Die Rheinbrücke bei Leverkusen ist zu einem Symbol geworden für alles, was in Deutschland derzeit wirtschaftspolitisch falsch läuft. Schwere Lastwagen dürfen die sechsspurige Autobahnüberführung nicht mehr passieren, weil sich in der Stahlkonstruktion Risse gebildet haben. Das Bauwerk wurde über Jahrzehnte hinweg nicht ausreichend gewartet, jetzt ist es durch und durch marode.

So wie das ganze Land – zumindest legt das die Nachrichtenlage nahe. In Berlin fehlen so viele Lehrer, dass Stadtführer zu Grundschulpädagogen umgeschult werden. In vielen ländlichen Gebieten gibt es kein schnelles Internet. Und laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sollten im Jahr knapp 100 Milliarden Euro mehr für Investitionen ausgegeben werden.

Das Thema bestimmt inzwischen auch den Bundestagswahlkampf. Die FDP will mehr fürs Digitale ausgeben, die Grünen für die Ökologie, die Union für die Infrastruktur, die Linke für die Gerechtigkeit, und die SPD schlägt in ihrem Wahlprogramm sogar eine staatliche Investitionspflicht vor. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass der Staat auch wirklich genug Geld unter die Leute bringt.

Aber gibt es in Deutschland überhaupt eine Investitionslücke? Oder ist die Politik derzeit einfach nur froh, dass sie kurz vor der Wahl neue Straßen und Schulen versprechen kann? In vielen Gegenden sind die ja in einem passablen Zustand, verglichen etwa mit den USA. Und falls es die Investitionslücke gibt: Ist sie wirklich so groß, wie es manche Studien suggerieren? Welche Investition ist also ökonomisch geboten und welche nur politisch erwünscht?

Die Antworten auf diese Fragen zu finden ist höllisch kompliziert. Denn dazu müsste man im Idealfall alle öffentlichen Einrichtungen inspizieren und festhalten, inwieweit ihr Ist-Zustand von einem vorher festgelegten Soll-Zustand abweicht. Das ist erstens zu aufwändig. Und zweitens gibt es kein objektives Kriterium für die ideale Ausstattung eines Landes mit Schulen und Straßenkilometern. Das gilt umso mehr, wenn auch private Investitionen in die Rechnung einbezogen werden, wie es etwa das DIW tut. Denn ob ein Unternehmen zu viel oder zu wenig investiert, lässt sich noch schwerer ermitteln.

Schon bei der Frage, was eine Investition überhaupt ist, wird es schwierig. Statistisch betrachtet, handelt es sich dabei um eine "Anlage, die erworben wird, um sie länger als ein Jahr im Produktionsprozess einzusetzen". Dazu zählen zum Beispiel Maschinen, Bauten oder auch Computerprogramme – nicht jedoch Grundschulpädagogen oder Universitätsprofessoren. Wenn Berlin also einen neuen Lehrer einstellt, dann gilt das aus Sicht der Statistik nicht als Investition.

Deshalb haben alle üblichen Verfahren zur Ermittlung des Investitionsbedarfs Schwächen. Das bedeutet nicht, dass es keine Investitionslücke gibt. Aber ob der Staat genug Geld für die öffentliche Infrastruktur ausgibt, lässt sich nicht so einfach ausrechnen. Hier kommen die fünf gängigsten Methoden, um die Größe der Investitionslücke zu bestimmen. Machen Sie sich selbst ein Bild!

Was machen die anderen?

Staatsinvestitionen in Prozent des BIP für das Jahr 2015

Für alle Grafiken: BMF, Destatis, KfW, OECD, Weltwirtschaftsforum © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Wer wissen will, wo er steht, der kann sich einfach mit anderen vergleichen. Dieses Prinzip wenden die meisten Studien zur Bestimmung des Investitionsbedarfs an. Tatsächlich gibt Deutschland weniger Geld für öffentliche Investitionen aus als vergleichbare Länder. Das Problem: Staat ist nicht gleich Staat. Wenn ein Land etwa Krankenhäuser selbst betreibt, dann erhöhen deren Ausgaben die Staatsinvestitionen. In Deutschland mit seinen oft privaten Krankenhäusern dagegen werden diese Ausgaben als Privatinvestitionen registriert – ohne dass dadurch die Patienten schlechter versorgt wären. Deshalb liefert der internationale Vergleich zwar wichtige Anhaltspunkte für die Größe der Investitionslücke, direkt vergleichbar sind die Ergebnisse aber nicht.

