Der Süden stand einst für Helles und Weizen; der Norden, das war Pils. Das ist vorbei. Als wir kürzlich die Hamburger Brauereien fragten, was für Sommerbiere sie im Sortiment haben und welche neuen Biere sie in diesem Jahr an den Verkaufsstart schicken, da bekamen wir exotische, mitunter höchst blumige Erzählungen zu hören. Darin ging es um "angenehme Süße", "Hibiskusblüten" und "fein balancierte Rotweinnoten". Von fröhlich beigemischten Salzen, Gurken, Vanilleschoten und Orangenschalen war die Rede. Querbeet geht es auch längst bei den Grundsubstanzen zu: Statt sich auf Weizen- und Gerstenmalz respektive deren Varianten Karamell-, Sauer-, Tennen- oder Schokoladenmalz zu beschränken, kommen vermehrt Hafer, Mais und Dinkel mit in den Tank.

Sogar wenn ein moderner hanseatischer Brauer heute sein Pils beschreibt, lässt er vor dem inneren Auge des Zuhörers einen Paradiesgarten wuchern. Was dem traditionellen Bittertrunk Konkurrenz macht, quillt dank offensiver Hopfensorten vor Frucht- und Kräuteraromen über. So erinnert ein zeitgenössisches Pils an das Harz von Kiefern, an Litschi, Maracuja, Waldfrüchte oder Stachelbeeren.

In den siebziger Jahren startete die Craft-Beer-Bewegung in den USA. In Hamburg bildet sie längst eine etablierte Szene. Die Vorstellung jedoch, Biervielfalt habe es hierzulande nie gegeben (und ohne die Amerikaner schon gar nicht), ist falsch. Die Langeweile im norddeutschen Bierglas war nur eine traurige Zwischenphase. Im 14. Jahrhundert dampften im "Brauhaus der Hanse" mehr als 500 Kleinstbrauereien; in der Altstadt wurde Hopfen angebaut. Und den Trend zum Konzentrat namens IPA erlebte Hamburg schon einmal: Vor einem Jahrhundert produzierte die Stadt massenweise India Pale Ale für den Weltmarkt.

Um uns in der neuen Vielfalt zu orientieren, haben wir 32 Biere getestet. Dabei zeigte sich, dass die einheimischen Brauer geschickt an fast in Vergessenheit geratenen Bierstilen (wie Gose oder Saison) herumtüfteln. Sie kombinieren Alt und Neu. Und sie haben sich von der Experimentierfreudigkeit der hefeversessenen Belgier anstecken lassen. Auf der linken Hälfte dieser Seite stellen wir sieben großartige Sommerbiere vor. Auch die Kaltgetränke auf der rechten Hälfte eignen sich für warme Tage und lange Nächte. Es handelt sich um sieben Neuheiten, die nach Ansicht der zehnköpfigen ZEIT- Jury den Kreativen in den Sudhäusern der Stadt besonders gut gelungen sind.

White IPA

Mr. K/Buddelship

Die exotische Kombination aus hopfenreichem IPA und belgischem Witbier mit offensiver Hefe sorgt für Verwirrung und Begeisterung. Das Bier startet bitter, leicht säuerlich und verwandelt sich dann in Tropenfruchtsalat. Brauer Simon Siemsglüss hat ein komplexes Paket geschnürt, aus Gerste, Hafer, Dinkel. Den Duft charakterisiert ein Jurymitglied als "parfümierte ältere Dame". Trotz Opulenz gerät die Dame namens Mr. K nicht außer Rand und Band, sondern hat das Zeug zur Stilikone.

Belgisches Saison

Tutti Frutti Gurke/Hopper

Das Saison-Bier (oder Farmhouse Ale) ist ein traditioneller belgischer Stil. Die Wallonen brauten es in der kalten Jahreszeit, wenn die Farmarbeiter – die "Saisonniers" – ansonsten nichts zu tun hatten. Typisch belgisch ist auch, was Hopper Bräu macht: saisonale Feldfrüchte beimischen. Die Variante mit Gurke ist unschlagbar frisch. Als ein besonders sensibler Gaumen einen Hauch Banane erahnt, tauft die Jury diesen waghalsigen Sommertrunk spontan um: Zonen-Gaby-Bier.

