Seit vielen Jahren ist Deutschland nun schon verdächtig erfolgreich. Fast alle anderen westlichen Staaten gerieten in ökonomische Krisen, nur hier kamen sie – bisher – partout nicht an. Und dann gilt das Land auch noch als ökologischer Vorreiter, deutsches Wachstum ist ethisch wertvoll, man exportiert nicht bloß Maschinen, sondern auch noch Moral. Hurra.

Diese Bestandsaufnahme wirft allerdings heimlich bange Fragen auf: Kann es auf Dauer sein, dass die großen deutschen Unternehmen vom eigenen Erfolg nicht verwöhnt sind? Ist es möglich, dass man dermaßen schwere und PS-starke Autos baut und exportiert und alles dennoch umweltgerecht bleibt? Spricht irgendetwas dafür, dass sich die regierende Politik – zumal wenn sie in großer Koalition vor sich hin mehrheitet – von so viel Erfolg nie blenden lässt und die deutsche Industrie immerzu und unermüdlich unter heilsamen Druck setzt?

Spätestens mit der Ausweitung des deutschen Dieselskandals wurde offensichtlich, wie die Antworten lauten: nein, nein und nochmals nein! Die deutsche Autoindustrie ist selbstgefällig geworden, das Land ist weit weniger ökologisch, als es glaubt, und die Bundesregierungen der letzten Zeit mit Angela Merkel an der Spitze haben viel zu wenig getan, um daran etwas zu ändern.

Eine weitere, für das Schicksal der Republik wesentliche Frage beantwortet sich nun ebenfalls wie von selbst: Welche Folgen hat es eigentlich für Deutschland, dass die Grünen seit zwölf Jahren im Bund nicht mitregieren? Ganz einfach: Es ist ein mittleres ökonomisches und ökologisches Desaster.

Betrügen, vertuschen, verschweigen – und die Politik schaut weg

Der Dieselskandal bringt es auf den Punkt. Weil die Autoflotten von BMW, Mercedes, VW, Audi und Porsche schwer sind und stark motorisiert, stehen die Hersteller seit Jahren durch die CO₂-Normen der EU unter gewaltigem Druck. Anstatt nun aber rechtzeitig auf Elektro- und Hybridmodelle umzusteigen und die Zusammensetzung der Flotten umweltverträglicher und menschengerechter zu gestalten, gingen die Konzerne mit voller Kraft in die Diesel-Produktion und -Propaganda.

Tatsächlich stoßen Dieselmotoren weniger Kohlendioxid aus, dafür allerdings mehr Stickoxide und Feinstaub, was wiederum gegen andere Vorschriften verstößt und vor allem gegen den Anspruch der Bürgerinnen und Bürger auf Gesundheit. Der Ausweg aus diesem Dilemma hieß für die Autofirmen offensichtlich: Betrug und Kartell, Vertuschen und Verschweigen. Und die Politik hat den kurzsichtigen Interessen der Konzerne gedient und bei deren Machenschaften weggeschaut. Zusammen haben sie sich eingesponnen in eine Scheinwelt aus verfälschenden Messungen und gedopten Autos.

Der Schaden ist gigantisch. Der Diesel ist tot, viele Millionen schon produzierter Fahrzeuge sind entwertet, Entwicklungsgelder wurden verschwendet; jetzt muss mit Milliardenaufwand nachgerüstet werden, und auch dann müssen sich die Fahrer als Umweltfrevler fühlen. Diesel wird künftig in etwa so populär sein wie frittierte Innereien. Der Imageschaden für die wichtigste deutsche Industrie ist geeignet, die ganze Marke Germany in Mitleidenschaft zu ziehen.

Nicht zuletzt: All die Entscheidungen und Unterlassungen, die Deutschland in diese Krise geführt haben, wurden begründet mit dem Arbeitsplatz-Argument. Doch was jetzt am meisten gefährdet ist, das sind: Arbeitsplätze.

Wer nach den politischen Ursachen für diese Fehlentwicklung sucht, der landet schnell bei einem Zitat des ehemaligen FDP-Vorsitzenden und damaligen Außenministers Guido Westerwelle aus dem Jahre 2013: "Wir verstehen uns ausdrücklich als Dienstleister der deutschen Unternehmen." Genau! Nicht etwa als Korrektiv, als Antreiber, als Counterpart, als Supervisor. Nein: Dienstleister. Seinerzeit bedankte sich der VW-Chef Martin Winterkorn, mittlerweile selbst vom VW-Skandal verschlungen, für die "vielfältige Unterstützung" seitens der schwarz-gelben Koalition.

Die stets wirtschaftsdienerische FDP steht mit ihrem Regierungsverständnis keineswegs allein. Die SPD zum Beispiel ist eng verwoben mit VW, von den automobilindustriellen Verstrickungen der Union ganz zu schweigen. Und die Bundesländer Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg sind zu schwach, um ihren jeweiligen Konzernen entgegenzutreten, selbst wo sie von Grünen mitregiert werden. Sogar der viel gelobte Winfried Kretschmann wurde darüber zur Geisel der Auto-Lobby.