Wie war es früher?

Deutsche Staatsinvestitionen in Prozent des BIP

© ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Um die methodischen Schwierigkeiten des Vergleichs mit anderen Ländern zu umgehen, vergleichen Forscher häufig die Investitionstätigkeit mit der Investitionstätigkeit in der Vergangenheit. Auch in diesem Fall ist das Bild klar: Der Staat investiert heute deutlich weniger als früher. Die Investitionsquote ist zwar zuletzt wieder etwas gestiegen, sie liegt aber immer noch unter dem langjährigen Durchschnitt. Allerdings ist die Kurve durch zwei Entwicklungen verzerrt: Erstens wurde nach der Wiedervereinigung die Statistik umgestellt, und zweitens wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche öffentliche Unternehmen privatisiert, zum Beispiel im Bereich der Müllentsorgung. Deren Ausgaben werden damit nicht mehr als Staatsinvestitionen geführt.

Was wollen die Kommunen?

Kommunaler Investitionsbedarf im Jahr 2016

© ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Für Schulen, Straßen und andere öffentliche Einrichtungen sind in der Regel die Städte und Gemeinden zuständig. Deshalb misst die staatseigene Förderbank KfW die Investitionslücke, indem sie dort nachfragt. Einmal jährlich schickt sie einen Fragebogen an ausgewählte Kämmerer. Die sollen angeben, wie viel sie investieren müssten, um "die Infrastruktur auf den heute notwendigen Erhaltungszustand zu bringen". Die Ergebnisse werden dann auf Deutschland hochgerechnet. Im vergangenen Jahr belief sich dieser "wahrgenommene Investitionsrückstand" auf 126 Milliarden Euro. Die KfW hält das für "plausibel" – allerdings ist nicht jedes Schwimmbad, das ein Stadtkämmerer für notwendig erachtet, auch tatsächlich ökonomisch gerechtfertigt.

Leben wir von der Substanz?

Staatsinvestitionen und Wertverlust (Abschreibungen)

© ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Computer, Schulen oder Brücken haben wie alle Dinge eine unangenehme Eigenschaft: Sie sind vergänglich. Eine deutsche Straße etwa hat im Schnitt eine Nutzungsdauer von 52 Jahren. Sie verliert also Jahr für Jahr durch Wind, Wetter oder Gebrauch an Wert. Wenn der Staat diesen Verlust nicht ausgleicht, lebt das Land von der Substanz. Genau das ist derzeit der Fall, weil die Investitionen niedriger sind als der rechnerische Wertverlust, der als Abschreibung bezeichnet wird. Die Lücke summiert sich auf rund zehn Milliarden Euro seit 2013. Weil sich die Abschreibungen aber nicht messen lassen, werden sie mit einem mathematischen Verfahren berechnet. Das bedeutet: Sie können den tatsächlichen Wertverlust überschätzen oder unterschätzen.

Wie sieht uns die Welt?

Qualität der Infrastruktur (Rangliste)

© ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Wenn sich deutsche Politiker über den Zustand der heimischen Straßen beklagen, dann stoßen sie damit in vielen Ländern auf Unverständnis. Tatsächlich ist die Infrastruktur hierzulande in einem besseren Zustand als beispielsweise in Großbritannien oder den USA – zumindest wenn man dem jährlichen Bericht zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Genfer Weltwirtschaftsforums glaubt. Das Forum stützt sich dabei unter anderem auf Umfragen unter Unternehmenslenkern. Allerdings: Es gibt Länder, die stehen deutlich besser da. Dazu zählen unter anderem die Niederlande und Frankreich. Wie groß die Investitionslücke ist, hängt also auch von den eigenen Ambitionen ab: Ist das Ziel die Spitze, oder reicht ein Platz auf den mittleren Rängen?