Session Beer

Rasenmäher/Ratsherrn

Der Name hilft auf die Sprünge: Die Bezeichnung Rasenmäher bringt auch ungeübten Verkostern die Idee hinter diesem Bier nahe. Das frische, mit drei Prozent Alkohol sehr schlanke Erzeugnis lässt einen an frisch geschnittenes Grün und Gartenarbeit denken. Das Bier ist kalt gehopft, das würzige Kraut wurde nicht mitgekocht – so gibt der Hopfen wenig Bitterstoffe ab. Stattdessen gelangen Aromen in den Sud. Session-Biere stehen für Süffigkeit und Leichtigkeit – trinkbar eine "Session" lang. Ihr Charakter sollte trotz tiefer Umdrehungszahlen zur Geltung kommen.

Gose

Skagen Sanddorn/Kehrwieder

Trendgesöff Sauerbier, wer hätte das gedacht? Seit 2015 gibt es sogar den International Happy Gose Day, immer am 17. November. Wie Berliner Weiße oder belgische Lambics steht auch Gose immer häufiger auf deutschen Biertischen. Milchsäurebakterien bilden den Charakter dieses wiederentdeckten Stils. Zu der speziellen, fruchtigen Variante in unserem Test gibt es eine Geschichte: Skagen ist der Ort, wo Nord- und Ostsee ineinander verfließen. Im Bier besorgen Zutaten diese maritime Vereinigung: Sanddorn aus dem Osten, Würze von der Sylter Meersalzmanufaktur.

Session IPA

Boulevard/Von Freude

Meist bedeutet IPA stark und bitter. Damit die ursprünglichen India Pale Ales den Schiffsweg in die englischen Kolonien überstanden, wurden sie mit den Konservierungsmitteln Alkohol und Hopfen vollgestopft. Dies aber ist ein Session-IPA. Es kommt deshalb tänzelnd leicht daher – ein typisches Sommerbier, mit Zitrusfrüchte-Drive aus den Aromahopfen. Der niedrige Alkoholgehalt von 4,3 Prozent sorgt dafür, dass die Frische deutlich überwiegt. Besonders die Frauen in der Jury waren hingerissen von diesem fröhlichen Kaltgetränk.

Chocolate Stout

Nightfall/Ratsherrn

Puristen, die das Reinheitsgebot hochhalten wie ein Glaubensbekenntnis, müssen jetzt tapfer sein. Dieses Chocolate Stout entspricht nicht ihrem Dogma. Obwohl man Schokoladennoten mithilfe gerösteter Malze ins Bier kriegen könnte, wurde hier tief in die Aromaschatulle gegriffen: Kakaosplitter und Vanilleschoten stehen auf der Zutatenliste. Vorteil: intensiver Geschmack ohne den Sättigungseffekt irischer Dickflüssigkeiten. Dieses Stout ist alkoholarm (4,8 Prozent) und dank wässrigem Abgang ein gelungenes Sommerabendbier.

Lagerbier

Schlankes/Wildwuchs

Lager (das teils Export und im Süden Helles heißt) unterscheidet sich vom Pils normalerweise in der Hopfenmenge, dadurch ist es weniger bitter. Was macht ein radikaler hochtalentierter Braumeister wie Fiete Matthies aus dem Stil? Ein spektakulär erquickendes Bier, das eine erstaunliche Körperfülle aufweist, weil Matthies dem Gerstenmalz eine Handvoll Mais unterjubelt. Aber ausgerechnet besonders lagerfähig ist dieses Lager nicht: Weil die Brauerei ihre Produkte nicht filtert, sind sie weniger lange haltbar als Industrieware.

Imperial IPA

Bollywood/Von Freude

Der Name erinnert an die schwüle Schmierigkeit der indischen Filmkunst, er passt zu diesem Bier. Wem die Konzentrate namens India Pale Ale nicht stark genug sind, der greife zum Imperial IPA. Das Rezept: noch mehr Malz, noch mehr Alkohol, noch mehr Hopfen. Der Brooklyner Bierautor Joshua M. Bernstein charakterisierte diesen Bierstil aus der Muckibude einst als "IPA on steroids". Als kalt gehopfte Variante erreicht der gedopte Trunk trotz acht Umdrehungen eine gewisse Spritzigkeit. Danach ist der Tag allerdings vorbei.

