Unter anderen Umständen würde man die Forderung von VW-Chef Matthias Müller für die eines besonders humorbegabten Managers halten. Aber der Mann verlangte am Montag allen Ernstes staatliche Unterstützung bei der Umstellung auf Elektromotoren, ganz so, als sei dies die einzige Möglichkeit, damit die Fahrzeuge seines Unternehmens nicht weiter mit dreckigen Dieselmotoren fahren müssen. Wie selbstverständlich stellte Müller fest: "Wir sind darüber im Gespräch mit der Politik."

Der VW-Chef forderte den Kundendienst der Regierung an, nur ein Wochenende nachdem bekannt geworden war, dass sein Konzern womöglich wieder mal Gesetze gebrochen hat. An Berichte über Betrug bei Abgaswerten hatte man sich bei VW ja schon gewöhnt. Nun sollen sich Manager des Konzerns aber auch noch illegal mit denen anderer Autohersteller über Preise und Technik abgesprochen haben, zum Schaden von Kunden und Lieferanten. In so einer Situation neue Staatshilfe zu fordern, darauf muss man erst mal kommen.

Doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass bei Müllers nächstem Stopp in Berlin von der großen Kanzlerin bis zum kleinen Verkehrsminister das halbe Kabinett bereitsteht, wenn er sein neues Ziel wiederholt: "Jeder weiß, dass die Zukunft elektrisch fährt."

Elektrisch? In Berlin müsste das für Verwirrung sorgen. Schließlich haben Politiker der Regierungsparteien den deutschen Autoherstellern und ihrem Diesel seit Jahren strenge Abgaswerte der EU vom Leib gehalten und sie mit Subventionen unterstützt. Allein der Steuernachlass auf Dieselkraftstoff kostet den Staat im Jahr acht Milliarden Euro. Dafür sicherte die Industrie den Politikern die Macht, indem sie für wachsenden Wohlstand und Arbeitsplätze sorgte, und bisweilen gab es auch mal Posten für Leute, denen die Macht in der Politik abhanden kam. Parallel zum mutmaßlichen Kartell der Konzerne entstand auf diese Weise eine Art politindustrielles Kartell, in dem Politiker und die Autoindustrie den Verbrennungsmotor zur Staatsräson erklärten.

Plötzlich sieht sich diese Allianz aber einer Reihe von Gegnern gegenüber, die kein Kartell sind, aber trotzdem mächtig: Verbraucherschützer, Umweltbehörden im In- und Ausland, Börsenaufsichten, Investoren, Anwälte, sie alle stellen eine peinlich gepflegte Behauptung auf die Probe: dass es im Sinne des deutschen Gemeinwohls sei, die Autoindustrie und ihre Verbrennungsmotoren mit freundlicher Regulierung und mit Geld vom Staat zu unterstützen.

Die Grünen haben im Wahlkampf vor allem erfolglos einen Elektrobus gesucht

Wie groß dieses Entgegenkommen seitens der Politik war, zeigt schon der Niederschlag des Skandals im Bundestagswahlkampf. Fragwürdige Geschäfte der Industrie zulasten von Verbrauchern und Umwelt könnten darin ein großes Thema sein. Doch sie spielen abgesehen von ritualisierter Empörung kaum eine Rolle. Denn wer sich in Deutschland um die Macht bewirbt, der bewirbt sich auch um den Titel des Autokanzlers – oder der Autokanzlerin.

Wenig versinnbildlicht dies so sehr wie jene Tage im Juni 2013, in denen Angela Merkel sich im Auftrag der deutschen Automobilindustrie erfolgreich durch Europas Hauptstädte telefonierte, um schärfere Regeln für den Ausstoß von CO₂ zu verhindern. Da passt es ins Bild, dass der Präsident des deutschen Automobilverbandes, Matthias Wissmann, ehedem selbst für die CDU Verkehrsminister war und am Dienstag im Handelsblatt verkündete: "Ich hätte nichts gegen eine Incentivierung zur Flottenerneuerung bei Bussen und Taxen." Bund und Länder seien "in der Pflicht". Erst haben die Autos aus Wissmanns Mitgliedsunternehmen also subventioniert die Luft verpestet – nun wollen die Unternehmen subventioniert gegensteuern. Noch ein Mann mit Humor!