In manche Bücher verliebt man sich wegen ihrer Titel – und hofft inständig, dass man beim Lesen nicht enttäuscht wird und der Inhalt hält, was der Titel verspricht. Hinter den Türen warten die Gespenster: Da beginnt gleich das Kopfkino, man sieht bleiche Gesichter, Untote und Lebende, ein Spiel der Angst im unheimlichen Heim. Und man denkt an andere Titel, denen man vor Jahren verfallen war: Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür oder Heinrich Bölls Haus ohne Hüter. Wie diese beiden Vorgänger, so ist auch Florian Hubers neues Buch der (west)deutschen Nachkriegszeit gewidmet – und um es gleich zu sagen: Die Liebe lässt nach bei der Lektüre, aber Freundschaft kann man mit diesem Buch durchaus schließen.

Florian Huber hat eine Schatzgrube für sein Spezialthema – die Familie – aufgetan: das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen. Dort finden sich auch Zeugnisse derer, die eigentlich verschwiegen sind wie ein (Millionen-)Grab: Zeugnisse von Männern. Ein Kriegsgefangener schreibt besorgt aus Ägypten: "Wenn ich wieder bei Dir bin, wird es auch nicht gleich am ersten Tage gehen, bis ich die Befehlsgewalt in unserem Haushalt übernehmen kann." Ein Mann kommt mit Hungerödem von der Volksfront zurück und wundert sich: "Ich kannte meine Frau gar nicht mehr. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen hab, dass sie gelernt hat, ›ich‹ zu sagen, solange ich weg war." Erst nach Jahren schließt er einen "Kompromiss" mit ihr – und der sieht so aus: "Sie ist der Ministerpräsident und Vergnügungsminister und Kultur- und Verpflegungsminister, und ich bin der Arbeitsminister. Auf der Basis haben wir’s dann geschafft." Ein Vater sieht sich als der "Überlegene, der alles Nötige weiß und kann", scheitert aber jämmerlich an seinem Ideal und stößt das Gesicht seiner Tochter in die heiße Suppe. Dazu passt, was ein vaterlos Aufgewachsener im Rückblick schreibt: "Männer waren für mich nicht strahlende Helden, sondern Mann sein hieß für mich, entweder sie überlebten nicht oder sie kamen als Monster zurück."

Der VW Käfer, "er läuft ... und läuft ... und läuft", so lautet der wohl bekannteste Werbespruch der Nachkriegszeit. Man darf ergänzen: Er läuft weg – vor der Vergangenheit. Der Käfer avanciert zum Traumwagen Konrad Adenauers, der 1949 sagt: "Wir haben so verwirrte Zeitverhältnisse hinter uns, daß es sich empfiehlt, generell tabula rasa zu machen." Im Kontrast zu dieser Aufbruchsstimmung zeigt Florian Hubers Buch ein Stillleben, ein Familienleben im Stillstand. Zäh ist das alles, kleine Schritte dauern Jahre, das Schweigen über die Vergangenheit wirkt erstickend. Natürlich ist dies eine Ruhe vor dem Sturm, doch wie es dann zum großen Wetterumschlag in den sechziger Jahren kommt, erklärt Huber leider nicht.

Das Buch ist mit wunderbar leichter Hand geschrieben, aber Huber macht es sich dabei gelegentlich auch ein bisschen zu leicht. Viele der stärksten Szenen stammen aus zweiter Hand, nämlich aus den großen Büchern der Nazikinder und -enkel, etwa von Bernward Vesper, Jürgen Lodemann, Alexandra Senfft oder Ute Scheub. Manche kostbaren Dokumente – etwa die Bücher von Christoph Meckel, die Filme von Wolfgang Neuss (Wir Kellerkinder) und Malte Ludin (2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß) – lässt er achtlos beiseite. Historiker werden sich daran stören, dass Huber in dem Kapitel Aufstand im Land der Angepassten wahllos die Treffen von Altnazis mit dem Kampf um betriebliche Mitbestimmung kombiniert, dass er Winifred Wagner als "Urenkelin" (und nicht als Schwiegertochter) des Komponisten bezeichnet und die Halbstarkenbewegung anhand einer "eindringlichen Klageschrift eines Jugendlichen" schildert, die in Wirklichkeit aber von der 42-jährigen Mutter zweier Halbwüchsiger verfasst worden ist. Wie gesagt: Die Freundschaft zu diesem Buch bleibt trotzdem. Man kann mit Hubers Hilfe seinen Frieden machen mit einer Zeit, die nicht nur vom Kalten Krieg der Ideologien und vom Wirtschaftswunder gezeichnet war, sondern auch von einem kalten Krieg in den Familien, einem Krieg, aus dem ein soziales Wunder hervorging: die Neuerfindung Deutschlands. "Dieses deutsche Grau muss man zivilisieren", so sagt einer von Hubers Helden. Erstaunlicherweise ist das gelungen.

Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit; Berlin Verlag, München/Berlin 2017; 348 S., 22,– €