Starke Gefühle, die sich mit Wucht entladen – vielleicht muss das so sein, kurz vor den großen Ferien, so wie die Hitzegewitter, die sich sommerlich entladen. Am 30. Juni beschließt das Parlament in Berlin die "Ehe für alle", und die Protestanten sind so überhaupt nicht verkopft und abwägend, wie es das Vorurteil will. Kaum ein "Ja, aber" ist öffentlich zu vernehmen. Führende Protestanten zeigten sich emotional, sie begrüßten die politische Entscheidung in sozialen und anderen Netzwerken und hielten sogar Bibeln mit Regenbogeneinband in die Luft. Manch einer tat so, als habe der Staat nach langem Zaudern und vielen Bedenken im Rechtsausschuss des Bundestages endlich eine göttliche Weisung befolgt. Andere kippten auf die düstere Seite der Gefühlsskala und wüteten, das sündige Babylon feiere fröhliche Auferstehung. Für diese beginnt die Zeit der Gottlosigkeit. Dann fuhren sie alle in die Sommerfrische. Die "Ja, aber"- oder "Nein, aber"-Protestanten jedoch nahmen das Unbehagen mit.

Was viele Christinnen und Christen in den Gemeinden irritiert, ist nicht nur die Geschwindigkeit, in der die evangelischen Kirchen ihre Haltung zu Ehefragen in den letzten Jahren verändert haben. Es ist die Konfrontation mit dem Umstand, dass es so etwas wie die Normativität des Normalen nicht mehr zu geben hat. Wer vorsichtige Vorbehalte gegen eine grundlegende Neubestimmung des Begriffs der Ehe äußert, hat ein Problem. Ja, "Normalität" sei das Problem, eine von Grund auf falsche Orientierung. Mit trivialen Restbeständen kulturtheoretischer Lektüren wird ihnen versichert, dass Normalität nur eine Form retuschierter Vorurteile sei, die Christen sich endlich eingestehen müssten.

Wer schärfer fragt, gilt als homophob oder, etwas unbestimmter formuliert, als rückwärtsgewandt, in jedem Falle als die eigentliche Randgruppe, die die gesellschaftliche Fortentwicklung behindert und die Kirche zu einer kleinkarierten Nische verkommen lässt. Viele, die jetzt fast schamvoll leise Fragen stellen, haben weder ein Problem mit Homosexuellen noch mit gleichgeschlechtlichen Paaren im Freundes-, Familien- oder Kirchenkreis. Es geht ihnen vielmehr um etwas, was der Kirche unbedingt abverlangt wird: eigenständige theologische Nachdenklichkeit. Es geht ihnen um mehr Klarheit in der Unterscheidbarkeit zwischen staatlichen und christlichen Eheverständnissen. Sie betonen, dass das kirchliche Trauverständnis nicht zur Disposition des staatlichen Gesetzgebers steht und Agenden nicht über Presseerklärungen leitender Geistlicher verändert werden.

Sie vermissen die innere Unabhängigkeit ihrer Kirche in Fragen der rituellen Praxis, vor allem aber in der theologischen Reflexion dieser Praxis. Viel ist in den letzten Jahren gestritten worden um Sexualität und Familienbegriffe. Dabei ist die ethische Reflexion im Grunde bei den Minima Theologica stehen geblieben, die als eine Art Verantwortungsethik für soziale Nahbeziehungen zusammengefasst ist. Eine theologische Reflexion der Ehe als ausgezeichneter Lebensform gibt es kaum, vielmehr wird auf Podien und in Publikationen immer wieder Luthers Halbsatz von der Ehe als "weltlich Ding" zitiert, als sei man damit argumentativ aus dem Schneider.

