Lieber Gott, lass den nächsten Freitag ausfallen. Dieses Stoßgebet macht dieser Tage die Runde in Jerusalem, Ramallah und Amman. Am vergangenen Wochenende war es am Tempelberg zu den schwersten Zusammenstößen seit Langem gekommen. Auslöser waren Metalldetektoren an den Zugängen zur Al-Aksa-Moschee, angeordnet von der Regierung Netanjahu nach einem tödlichen Attentat auf zwei israelische Polizisten. Bei den folgenden Protesten wurden drei Palästinenser erschossen, Hunderte verletzt, ein palästinensischer Attentäter erstach drei jüdische Israelis in einer Siedlung.

Am Montag ließ die Regierung die Detektoren wieder abbauen. Ob ein neuer blutiger Freitag damit verhindert ist? Der akute Anlass ist entfernt. Die tieferen Ursachen bleiben.

Der Tempelberg, Stätte zweier in der Antike zerstörter jüdischer Tempel, der Klagemauer, des Felsendoms und der Al-Aksa-Moschee gilt Juden wie Muslimen als Heiligtum. Er ist der religiös aufgeladene Brennpunkt des Nahostkonflikts. Viele Palästinenser wie auch die meisten Muslime sehen die Präsenz israelischer Soldaten und Polizisten dort als Provokation und als Vorgriff Israels auf die Herrschaft über ganz Jerusalem.

Diese Krise ist aus drei Gründen weiterhin bedrohlich: Die politischen Führungsfiguren sind schwach, ihre Gesellschaften radikalisiert, und das regionale Machtgefüge ist im Umbruch. Israels Premier Netanjahu ist ein Getriebener der Ultra-Nationalisten seiner Koalition. Der palästinensische Präsident Abbas hat nach über zehn Amtsjahren nichts zu bieten als den Blick auf wachsende jüdische Siedlungen.

Jordaniens König Abdullah regiert ein Volk, das zu über 50 Prozent aus Nachkommen palästinensischer Flüchtlinge besteht, und muss sich wegen seiner Kooperation mit Israel permanent rechtfertigen.

Dass sich zunächst alle drei hinter kompromissloser Rhetorik verschanzten, zeigt, wie sehr sie unter dem Druck der Hardliner stehen. Netanjahu ließ die Detektoren aber nicht nur abbauen, weil er eine neue Intifada fürchtet. Israel lässt sich derzeit auf eine heikle Annäherung an autoritäre sunnitische Regime ein, von denen es sich Unterstützung gegen den expandierenden Iran erhofft.

Die neuen Freunde, allen voran Saudi-Arabien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate, bleiben in der Tempelberg-Krise denn auch verblüffend leise. Kairo und Riad haben es zu Hause mit einem erheblichen Protestpotenzial zu tun – trotz massiver Repression. Anhaltende Kämpfe am Tempelberg bei gleichzeitig Israel-freundlichem Kurs der Regierungen können da sehr mobilisierend wirken. Was vermutlich auch viele junge Palästinenser begriffen haben.

Der Tempelberg ist der einzige Ort, an dem sie derzeit internationale Aufmerksamkeit erregen können.