Lagerbier

Prototyp/Kehrwieder

Bevor Oliver Wesseloh eine Halle für ein Sudhaus gefunden hatte, legte er als Kuckucksbrauer los. Bei einem Freund in Dänemark entstand der Prototyp: das erste kalt gehopfte Lagerbier Deutschlands, seit 2013 mehrfach preisgekrönt. Vier Hopfensorten sind drin, Züchtungen aus England, Deutschland, Tschechien und den USA. "Für Freunde des gepflegten Ostbieres", sagte einer in der Jury, den der Saazer Hopfen an tschechische Braukunst erinnerte. Andern fiel die Fruchtigkeit auf oder die Hopfenwucht ohne Bitterkeit.

Single Hop IPA

Shipa Simcoe/Kehrwieder

Wenn es schon 200 Hopfensorten gibt, die Aromen von Litschi, Pflaume, Anis, Kamille oder Ingwer ins Bier zaubern – dann sollte man etwas Verrücktes wagen: alle ausprobieren! Dies dachte sich Kreativbrauer Oliver Wesseloh. Seit 2013 fabriziert er die Shipa-Serie – voraussichtliches Ende etwa 2080. Jedes IPA ist mit einer Hopfensorte gewürzt und ansonsten identisch. Die Variante mit Simcoe (schmeckt nach Maracuja und Pinienharz) ist besonders gut gelungen: "Klare Kante", argumentierte die Jury.

Weizenbier

Wunder Weizen/Von Freude

Die Von-Freude-Macher treffen den urbanen Jugendstil perfekt. Sie würzen die urdeutsche Sättigungsbeilage Weizenbier mit der US-Craft-Beer-Ingredienz schlechthin: Aromahopfen. Bescheidenheit schmeckt anders. Damit erfüllt das Resultat die Ansprüche, die so groß sind wie das Selbstbewusstsein der Gründer: Nicht lange ist es her, da entwickelten sie am heimischen Herd erstmals eine Rezeptur – "seitdem haben wir die Craft-Beer-Revolution in Deutschland vorangetrieben".

Starkbier

Barley Wine/Wildwuchs

Diese Bier-Variante heißt Wine, weil der Alkoholgehalt sich in den Sphären des Weins bewegt – 8,3 Prozent in diesem Fall, bis 14 sind möglich. Brauer Fiete Matthies nahm den Namen wörtlich, kollaborierte mit Winzern, ließ Rotwein-Hefen die Vergärung übernehmen und verschrieb dem Resultat sechs Monate Urlaub in einem Barriquefass, das zuvor Spätburgunder hatte reifen lassen. Kein Wunder, generiert der Magen Gelüste, die man vom Rotweintrinken kennt: auf Brasato al Barolo, Lammragout, Blauschimmelkäse, Bündnerfleisch.

Schankbier

Deichbrise/Buddelship

Die ZEIT-Verkoster schauten sich fragend an: Was zum Teufel ist Schankbier? Paragraf 3, Absatz 1 der Bierverordnung verrät: Sind bloß sieben bis elf Prozent Stammwürze im Getränk, darf der Stoff "nur unter der Bezeichnung ›Schankbier‹ gewerbsmäßig in den Verkehr gebracht werden". Weniger Inhaltsstoffe bedeuten am Ende weniger Steuern auf dem Bier, weniger Alkohol im Bier (höchstens 4,4 Prozent). Dieses Schankbier ist dennoch bitter. Und vollmundig, dank Weizenmalzanteil. Die frische Brise besorgen fruchtige Hopfennoten.

American Pale Ale

Medea/Shanghait

Die Novizen von Shanghait überzeugen mit einem Pale Ale, dessen Fruchtigkeit an Belgien erinnert. Was aber bedeutet der Firmenname? Schanghaien ist ein Verb der Seemannssprache und bezeichnet die gewaltsame Rekrutierung von Seeleuten – eine bis ins 19. Jahrhundert auch in Hamburg beliebte Methode. Auf der selbst gemachten Etikette spielen die Hobbybrauer darauf an: "Das Letzte, woran er sich erinnerte, war jenes Bier ... auf einem Schiff wachte er auf." Und wer war noch mal Medea? Eine Mörderin der griechischen Mythologie.