründer trat an gegen "ein Arschloch namens Taxi"

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnte Desai nur verlieren. Uber, der Anbieter jener App, mit der sich innerhalb von Sekunden ein günstiger Fahrer herbeirufen lässt, wirbt damit, seit der Gründung 2009 schon fünf Milliarden Fahrten vermittelt zu haben, auf sechs Kontinenten, in 76 Ländern und 450 Städten. Von privaten Anlegern wird Uber mit 60 Milliarden Dollar bewertet, Hunderte Lobbyisten und Anwälte vertreten den Konzern. Die Gewerkschaft von Bhairavi Desai hat außer ihr selbst nur sechs weitere Vollzeitkräfte, drei Taxifahrer helfen nebenher aus, einer davon ist Desais Ehemann, ein Einwanderer aus Ecuador, die beiden haben sich bei der Gewerkschaft kennengelernt.

Ihr Büro liegt in einem alten Fabrikgebäude in Queens, in einer der noch verbliebenen Arbeitergegenden New Yorks, wo viele Fahrer wohnen und die Garagen und Taxizentralen stehen. Die U-Bahn wird hier zur Hochbahn und rumpelt direkt an den Fenstern vorbei, in der Ferne verschwimmen New Yorks Wolkenkratzer. Auf alten Sofas sitzen Fahrer, füllen Formulare aus, telefonieren. Flugblätter der Stadtverwaltung warnen davor, mehr als zehn Stunden pro Schicht und 60 Stunden pro Woche zu fahren. Die Behörden haben strengere Regeln eingeführt, nachdem 2015 ein Taxifahrer, der 16 Stunden hinter dem Steuer gesessen hatte, in einen tödlichen Unfall verwickelt war.

Die New Yorker Taxifahrer sagen, seit dem Start von Uber sei der Druck gestiegen, viele von ihnen sähen sich gezwungen, längere Schichten zu fahren, um mit der neuen Konkurrenz mitzuhalten.

In Büro von Bhairavi Desai hängt ein Poster, das den Wall-Street-Bullen zeigt, das Symbol des US-Kapitalismus, gefesselt mit Stricken. In Desais Augen ist auch Uber ein Ungetüm, das gebändigt werden muss, die radikale Vorhut einer ganzen Schar von Unternehmen, die satte Profite einstreichen und die Risiken auf ihre Arbeiter abwälzen. Ubers Geschäftsmodell beruhe darauf, Vollzeitstellen in Gelegenheitsjobs umzuwandeln, sagt Desai, "mit einer Bezahlung unter Mindestlohn-Niveau und ohne jeglichen Arbeitnehmerschutz". Anfangs vertrat Desais Organisation nur die Gelben, die klassischen New Yorker Taxifahrer. Heute nimmt sie auch Uber-Fahrer auf.

Der Uber-Gründer Travis Kalanick hat nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen die etablierte Konkurrenz gemacht. Der Gegner, den es zu besiegen gelte, sei "ein Arschloch namens Taxi", sagte er mal in einem Interview. Er ist Fan von Ayn Rand, jener libertären Philosophin, die den Unternehmer als Helden des Kapitalismus feierte, der danach strebt, die Fesseln der Regulierung zu sprengen. Kalanick musste im Juni nach etlichen Skandalen als Uber-Chef zurücktreten, heute sitzt er im Aufsichtsrat.

Uber selbst hat in den vergangenen Monaten die Regulierung durch den Staat nicht gesprengt, sondern immer wieder zu spüren bekommen – vor Gericht. Dort hat unter anderem die New York Taxi Workers Alliance gegen Uber geklagt, die Gewerkschaft von Bhairavi Desai. Sie warf Uber vor, Geld einzustreichen, das eigentlich den Fahren zugestanden hätte. Im Mai räumte Uber ein, tatsächlich zu Unrecht Millionen Dollar an Gebühren einbehalten zu haben. Noch bedeutender ist ein Prozess, in dem ehemalige Uber-Fahrer erfolgreich auf Arbeitslosenunterstützung klagten, nachdem Uber ihre Verträge gekündigt hatte. Uber bezeichnet das Verfahren als unfair, weil außer den Klägern keine weiteren Fahrer als Zeugen vernommen worden seien. Das Unternehmen will nun in Berufung gehen.