Die Ehe ist in evangelischer Perspektive kein Sakrament. Dass die Ehe für den Reformator allerdings ein "heiliger Stand" war, wird gerne unterschlagen. Dabei müsste genau hier das öffentliche evangelische Nachdenken über die Ehe beginnen, wenn sie als ausgezeichnete Lebensform kenntlich bleiben soll. Immer wieder wird die Begeisterung für die "Ehe für alle" mit dem Hinweis unterstrichen, diese Entscheidung stärke die Ehe als Lebensform. Was aber macht die Ehe zu einer "heiligen Angelegenheit"? Die reformatorische Theologie hat hier einschlägige Hinweise gegeben, denen nachzugehen wäre. Zunächst: Wie Paare leben, nicht dass sie miteinander leben, macht ihre Partnerschaft zu einer Ehe vor Gott und so zu einem heiligen Stand.

Diese Pointe des evangelischen Eheverständnisses verdient mehr Aufmerksamkeit. Hier geht es um anderes als um einklagbare Rechte, einen Trausegen vor dem Altar und eine Trauurkunde. Die christliche Ehe ist eine Art geistliche Kunst der Lebensführung. Diese Kunst denkt nicht daran, das Zusammenleben unter ständiger Gewissensprüfung möglichst moralisch einwandfrei zu gestalten oder in einer Art Beziehungsperfektionismus in vorzüglicher Weise verheiratet zu sein. Vielmehr geht es um eine vitalisierende Perspektive auf die Partnerschaft. Diese Perspektive gibt sich nicht mit einer narzisstischen Sicht auf eigene Bedürfnisse, Ansprüche, Interessen und Rechte auf den Partner und die Partnerschaft zufrieden. Es geht hier überhaupt wenig um Ansprüche. Vielmehr um Respekt, um Achtung, um Erstaunen, dass es zu so etwas wie tiefem wechselseitigem Vertrauen kommen kann. Es geht um ein anderes Verständnis souveräner Lebensführung, einer Lebensführung, die diesen Namen verdient, weil das Leben elementar vom Partner, von Kindern und von Gott mit geführt wird. Das Eheleben geht nicht in der nackten Tatsache der Teilung von Tisch und Bett auf – christlich gesehen. Es lebt, wie Martin Luther einmal eingeschärft hat, von der Erkenntnis, in keinem Augenblick des Lebens einen Partner einfach zu haben, sondern seinen Partner täglich zu finden, in der fortwährenden Arbeit am Vertrauen, dem Interesse an Fürsorge, an Versöhnung, um nur einige Kriterien zu nennen, die für ein ebenso zeitgemäßes wie sachgemäßes christliches Eheverständnis zusammengetragen werden müssen.

Zu diesen Kriterien wird eine Deutung der Ehe als einer monogamen Partnerschaft zählen. Es gilt zu entfalten, worin die hohe Gabe der Konzentration auf ein partnerschaftliches Gegenüber liegt. Wieso ist diese Konzentration eine Gnade, ein Segen? Was bedeutet es denn, im Partner ein von Gott anvertrautes Gegenüber zu erkennen, zu dem ich gerade auch dann kommen kann, wenn ich in meinem Leben anderen, mir selbst oder auch dem Partner etwas schuldig geblieben bin?

Diskriminierung und Kinderwunsch

Mit Sicherheit ist auch die innerprotestantische Auseinandersetzung um die Schöpfungsperspektive der Ehe nicht schon deshalb erledigt, weil das Parlament eine Entscheidung getroffen hat. Ist eine Ehe deshalb eine Ehe, weil sie potenziell auf die Sorge um Kinder angelegt ist? Wie kann das – ohne frivol zu werden – im Angesicht von Paaren gesagt werden, deren Kinderwunsch tragisch unerfüllt bleibt? Und was heißt das – jenseits naturrechtlicher Erwägungen angesichts von Adoptionsrecht und der biologischen Tatsache, dass bis auf Weiteres nur die in einem Mutterleib ausgetragene, von einer männlichen Samenzelle befruchtete Eizelle zu einem Kind heranreifen kann? Wie kommt hier die Frage der Unterscheidung von Partnerschaften und das Risiko einer Diskriminierung in den Blick? Wie muss hier stärker dafür sensibilisiert werden, dass eine allgemeine rechtliche und gesetzliche Festlegung keineswegs schon für Verhältnisse sorgt, die Menschen gerecht werden?

