Nein, die meisten wollen nicht mehr reden in Pulsnitz. Im Pfarrbüro nicht, beim Bäcker nicht, auch nicht in der Straße, aus der Linda W. verschwand. Zu viele Journalisten waren in den vergangenen Tagen hier, zu viele Fragen haben sie gestellt. Im Rathaus lassen sie direkt zur Bürgermeisterin durchstellen, weil außer ihr keiner mehr darüber reden will. "Pulsnitz ist ein Ort, in dem man gern vom Radar verschwindet", sagt diese Bürgermeisterin, Barbara Lüke. Jetzt war Pulsnitz plötzlich auf dem Radar der ganzen Welt. Auch die ZEIT ist hierhergekommen, um den Ort zu sehen, aus dem Linda W. aufgebrochen ist. Das Mädchen, das jetzt viele wegen dreier Fotos kennen. Das Mädchen aus Sachsen im IS-Staub.

Die heute 16-Jährige verschwand vor fast genau einem Jahr aus Pulsnitz – mutmaßlich, um im "Kalifat", dem Möchtegern-Staat des IS, zu leben. Und jetzt, seitdem sie in Mossul in einer Tunnelanlage festgenommen worden ist, schaut die ganze Welt nach Sachsen. Auch internationale Medien haben umfangreich über den Fall berichtet: die New York Times, der Guardian, die Sun, Al-Dschasira.

Es hat schon einige Jugendliche aus Europa und auch aus Deutschland gegeben, die nach Syrien oder in den Irak verschwanden. Es gab Leonora aus Sachsen-Anhalt, die 2015 mutmaßlich nach Syrien ging. Oder Samuel aus Sachsen, der auch in Syrien war und inzwischen wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist. Aber keiner erlangte international so viel Aufmerksamkeit wie Linda W. Was ist besonders am Fall dieses Mädchens?

Zwei Antworten gibt es auf diese Frage. Die erste ist kurz: Der Fall hat alles, was Medien reizt. Es gibt die drei Fotos von Lindas Festnahme. Und es gibt eine Kleinstadt, eben Pulsnitz, in der Lindas früheres Leben zu ergründen versucht wird.

Die zweite Antwort ist, dass vieles an diesem Fall rätselhaft bleibt – selbst jetzt, da nach und nach neue Informationen über das Mädchen aus Sachsen verfügbar werden. Das erste große Rätsel ist dieses: Wie gerät eine jugendliche Sächsin aus protestantischem Elternhaus in die Fänge des IS?

Das Haus, aus dem Linda W. am 1. Juli 2016 verschwand, liegt in einer Seitenstraße von Pulsnitz, und der Mann, der sich darin zuletzt vor Reportern versteckt hat, heißt Thomas W.: Lindas ehemaliger Stiefvater. Am Freitagvormittag steht er vor seiner Wohnungstür, will jetzt doch etwas sagen. Auf den Fotos aus Mossul, erzählt er, habe er Linda sofort erkannt: "Das war sie, nur etwas abgemagert." Von Lindas Mutter lebt Thomas W. seit einiger Zeit getrennt. Die Familie werde von Hayat betreut. Das ist eine Organisation, die Familien berät, deren Kinder sich radikalisieren. Er selber, Thomas W., sei nie zu den Treffen mitgegangen, weil er nicht immer wieder darüber habe sprechen wollen. Er macht viele Pausen, während er erzählt. Und nach einer solchen Pause sagt er: "Das ist ja nicht Linda, die da wiederkommt." Was sie angetrieben haben könnte, in den Irak zu gehen? Thomas W. schaut ins Leere, als ob da eine Antwort wäre.

Geschätzt eine Handvoll ähnlich junger Frauen wie Linda W. haben sich aus Deutschland in das "Kalifat" des IS aufgemacht. Das sagt Claudia Dantschke, die Leiterin der Beratungstelle Hayat. "Diese Frauen", sagt Dantschke, "haben sich oft schon vor ihrer Ausreise in eine Traumwelt geflüchtet, weil sie ihre Realität in Deutschland als negativ empfunden haben." Was ihnen ausgerechnet den IS attraktiv erscheinen lasse, seien oftmals große Ideen: "In eine Gemeinschaft eingebunden zu sein, eine Aufgabe, eine Mission zu haben, Akzeptanz zu erfahren: Danach sehnen sie sich." Todes- und Paradiessehnsucht hingegen kämen eher bei den Männern vor.

In den ersten Meldungen zu Lindas Festnahme wurde das Gerücht gestreut, sie habe ein Gewehr bei sich getragen. Die Sun schrieb daraufhin, Linda W. sei womöglich "Sniper" gewesen, also eine Scharfschützin. Linda: eine deutsche Kämpferin des "Kalifats" – ist das plausibel? Man kann darüber mit Thomas Mücke reden, auch er betreut radikalisierte Jugendliche und deren Eltern, ist Geschäftsführer des Violence Prevention Network. Mücke sagt: "Sobald Frauen dort ankommen, haben sie keine Freiheiten mehr. Sie stehen unter absoluter Kontrolle." Von Rückkehrern wisse man: Im "Kalifat" hätten Frauen vor allem zwei Zuständigkeiten: Kinder und Küche. Sie würden sofort nach ihrer Ankunft verheiratet. Als Kämpferinnen habe man sie in der Regel nicht eingesetzt. Wenn sie nun mit Waffen gefunden worden seien, hält Mücke sie für so etwas wie "das letzte Aufgebot" des IS.