Mit Rechtsreformen verbinden sich nicht selten ethische Pyrrhussiege. Welche Folgen haben Adoptionsvisionen und -ansprüche von Paaren auf den Umstand, dass sich das Elternwohl am Wohl der Kinder zu orientieren hat und niemals umgekehrt? Sind Lebenskonstellationen denkbar, in denen Ansprüche von Erwachsenen diskriminiert werden müssen, um zu verhindern, dass Lebensbiografien von Kindern zu Diskriminierungsbiografien werden? Orientiert sich die evangelische Kirche in ihrer seelsorgerlichen Begleitung und Traupraxis ernsthaft genug an diesen Fragen?

Schließlich sind Provokationen nicht zu scheuen. Nach reformatorischer Auffassung hat eine Partnerschaft erst dann das Zeug zu einer christlichen Ehe, wenn beide Partner zu der Gewissheit gelangen können: Das gefällt Gott! Wer wagt heute noch, so zu fragen? Welche aufklärerische Kraft liegt in dieser Frage, angelegt an das Eheleben? Und wie lässt sich diese Frage mit der nötigen Sensibilität für die Wechselfälle auch eines Ehelebens sinnvoll stellen?

Es wäre viel gewonnen, wenn Satzanfänge "Nach christlicher Auffassung kann die Ehe nur …" aus der entsprechenden Klärungsarbeit verschwinden würden. Das muss aus Respekt vor Gott und vor in dieser Frage anders Denkenden und anders Empfindenden gesagt werden. Schon der karge Hinweis genügt, dass eine evangelische, der Heiligen Schrift verpflichtete Kirche mit dem Umstand umzugehen hat, dass sich Jesus von Nazareth zur Ehe kaum und zur Ehescheidung gelegentlich, dann aber vehement zu Wort gemeldet hat.

Jesus hat nicht die Ehe als Institution eingesetzt. Er hat auch keinen Eheritus gestiftet. Auch sei vor einer allzu heiteren Berufung auf das scheinbar toleranzträchtige Motiv von der Ehe als Bund gewarnt. Das Bundesmotiv scheint ja zunächst modern und nicht so fertilitätsversessen zu sein – scheint die christlich verstandene Ehe auch für Menschen zu öffnen, die in diese Welt keine Kinder setzen wollen oder keinen Kinderwunsch hegen, weil es eben nur auf den Bund zwischen zwei Menschen ankomme. Allerdings wirft das Bundesmotiv emanzipatorisch schwierige Folgefragen auf. Denn in den biblischen Bundesschlüssen hatte Gott das Sagen. Das ist für eine gleichberechtigte Partnerschaft nicht gerade analogieträchtig; ganz abgesehen davon, dass Bundesschlüsse bereits im Alten Testament regelmäßig mit beträchtlichen Vermehrungsansagen einhergingen. Der Bund Gottes mit Abraham etwa war kein Zweier-Abkommen zwischen Gott und einem biblischen Stammvater. Abraham wurden Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel verheißen.

Die anstehende theologische Reflexion muss am Ende nicht nur Antworten geben. Sie darf auch Fragen stellen, die offen bleiben und die deshalb konsequent evangelisch gedacht Gewissensfragen bleiben müssen.

Unter diesen offenen Fragen werden auch solche sein, die in ökumenischer Perspektive mit dem entsprechenden Ernst verhandelt werden müssen. Es ist noch nicht lange her, da wurde im März 2017 in Hildesheim mit großer Geste festlich versichert, evangelische und katholische Kirche in Deutschland würden fortan in ethischen Fragen um gemeinsame Positionen ringen. Auf dieses Versprechen ist zurückzukommen. Denn diesem Ansinnen vertiefter Ökumene sollten auch in gesellschaftlichen Fragen Taten folgen. Dann bestehen gute Chancen, dass an die Stelle von Hitzegewittern nun nicht gleich der theologische blaue Himmel auf Erden, aber in jedem Falle klarere Sichtverhältnisse in Sachen Ehe treten.